Erziehung : Was Eltern heute stemmen

Sie investieren mehr in ihre Kinder denn je – und fragen sich, ob sie richtig erziehen. Ein Gespräch mit dem Familiensoziologen Hans Bertram über gute und schlechte Eltern – und die Rolle des Staats

Erziehung
"Das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern hat sich dramatisch verbessert". -Foto: pa

Herr Bertram, wie viel Zeit brauchen Eltern, um ein Kind gut zu erziehen?

Manche Kinder sind pflegeleicht, da geht es schneller … Allgemein kann man das natürlich nicht sagen. Aber wir wissen, was die Statistik sagt: Durchschnittlich verbringen Mütter drei Stunden am Tag mit der Pflege und Erziehung ihrer Kinder, Väter eine bis zwei Stunden.

Reicht das?

Offenbar ja, denn die meisten Kinder entwickeln sich gut. Die Menschen haben heute weniger Kinder als früher, aber sie investieren mehr in das einzelne Kind. Aus Sicht der Kinder ist das sinnvoll.

Sie sprechen aber von der Rushhour des Lebens, in der Erwachsene mittleren Alters sich gleichzeitig um ihre Kinder, ihre Karriere und ihre pflegebedürftigen Eltern kümmern müssen. Kommt da die Erziehung der Kinder nicht doch zu kurz?

Die Eltern reduzieren nicht ihre Zeit für die Kinder oder die für ihren Beruf – sie reduzieren ihre persönliche Zeit. Deswegen wirken viele Eltern etwas angeschmuddelt: Sie nehmen sich weniger Zeit für ihre Körperpflege, den Kauf von Kleidern, Besuche im Kino, ihre persönlichen Bedürfnisse. Ich gehöre nicht zu denen, die der jetzigen Elterngeneration Vorwürfe macht. Sie leistet mehr als alle vorangegangenen Generationen.

Warum das?

Heute machen mehr Kinder als je zuvor das Abitur, weniger scheitern in der Schule. In den 60er Jahren verließ noch jeder Dritte die Schule ohne Abschluss. Dass das heute anders ist, ist eine Leistung der Eltern, nicht der Schule, denn die Schule ist in ihren Strukturen noch dieselbe. Die Mittelschicht investiert unheimlich viel. Für das Geld, das Sie heute für zwei Kinder brauchen, hätten Sie früher drei aufziehen können.

Häufig wird aber beklagt, es mangele an Erziehungskompetenz.

Das würde ich so nicht sagen. Man ist heute reifer, wenn die Kinder kommen. Alle Studien zeigen, dass sich das Eltern-Kind-Verhältnis seit den 50ern dramatisch verbessert hat. Der Liberalisierungsschub in der Erziehung hat dazu enorm beigetragen. Sicher, die Pubertät ist eine schwierige Zeit auch für gut funktionierende Familien. Aber auch hier stellen wir fest: Eltern, die in dieser Zeit die Wünsche ihrer Kinder respektieren, haben später einen besseren Draht zu ihnen als autoritäre Eltern – die können kaputt gehende Beziehungen nicht mehr reparieren. Im Durchschnitt haben sich die Beziehungen verbessert: Warum ziehen Söhne heutzutage nicht aus? Als ich jung war, wollten wir so früh wie möglich ausziehen. Heute leben die Söhne gerne im Hotel Mama, weil die Generationen gut miteinander auskommen.

Manche denken nostalgisch an die Zeiten zurück, in denen viele Frauen ihre ganze Arbeitskraft dem Haushalt und den Kindern widmeten. Haben sich Eltern früher besser um ihre Kinder gekümmert?

Im traditionellen Familienmodell war mehr Zeit für die Pflege der Kinder und der Alten vorhanden. Aber bedenken Sie auch: In den 50er Jahren war der Haushalt noch schwere Arbeit, allein die Wäsche kostete einen ganzen Tag, und wenn eine Familie dann noch drei oder vier Kinder hatte, blieb für das einzelne Kind nicht unbedingt mehr Zeit. Wir vergessen oft, dass durch die Technisierung Freiräume entstanden sind, die genutzt werden können.

Früher hatten die Kinder mehr Geschwister, die sie mit erzogen haben. Fehlt den Kindern heute da etwas?

Immer noch wächst die Mehrheit der Kinder in Deutschland mit Geschwistern auf. In Berlin und anderen Ballungsräumen gerade im Norden konzentrieren sich allerdings viele Kinder ohne Geschwister. Deswegen brauchen wir Orte, wo viele Kinder sind – wie Kitas und Horte. In meiner Jugend war es normal, dass viele Kinder in der Nachbarschaft waren, die man treffen konnte. Aber wo können Sie heute in Berlin ein fünfjähriges Kind unbeaufsichtigt herumlaufen lassen? Wenn Sie „Emil und die Detektive“ lesen, merken Sie: Da war ganz Berlin der Bewegungsraum für 10- bis 14-Jährige. Heute sind wir da viel vorsichtiger, auch weil die Verkehrsdichte zugenommen hat.

Stichwort Vorsicht: Der Staat bestraft Eltern, die ihre Kinder bei offenem Fenster spielen lassen oder schlagen. Aber nicht, wenn sie ihre Kinder vor dem Fernseher verwahrlosen oder die Schule schwänzen lassen. Sollte man solche Eltern bestrafen - oder zu Erziehungskursen verpflichten?

Die Debatte um schlechte Eltern gibt es seit 200 Jahren. Dahinter steht immer der Gedanke: Die Familie ist der optimale, der wichtigste Ort für die Erziehung. Wenn beim Kind alles gut läuft, gut, wenn etwas schlecht läuft, ist die Familie schuld. Ich finde: Man sollte nicht auf den Eltern rumschimpfen oder sie bestrafen, sondern Angebote bereitstellen, die das einzelne Kind fördern. Davon ist Berlin weit entfernt. Man sollte in benachteiligten Gebieten besonders viel investieren: Die besten Erzieher und Lehrer, die besten Schulen müssten dort sein. Es müssten mehr Leute eingestellt werden, die präventiv arbeiten, und die Eltern müssten stärker in die Schulen eingebunden werden. Der Staat stiehlt sich da aus der Verantwortung.

Wo läuft das besser?

In Nordeuropa hat der Staat kräftig investiert: Ein bis zwei Prozent des Bruttosozialprodukts gehen dort zusätzlich in die Bildung. In Deutschland verlassen wir uns zu sehr auf private Initiativen, die beispielsweise das Vorlesen fördern. Eine amerikanische Kollegin von mir hat eine Studie gemacht, welche Wirkung es hat, wenn man nur die Eltern motiviert, ihren Kindern jeden Abend vorzulesen. Das Ergebnis: Die Bildungsunterschiede wurden nivelliert! Das zeigt doch, was möglich ist, wenn man es richtig anpackt.

Welche Werte vermitteln am besten die Eltern, welche die Erzieher oder Lehrer?

Der Philosoph John Rawls hat einmal gesagt: Achtung vor andern kann man nur entwickeln, wenn man Selbstachtung hat. Um Selbstachtung zu entwickeln, braucht ein Kind mindestens einen Menschen, der „verrückt nach ihm“ ist, der das Kind um seiner selbst willen liebt und nur dieses Kind liebt, egal was passiert. Das können staatliche Institutionen nicht leisten, denn diese Art von Liebe ist notwendigerweise ungerecht. Ein Lehrer muss natürlich alle Schüler gleich behandeln.

Das Gespräch führte Dorothee Nolte.

HANS BERTRAM (62) ist Professor für Mikrosoziologie an der Humboldt-Universität in Berlin und Berater von Familienministerin von der Leyen. Zur Zeit schreibt er in Kalifornien an einem Buch.

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