ERZÄHLUNGENPeter Stamm liest aus „Seerücken“ : Das kleine Scheitern

Peter Stamm muss sich ziemlich gut auskennen in der Seele des Menschen, in ihren Gründen und Abgründen. Zumindest demonstrieren das mehr noch als die Romane seine Kurzgeschichten, die Stamm seit seinem Debütroman „Agnes“ von 1998 und einem ersten Geschichtenband („Blitzeis“, 1999) zuverlässig liefert.

„Seerücken“, der in diesem Frühjahr erschienene und für den Preis der Leipziger Buchmesse nominierte Erzählungsband, wird bevölkert von unauffällig und bieder wirkenden, aber angezählten Figuren, die mühsam versuchen, ihren Alltag zu bewältigen. Mitunter dekompensieren sie, einfach so oder weil plötzlich etwas aus der Spur geraten ist. So wie die aus einem zerrütteten Elternhaus stammende Anja, die als Schülerin jahrelang im Wald gelebt hat; so wie der Mann, der nicht damit zurechtkommt, dass seine Frau nach einer Hirnoperation auf der Intensivstation liegt; so wie Ana in der Erzählung „Sommergäste“, die sich in einem lange schon aufgegebenen Hotel versteckt, aus welchen Gründen auch immer.

Peter Stamm erzählt in „Seerücken“ vom kleinen, unspektakulären Scheitern. Und das macht er in einer unauffälligen, unangestrengten, leicht zu erobernden Sprache, die den Leser sofort in jede einzelne dieser Geschichten eintauchen lässt. Stamm beherrscht sein Metier, und die Anstrengungslosigkeit ist seine große Kunst: Das Schwere wird bei ihm nicht ganz so schwer und bemüht erzählt. Umso wuchtiger erscheint es dann, wenn seinen Figuren die Wirklichkeit ins Rutschen gerät, wenn sich die Tragik des Individuums in seiner ganzen, elendigen Pracht zeigt. Gerrit Bartels

Georg Büchner Buchladen,

Mi 15.6, 20 Uhr, 10/8 €

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