Zeitung Heute : „Erziehen Sie Ihre Professoren“

Der Tagesspiegel

Ein gelungenes Studium beginnt mit der Erziehung - der Professoren. Warum das so ist, erfuhren die Erstsemester der Freien Universität am Mittwoch bei der Immatrikulationsfeier von Jürgen Baumert, der Direktor des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung ist und die Pisa-Studie herausgegeben hat. „Kein Professor will schlechter sein als seine Studenten", sagte Baumert. Ein Seminar, dass den Professor zu Höchstleistung animieren will, muss also vor allen Dingen selbst Höchstleistungen zeigen: „Strengen Sie sich an, lesen Sie, bereiten Sie sich vor", riet der Erziehungswissenschaftler, der selbst Professor an der FU ist, den 3300 Neulingen. „Bestehen Sie auf Feedback. Gehen Sie zu Ihrem Studiendekan, wenn die Korrektur einer Klausur drei Monate dauert."

Vor allem sollen die Studenten aber die Stärken und Schwächen ihrer Professoren kennen: „Es gibt exzellente Forscher und exzellente Lehrer." Bei beiden Professoren-Typen sollten die Studenten Kurse belegen. Wer zu welcher Art gehört, sei leicht herauszufinden: „Fragen Sie Ihre Kommilitonen, gehen Sie ins Internet. Da sehen Sie die Publikationen." Überhaupt: die Publikationen. Anhand einer Studie über die Anzahl der Veröffentlichungen der Hochschullehrer weihte Baumert die Erstsemester ins Seelenleben ihrer künftigen Professoren ein: „Hochschullehrer ist ein ausgesprochen undankbarer Beruf." Die meisten Professoren litten unter der Sorge, von ihren Fachkollegen nicht wahrgenommen zu werden. Zu Recht, wie Baumert mit Grafiken belegte, die er auf eine Leinwand im Audimax warf. Mehr als die Hälfte der Professoren publiziert wenig und wird entsprechend kaum von der Fachwelt bemerkt - in allen Fächern sei das so ähnlich wie in der Ökonomie oder der Soziologie (s. Grafik), und das überall auf der Welt.

Am schlimmsten trifft es die rund 20 Prozent Vielschreiber, deren Aufsätze und Bücher dennoch kaum zitiert werden. Etwa 12 Prozent der Professoren publizieren dagegen eher wenig - wenn sie es aber tun, beachtet die Fachwelt sie. „Das sind Schreiber von Lehrbüchern oder Perfektionisten“, sagte Baumert. Nur gut ein Viertel der Professoren sind dagegen Vielschreiber, die auch viel gelesen werden. Sie sind es, die in der Fachwelt die beste Reputation haben.

Asta provoziert FU-Präsidenten

Und die Studienanfänger? Unter den deutschen Gymnasiasten im Abitur sind ein Drittel nicht in der Lage, innerhalb von 45 Minuten ein fünfminütiges Referat aus zwei Aufsätzen zur Gentechnik zu stricken, zeigte Baumert anhand einer weiteren Studie. Immerhin: 39 Prozent lösten die Aufgabe. Baumert empfahl denen, die mit ihrer Lese- und Verständnisfähigkeit Probleme haben, „keinen Tag mit der Aufbesserung dieser Kompetenz zu verschenken. Dann haben Sie später mehr Zeit, in der Sonne zu liegen.“

Schon traditionell ist der Schlagabtausch, den sich FU-Präsident Peter Gaehtgens jedes Semester mit dem Begrüßungsredner des Asta liefert. Diesmal provozierte ihn die Studentenvertreterin Hayuta Zaher. Das Protokoll der FU habe sie aufgefordert, den Inhalt ihrer Rede im Vorfeld bekannt zu machen, damit den Erstsemestern nicht der Start vermiest werde. „Ich sollte was Positives berichten und sagen, warum ich die FU gewählt habe. Das ist mir aber unmöglich. Man muss die FU in ihrer jetzigen Form abschaffen“, sagte die Studentin und forderte Gaehtgens auf, rund 100 Anzeigen vom Winter gegen Studenten wegen Hausfriedensbruchs zurückzuziehen. Damals hatten sich streikende Studierende geweigert, die Hörsäle 1A und 1B der Rostlaube zu verlassen. Der Protest galt der Rasterfahndung an Hochschulen, der Zwangsexmatrikulation von Langzeitstudenten und der Privatisierung von Hochschulen.

Gaehtgens konterte: „Ich bedauere, dass eine Studentin, die an der FU immatrikuliert ist, deren Abschaffung fordert. Es gibt Möglichkeiten zu wechseln.“ Die Pressestelle der FU teilte auf Anfrage mit, der Präsident werde die Anzeigen nicht zurückziehen. Doch deute sich an, dass sie wegen Geringfügigkeit eingestellt werden. Anja Kühne

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben