Zeitung Heute : Es beginnt vor der eigenen Haustür

Das „Feeling“ im Betrieb ist dem Chef wichtig Andreas Best muss in seinem Malerbetrieb keine Quote erfüllen – trotzdem beschäftigt er Menschen mit Schwierigkeiten Den Firmenwagen kaufte er für seine Gesellin

Bojan Krstulovic
Ein gutes Team: Malermeister Andreas Best mit seiner gehörlosen Gesellin Diana Poths. Als nächstes sucht er einen schwerbehinderten Auszubildenden. Foto: Th. Rückeis
Ein gutes Team: Malermeister Andreas Best mit seiner gehörlosen Gesellin Diana Poths. Als nächstes sucht er einen...

Das gefällt der redefreudigen Kundin gar nicht. Stundenlang lasiert die wortkarge Malerin die Holzfenster, doch statt des kurzweiligen Tratsches, auf den sie sich gefreut hatte, läuft nun doch der Fernseher. „Ich musste den ganzen Tag ruhig bleiben, das kenne ich gar nicht von Handwerkern“, wird sie sich später augenzwinkernd beim Chef beklagen. Er hatte Diana Poths geschickt, seine gehörlose Mitarbeiterin.

Andreas Best muss lachen, wenn er an eine seiner Erfahrungen mit der schwer behinderten Gesellin denkt. „Als ich beim Vorgespräch mit der Kundin merkte, die erzählt und erzählt, da hab’ ich zu Diana gesagt, da gehst du hin“, sagt er – und fügt gleich hinzu, dass die Kundin am Ende von der Arbeit begeistert war.

Weil er Diana Poths beschäftigt, hat das Land Berlin Andreas Best mit dem Integrationspreis in Höhe von 5000 Euro ausgezeichnet. Das Integrationsamt hob hervor, dass Best vorbildlich eine Schwerbehinderte in das Arbeitsleben integriert – und das, obwohl er mit seinem kleinen Betrieb keiner Pflichtquote unterliegt.

Zusammen mit seiner Ehefrau Anja führt er seine erst zwei Jahre alte Malerfirma und hat sich bei den Berliner Behörden schon sehr beliebt gemacht. Denn außer Diana beschäftigt er noch zwei Gesellen, die beide mit ihren 55 und 57 Jahren nur schwer vermittelbar sind, wie es in der Sprache der Ämter heißt. Dazu kommen ein Azubi und ein 400-Euro Jobber, für Best trotz seines Alters von 67 Jahren „der Fitteste von allen“. Wenn er jemanden einstelle, dann fest, „der soll auch über den Winter mit“. Das mache das besondere „Feeling“ in einem kleinen Betrieb aus, sagt Best gut gelaunt und voller Herzenswärme.

„Wärme, dort habe ich alles Wärme, gutes Herz. Spruch: Einer für alle, alle für Einen.“ Das notiert Diana Poths energisch in einen Block, in ihrem eigenen Stil, der nicht gebändigt ist von der grammatischen Korrektheit der Wortsprache. Sie meint damit nicht den Chef, sondern ihren Fußballverein für Gehörlose im hessischen Darmstadt. Um da zu spielen, wo sie sich wohlfühlt, nimmt die Berlinerin jahrelang die Pendelei in Kauf. Bis in die Nationalmannschaft hat es die 27-Jährige gebracht. Im Arbeitsleben hat sie dagegen schon viel Kälte erfahren müssen.

Nach ihrer Ausbildung arbeitet sie für mehrere Malerfirmen – bis es nicht mehr geht. „Die vorige Firma hat sie kaputtgespielt“, sagt Best, der zu der Zeit in derselben Firma angestellt war. Sie habe zu schwere Lasten tragen müssen. „Das ist besonders hart, wenn man sich nicht äußern kann.“ Sie musste aufhören, erkrankte am Rücken. Immer wieder bewarb sie sich, auch für andere Berufe. Diana notiert: „Meistens die anderen Firmen haben Angst, weil ich gehörlos bin, und denken, wie wird unsere Kommunikation?“

Sie zweifelte, glaubte schon nicht mehr an den Erfolg, der schon ein halbes Jahr ausblieb. Anfang 2009 schrieb sie eine SMS an ihren ehemaligen Kollegen Andreas Best. Wie es denn gehe, ob er schon den Meister habe, und dass sie arbeitslos sei. „Dann hab’ ich gesagt, probieren wir es doch mal“, erinnert sich Best.

Sechs Monate vergehen von der Idee zur Anstellung. Ein ärztliches Gutachten muss bestätigen, dass sie wieder arbeiten kann. Schließlich wird Diana Poths die erste Gesellin bei Andreas Best. Um sie zu beruhigen, schreiben die Bests in ihren Arbeitsvertrag, dass sie keine schweren Hebetätigkeiten ausüben muss. Schon in seiner Gesellenzeit hatte sich Best vorgenommen: Er will ein besserer Chef sein.

Anstatt Diana Poths Eimer schleppen zu lassen, arbeitet er sie in die Vergoldungsarbeit ein, merkt dabei schnell, dass sie das nötige Geschick hat. „Blattgold aufzulegen ist nicht ohne. Gerade das Feinmotorische ist bei ihr sehr gut ausgeprägt“, sagt er. Best ist auf solche Feinarbeiten spezialisiert – er weiß, dass ein Fehler dabei sehr teuer sein kann. Zuletzt haben sie Unter den Linden einem Konzern 17 Quadratmeter Decke vergoldet. Ein falscher Griff könne da mehrere Tausend Euro kosten, sagt er. Auch deshalb freut sich Anja Best, die über die Buchhaltung wacht, besonders über das Talent der Gesellin.

Die alltägliche Malerarbeit ist weniger glänzend. Diana lackiert, tapeziert, streicht Türen und Fenster, dazu kommen Vorarbeiten und Schleifen. Gewöhnlich fährt sie mit dem Firmenfahrzeug, das die Bests eigens für sie angeschafft haben, zum Kunden; dort wartet der Chef, um sie in die Arbeit einzuweisen. Wer ihnen dabei zusieht, muss ein wenig an Stan und Olli denken, wie sie sich Zeichen geben mit den Händen – und Andreas Best ab und zu auch mit dem Rest seines stämmigen Körpers. Dabei liest sie eigentlich von seinen Lippen ab. Wer die Gebärdensprache so perfekt beherrscht wie Diana Poths – beim diesjährigen Festival der Gebärdensprache saß sie in der Jury – muss nachsichtig sein mit weniger Geübten.

Doch die Kommunikation funktioniert – und sie scheint beiden Spaß zu machen. Andreas Bests Stimme ist fröhlich, keine Spur von Ungeduld ist darin zu spüren, und auch die 27-Jährige ist nicht lautlos, auch wenn sie nicht artikuliert. Sie ist mit ihrem Chef zufrieden. „Unser Verhältnis bis jetzt läuft super. Ich wünschte mir sehr, dass es weiterhin so bleiben soll“, schreibt sie in ihren Block.

Und der Chef ist mehr als zufrieden mit seiner Angestellten. Wie bei jedem seiner Gesellen nimmt er auch ihre Arbeiten immer selbst ab. Und er spricht mit dem Kunden. Diana Poths sei bisher bei allen sehr gut angekommen. Best und seine Gesellen arbeiten hauptsächlich in Privatwohnungen. Daher achtet er besonders darauf, dass seine Mitarbeiter höflich auftreten. Diana Poths hat das verinnerlicht: „Ich möchte, dass die Aufträge gut verlaufen, damit der Kunde zufrieden sein kann. Ist mir das Allerwichtigste.“ Manche Kunden, erzählt der Malermeister, erkundigten sich extra, ob nicht Diana Poths kommen könne. „Das hört man immer gerne.“

Das Können der 27-Jährigen lobt auch ein anderer Malermeister. Klaus-Peter Engelhardt kennt sie noch aus ihrer Zeit als Azubi. „Handwerklich war das schon damals sehr gut, nicht Pfusch und Tempo, sondern hochwertige Malarbeit.“ Er weiß um die Vorteile, die Bests kleiner Familienbetrieb der Gehörlosen bietet. Die Auszeichnung werde sich positiv auf die Integration von Schwerbehinderten auswirken, sagt Engelhardt, der mit Best und weiteren acht Malern einen Werkkreis in der Zitadelle Spandau veranstaltet, um gemeinsam die alte Handwerkskunst zu pflegen.

Andreas Best selbst sieht sich durch die Auszeichnung bestätigt. Hat er doch Mut bewiesen, als er Diana Poths einstellte, seine erste feste Mitarbeiterin. „Das macht mich auch ein bisschen Stolz, muss ich ehrlich sagen. Doch für uns ist Diana die Hauptperson.“ Mit den 5000 Euro Preisgeld wollen die Bests einen Teil des Firmenwagens abbezahlen. Für nächstes Jahr suchen sie noch einen schwerbehinderten Azubi. „Wir wollen uns sozial engagieren, und das wollen wir vor der eigenen Haustür machen.“

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