Erzieher : Kinder sind kein Kinderspiel

Waschen, füttern, anziehen, ausziehen, kuscheln, trösten, helfen, mahnen, fördern – und das alles für 2500 Euro brutto, höchstens. Zu wenig, finden Deutschlands Erzieherinnen. Ab heute wird wieder über ihre Löhne verhandelt, wenn die Gespräche scheitern, gibt es Streiks. Einblick in den Alltag eines unterschätzten Berufs.

Katja Reimann
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Überlastet. Ariane Krausse, seit Januar Erzieherin in der Kita Kleeblatt in Falkensee bei Berlin, würde ihren Schützlingen gerne...Foto: Thilo Rückeis

Zwei Minuten. So lange sitzt Ariane Krausse vor dem kleinen Jungen mit den großen Augen. Lächelt, spricht ihm gut zu. „Na komm, Moritz“, sagt sie. „Du schaffst das, wir haben doch geübt.“ Moritz soll sich ausziehen für den Mittagsschlaf, alleine. Aber der Dreijährige wurde zu früh geboren, er ist entwicklungsverzögert und langsam – zu langsam. Also packt Ariane Krausse doch wieder mit an.

Sie hat Sozialpädagogik studiert. Auch wegen Kindern wie Moritz, die sie fördern will. Doch die Zeit, die der Junge bräuchte, kann sie ihm nicht immer geben. Oft ist Ariane Krausse, 28, kurze blonde Haare, Bluse, Plastikclogs, allein mit einem guten Dutzend Dreijähriger. Dann muss sie hier sein und dort und überall, trösten, ermahnen, helfen.

Die Villa Kleeblatt in Brandenburg, Falkensee, am Nordwestrand Berlins. Eine städtische Kindertagesstätte im Ortsteil Finkenkrug, der so grün ist, als würde er vom umliegenden Wald verschluckt. Idyllisch wirken die kopfsteingepflasterten Straßen vor der alten Jugendstilvilla, in der die Kita untergebracht ist. In den vergangenen Monaten aber ging es hier wenig idyllisch zu. Immer wieder haben die Erzieherinnen gestreikt, für besseren Gesundheitsschutz, für mehr Lohn. Gemeinsam mit Zehntausenden anderen der insgesamt 220 000 Beschäftigten in deutschen Kitas.

Am gestrigen Mittwoch gab es wieder eine Kundgebung in Königs Wusterhausen. Doch noch immer haben sich die Gewerkschaften und die Vereinigung der kommunalen Arbeitgeberverbände nicht einigen können, Mitte Juni brachen sie die Gespräche ab. Erst ab dem heutigen Donnerstag wird wieder verhandelt. „Wir bekommen einen Hungerlohn“, sagen die Erzieherinnen.

Die Fenster der Villa Kleeblatt sind im Erdgeschoss mit Fingerfarbe bemalt: orangefarbene Seepferdchen, grüne Algen, ein blaues U-Boot, Fische. Das Meer ist gerade Thema in der „Käfergruppe“, Erdgeschoss, zweite Tür rechts.

Im Garten ist es am Vormittag so laut wie in einem Sommerbad, wenn die 56 Kinder der Kita draußen spielen. Die Jüngsten hier sind drei, die Ältesten sechs Jahre alt. Am Sandkasten steht Christa Thomas, 56, mit weißem Haar und runder Brille. Sie tröstet Hendrik, der vom Kletterturm gefallen ist, und beruhigt gleich darauf die jammernde Felicia: „Der Jörn ist mir ans Bein gefahren!“ Jörn wird ermahnt. Zwei kleine Mädchen verstecken sich in einer Hütte, Jungs schleppen einen großen Ast in den Sandkasten, zwei schleichen durchs Gebüsch und finden Pilze. „Nein, die dürft ihr nicht essen“, ruft Thomas’ Kollegin. Alltag einer Erzieherin.

Zwei von ihnen versuchen, zwischendurch ein Gespräch über die Entwicklung der Kinder zu führen. „Wer vorbeikommt, denkt, wir haben es gut“, sagt Christa Thomas, die schon seit 20 Jahren hier arbeitet. Sie weiß es besser: Zeit für Austausch mit den Kollegen bleibt kaum. Sie findet das frustrierend.

2100 Euro brutto verdient eine Vollzeiterzieherin nach einem Jahr im Beruf. Mehr als 2500 Euro wird sie nach dem im Jahr 2005 eingeführten Tarifvertrag des öffentlichen Dienstes auch nach 15 Jahren Arbeit nicht verdienen. Knapp 14 Prozent mehr Lohn wollen die Arbeitgeber zugestehen. Die Gewerkschaften fordern je nach Berufserfahrung Lohnerhöhungen um bis zu 1000 Euro. Mit einem besseren Gehalt soll sich endlich einstellen, was Ariane Krausse und ihre Kolleginnen am meisten vermissen: Anerkennung. Wertschätzung für ihren Beruf, den sie lieben und der sie so viel Kraft kostet. Weil sie schon lange nicht mehr nur betreuen, sondern beraten, lehren, fördern. Weil sie auch Psychologen sind und Lehrer.

„Viele denken, wir spielen den ganzen Tag nur mit den Kindern“, sagt Kerstin van Raemdonck, 49, die Leiterin der Villa Kleeblatt. Sie lacht. Seit 1980 ist sie Erzieherin, ihre Ausbildung hat sie in der DDR gemacht, drei Jahre an der Fachschule. Ein starres pädagogisches Konzept, sagt sie, gibt es im Haus nicht, gemacht wird nur, was geht. Denn stets steht zu wenig Personal zur Verfügung, weil immer jemand gerade krank oder bei einer Fortbildung ist. Manchmal hat sie die Eltern schon gebeten, ihre Kinder bereits am Mittag abzuholen – weil es einfach zu viele waren.

Acht Kinder pro Erzieherin, das wäre ein ideales Verhältnis, sagt van Raemdonck. Experten meinen sogar, es sollten nicht mehr als drei Kinder sein. In der Villa Kleeblatt aber kommen meist 14 Kinder auf eine Erzieherin. Da ist der Lärmpegel manchmal hoch. „Man muss sich dann anstrengen, um alle zu erreichen“, sagt van Raemdonck und streicht sich die schwarzen Haare hinter die Ohren. Mit dem rechten hört sie nach 30 Jahren Arbeit in Kindergärten nicht mehr so gut.

Sie sitzt auf einem kleinen Holzstuhl. Neben dem Tisch liegt ein Teppich, auf dem Straßen aufgezeichnet sind, darauf steht ein Spielzeugbagger, die Wände sind bunt gestrichen. Es ist ein großes Zimmer, getrennt vom Nebenraum durch eine Schiebetür. Gern erzählt van Raemdonck von den seltenen Momenten der Arbeit, in denen sie nur eine Handvoll Kinder um sich hat, ein Experiment mit ihnen durchführen kann, wie neulich. Mit den Großen hat sie getestet, wie viele Tropfen Wasser auf eine Münze passen. Sie mussten mit Pipetten hantieren, sich konzentrieren. Auch für echte Gespräche mit den Kindern, sagt van Raemdonck, reiche die Zeit selten, das ergebe sich höchstens zufällig, etwa zwischen dem Mittagessen und der Entspannungszeit für die Fünf- und Sechsjährigen.

Zwei Jungen kommen zu ihr und zeigen kleine Fotoalben mit Bildern von Eltern und Geschwistern. Hendrik erzählt von seinem blauen Ranzen, der schon zu Hause in seinem Zimmer steht, fertig für den Schulstart im September. Schöne Momente – und kurze. Fünf Minuten Gespräch, dann stürmt Armin ins Zimmer: „Hilfe“, schreit er, „Rettungsdienst!“ Van Raemdonck springt auf: In der Kuschelecke gibt es Krach. Auf den blauen Kissen unterm Lichterketten-Sternenhimmel weint ein Mädchen.

Nebenan erledigt Christa Thomas ein paar Schreibarbeiten, verzeichnet im Gruppenbuch, wie viele Kinder da sind, wer heute fehlt. Und sie hilft Jörn, der neben ihr sitzt und ein Aquarium malt, Fisch- und Seepferdchen-Klebebilder abzuknibbeln. Eigentlich ist Christa Thomas studierte Kunstlehrerin, auf Jörns Bild notiert sie hinten, was ihr daran gefällt: die Auswahl der Fische, die Farben. Eine schnelle Notiz für seine Eltern. Christa Thomas hat einen hohen Anspruch an sich und ihre Arbeit. Sie will den Kindern „Mut fürs Leben“ geben, sagt sie. Wenn nicht im Kindergarten, wo dann?

Eine bundeseinheitliche Übereinkunft, was Kinder in einer Kita überhaupt lernen sollen, gibt es nicht. Doch die Ansprüche steigen. Nun müssen die Erzieherinnen auch sogenannte Sprachstandserhebungen durchführen, überprüfen, ob die Vorschulkinder einen guten Wortschatz haben, ordentlich sprechen.

„Wir sind der Dreh- und Angelpunkt“, sagt Christa Thomas. Täglich läuft sie ihrem Ideal hinterher.

In der Ecke toben ein paar Mädchen, es gibt Streit um ein Plastikcroissant im Kinderkaufladen, zwei wickeln sich in einen Theatervorhang neben dem Fenster. Christa Thomas steht auf, klatscht in die Hände, eine Minute herrscht Ruhe, dann geht das Gezetere wieder los. „Frau Thomas, guckst du mal“, sagt ein Junge und hält ihr sein Bild vors Gesicht. Frau Thomas guckt und lobt. An der Wand hängt eine bunte Bildertafel, unter jedem Bild steht ein Buchstabe. B wie Baum, I wie Igel, eine Hilfe bei der Sprachförderung. Die nur funktioniert, wenn die Kindergruppen nicht zu groß sind. Heute geht es nicht: Um kurz nach eins ist die Erzieherin mit 28 Kindern allein im großen Raum – Kerstin van Raemdonck muss ins Büro. Da kann sie die Tür schließen, arbeiten. Ein Privileg.

Müssen die Erzieherinnen die Lernfortschritte der Kinder dokumentieren, tun, was der Gesetzgeber verlangt, dann gehen sie dafür in den Keller. Neben der gekachelten Treppe ins Untergeschoss, zwischen Rumpelkammer und Werkstatt für die Kinder, steht dort ein kleiner Schreibtisch mit winziger Lampe. Es ist ihr einziger Rückzugsort im Haus.

Zwei Stockwerke darüber, im Obergeschoss der Villa, hält sich Britta Uelpenich, 47, den Rücken, als sie aufsteht, Knete vom Regal holt, sich wieder setzt. Der Ischiasnerv, die kleinen Stühle. Nacheinander bindet sie fünf Kindern Schürzen um, verkündet eine Überraschung: Helene hat Gummibärchen dabei, jeder darf zwei essen. So sollen die Kinder auch gleich zählen lernen, sie sind fünf, bald kommen die ersten in die Schule. An der Schrankwand hängen bunt gemalt große Zahlen. Dann kommt Willo, beschwert sich. Ole hat ihn „doof“ genannt. Britta Uelpenich zitiert Ole zum Tisch. Der weint: Willo hat ihm einen Klumpen Knete auf den Kopf gehauen. In der Zwischenzeit hat Helene alle Gummibären verteilt – obwohl doch jeder nur zwei haben sollte, so war es abgemacht.

Es ist halb zwei, eine Pause hatte Britta Uelpenich noch nicht. Selbst wenn die Kinder schlafen, ist sie im Raum, kann höchstens schnell mal ins Bad, wo das Waschbecken auf Kniehöhe hängt, schon wieder bücken. In Gedanken ist sie schon im Nachmittag, 15 Uhr, da kommen Eltern, zum „Entwicklungsgespräch“. Später dann folgt ein Elternabend.

Viele Kolleginnen, erzählt sie, seien ausgebrannt. Heben, Bücken, Kuscheln, der ständige Lärm. Immerhin: Die Stadt hat den Erzieherinnen höhenverstellbare, ergonomische Bürostühle zur Verfügung gestellt. Zur besseren Lärmdämmung könnten auch die Wände umgebaut werden. Mit dem Geld der Stadt. Theoretisch.

So jedoch muss ein kleiner Gong für Ruhe sorgen. Ariane Krausse lässt den tiefen Ton ausklingen. Vor ihr liegen neun Kinder auf neun kleinen Matratzen, zwei flüstern leise, eins schläft schon. Sie hat neun Tischgedecke abgewischt, Zahnpastatuben aufgedreht, beim Ausziehen und Händewaschen geholfen, Kissen und Decken verteilt, Theodors vermisstes Kuscheltier gesucht und gefunden. Der Gong klingt aus, es wird still.

„Im Prinzip betreuen wir hier das kostbarste Gut“, sagen die Erzieherinnen – und hoffen, dass das bald jeder erkennt. Locker lassen wollen sie jetzt nicht mehr. Zur Not, heißt es bei Verdi, wird einfach weiter gestreikt.

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