Zeitung Heute : Es bleibt in der Familie

Sie hat Diabetes, das Insulin spritzt sie sich schon als kleines Mädchen selbst. Emma hat Angst, dass ihre Mutter sie verletzt. Die Mutter trinkt. In Deutschland gibt es 2,6 Millionen Alkoholikerkinder. Sie müssen zu schnell erwachsen werden. Hilfe ist selten. Dabei wäre sie nötig: Ein Drittel der Kinder wird selbst süchtig

Juliane Wedemeyer

Es ist ihr Lieblingsfoto. Dieser Augenblick, in dem der Vater sie im Arm hält, sie an seine Brust drückt, vorsichtig, um den winzigen Säugling nicht zu zerquetschen. 13 Jahre ist das Foto jetzt alt. Emmas* Gesicht ist auf dem Bild nicht zu erkennen, aber sie glaubt, dass sie damals glücklich gewesen ist mit der großen schützenden Hand auf ihrem Rücken. Emma hat das Foto vor kurzem in ein Album geklebt, zwischen viele andere Bilder mit lauter lächelnden Menschen. Mutter, Vater, Emma, die beiden jüngeren Brüder. Emmas Unglück ist darin nicht zu sehen.

Emma, die Tochter einer Marketingfachfrau und eines Arztes, musste schneller und auf eine härtere Weise erwachsen werden als andere Kinder. Emma ist ein Säuferkind. Eins von rund 2,6 Millionen in Deutschland. Von dieser Zahl geht das Bundesgesundheitsministerium aus. Wissenschaftler schätzen, dass jedes sechste Kind in der Bundesrepublik alkoholkranke Väter oder Mütter hat. Emmas Eltern tranken beide, als der Vater trocken wurde, fing die Mutter richtig an. Da war Emma ungefähr vier Jahre alt.

Sie kann sich an diese Zeit kaum erinnern, aber ein Bild hat sich ihr eingeprägt: ihre Mutter mit einer Weinflasche in der Hand. „Sie lief ständig damit herum“, sagt sie. Emma sitzt an diesem kalten Nachmittag in ihrem engen Zimmer. Vor vier Jahren ist sie mit ihrer Mutter und den Brüdern in die kleine Berliner Neubauwohnung gezogen. Die Eltern haben sich inzwischen getrennt.

Früher wohnten alle zusammen in einem weißen Einfamilienhaus mit spitzem Dach in Berlin-Zehlendorf. „Es war eigentlich ein schönes Haus“, sagt Emma. Aber sie hat sich später trotzdem geschämt, Freunde einzuladen. „Überall lagen Sachen herum, im Garten lagen Schuhe, der Pool war immer dreckig, voller grüner Algen.“ Wenn die Oma zu Besuch war, hat diese die Sachen weggeräumt. Sonst war es oft Emma.

Dass ihre Mutter viel trank, habe sie ja gesehen, sagt Emma. Schon wegen der Weinflaschen, die überall herumstanden. Aber dass sie Alkoholikerin war, das sei ihr nicht klar gewesen. Jetzt, wenn sie sich erinnert, ist ihr vieles klar. Dann fällt ihr ein, dass ihre Mutter immer stark nach Parfüm roch. „Sie wollte wohl den Alkoholgeruch überdecken, aber ich habe ihn trotzdem bemerkt.“ Und ihre Küsse schmeckten nach Wein und Zigarettenrauch, bitter und sauer. „Ich mochte den Geruch überhaupt nicht“, sagt Emma und zieht ihre geschwungenen Lippen schief. Verachtung passt gar nicht in dieses ebenmäßige Gesicht.

Hinter ihr an der violett gestrichenen Wand hängt ein Poster von der Popsängerin Pink. Auf ihrem kleinen weißen Tisch liegt das Fotoalbum. Emma schaut auf zum Fenster. Der Park dahinter ist schon im Dunkeln verschwunden. Irgendwann trifft ihr Blick den ihres Spiegelbilds im Fenster.

So wie sie da sitzt, unterscheidet sie nichts von anderen Dreizehnjährigen. Sie trägt eine dünne weiße Kapuzenjacke über einem grünen T-Shirt und enge Röhrenjeans. Wenn sie von den Jungen aus der Schule erzählt, senkt sie bedeutsam die Stimme, nur um gleich wieder zu lachen. Dann wirft sie ihren Kopf nach hinten, dass ihr blondes Haar mitfliegt.

Aber Emma hat sich immer anders gesehen und gefühlt als die anderen Kinder. Auch, weil sie Diabetes hat. Vor allem aber wegen anderer Dinge. Ihre Familie musste öfter für ein paar Tage zu Bekannten ziehen, weil das Öl zum Heizen aus war und sie kein Warmwasser hatte. „Ich glaube, meine Eltern hatten die Rechnungen nicht bezahlt,“ sagt Emma. „So etwas passiert anderen Kindern nicht.“ Jedenfalls nicht ihren Freundinnen.

Emma tippt auf ein Foto, das sie wenige Tage nach ihrem fünften Geburtstag zeigt. Ein zartes, mageres Mädchen im rot-weiß getupften Sommerkleidchen auf dem Schoß seiner Mutter. Sie sitzen in einer Eisdiele unter einem Sonnenschirm, lächeln. Seit jenem Tag hat Emma Diabetes. Nach dem Besuch in der Eisdiele ging es ihr so schlecht, dass ihre Eltern mit ihr in ein Krankenhaus fuhren. Der Arzt erklärte der Mutter, dass sie ihrer Tochter von nun an regelmäßig Insulin spritzen müsse. Nach einer Woche stach sich Emma die Spritzen selbst in den Bauch. „Ich hatte Angst, dass meine Mama das falsch macht. Ich dachte, sie tut mir weh.“ Die Eltern haben Emma gesagt, dass sie stolz sind. Ein Kind, das schon so viel Verantwortung übernimmt. Ein Säuferkind.

Emma lässt die Schultern fallen. Sie findet keine Worte für ihr Unglück. Zu schwer zu fassen. Sie wurde nie geschlagen, sie hatte immer zu essen und kam meistens pünktlich in die Schule.

Genau das sei das Problem von Alkoholikerkindern, sagt Henning Mielke, der Vorsitzende der National Association for Children of Alcoholics, kurz: NACoA. „Die Auswirkungen einer Sucht sind sehr schwer greifbar, es gibt ja keine Diagnose dafür.“ Mielke, 40 Jahre alt, Berliner und eigentlich Journalist, hat vor vier Jahren den bisher einzigen bundesweiten Interessenverband für Kinder von Alkoholikern gegründet. Auch seine Eltern waren Trinker. „Als Fünfjähriger wischt man seinem Vater die Kotze weg, als Zehnjähriger geht man zur Tankstelle, um Schnaps für ihn zu kaufen.“

Mielke, rosige Wangen, Brille, kurzes, dichtes Haar, sieht aus wie einer, der früher in jeder Matheklausur Einsen geschrieben hat. Jeder derbe Satz aus seinem Mund kommt unerwartet. Aber Mielke will seiner Kindheit nicht mit harmlosen Wörtern die Härte nehmen.

Trotzdem weicht er oft ins Allgemeine aus, wenn es um ihn geht. Er wolle nicht von seinem Anliegen ablenken, sagt er. Hier von seiner Friedenauer Maisonette- Altbauwohnung aus will Mielke die Kinder der Alkoholkranken deutschlandweit zu einem öffentlichen Thema machen. Ein Büro hat der Verein noch nicht. Noch, sagt Mielke, hätten Suchthelfer nur die Süchtigen im Blick. „Sie vergessen die Kinder.“

In Berlin, wo schätzungsweise rund 80 000 Kinder in Trinkerfamilien aufwachsen, kennt Mielke nur einen Kindertherapeuten, der sich mit diesem Problem beschäftigt. In ganz Deutschland gibt es laut Gesundheitsministerium nur 50 Betreuungs- und Beratungsangebote und nur wenige Selbsthilfegruppen.

Dabei benötigten die Kinder von Alkoholikern dringend Hilfe. Ein Drittel von ihnen wird als Erwachsener selbst süchtig. Nach Alkohol, harten Drogen oder Tabletten. Ein weiteres Drittel landet später bei einem süchtigen Partner. „Koabhängigkeit“ sagen Medizinern dazu.

Mielke sagt, er sei davon überzeugt, dass auch das restliche Drittel Probleme hat. Einen Beruf zu ergreifen zum Beispiel. „Wenn Sie Ihr Leben lang nur darauf geachtet haben, was die betrunkenen Eltern brauchen, dann wissen Sie gar nicht, was für Sie selbst wichtig ist.“

Die Statistiken, die Mielke aufzählt, stammen größtenteils aus US-Studien, deutsche gibt es kaum. Zum einen, weil die hiesige Forschung sich erst seit den 90er Jahren für Alkoholikerkinder interessiert. Zum anderen, weil die Wissenschaftler nur schwer an sie herankommen. Das Problem bleibt in der Familie. Niemand soll wissen, dass die Eltern trinken.

Emma war es so peinlich, dass sie lange keinem davon erzählt hat. Ihren Freundinnen nicht, ihren Lehrern nicht. Aufgefallen ist sie in der Schule trotzdem. „Sie hat sich ständig mit jemandem angelegt, oft auch mit den Lehrern“, sagt eine Lehrerin. „Sie hatte einen übertriebenen Gerechtigkeitssinn, der manchmal überhaupt nicht angebracht war.“ Und sie sei viel erwachsener als die anderen. Ihr fehle die kindliche Sorglosigkeit.

Mielkes Verein hat vor einem Jahr mit dem Berliner Senat die Broschüre „Kinder aus suchtbelasteten Familien“ herausgebracht. Darin steht, wie Lehrer und Erzieher mit Kindern wie Emma umgehen sollten. „Da hilft es manchmal schon, wenn die Lehrerin einen in den Arm nimmt und sagt, spiel jetzt einfach mal“, sagt Mielke. Diese Kinder bräuchten jemanden, der ihnen zuhört, der ihnen sagt, dass sie keine Verräter sind, wenn sie erzählen, was sie zu Hause bedrückt. Jede Berliner Grundschule hat zwei Info-Hefte erhalten.

Emmas Lehrerin kennt die Broschüre nicht. Irgendwann hat sich Emma ihr einfach offenbart. „Sie ist auf mich zugekommen“, sagt sie. Das Mädchen habe erzählt, wie es mit seiner Mutter geschimpft hat, wenn die wieder getrunken hatte. Wie es entdeckte, dass sein Vater eine andere Frau hatte, wie es versuchte, die Mutter zu trösten. Und wie es seinem jüngsten Bruder das Leben rettete.

Emma hat ein Foto, das sie daran erinnert. Ein kleines, siebenjähriges Kind mit blonden Zöpfen, das nicht höher ist als die braun verdörrten Disteln und Sträucher hinter ihr. Menorca 2001.

Emma war mit ihren beiden Brüdern im Pool der Hotelanlage, in der sie mit ihrer Mutter Urlaub machten. Der Vater war zu Hause geblieben. Die beiden drei- und fünfjährigen Jungen saßen im Schlauchboot. Die Mutter war nicht da. „Ich glaube, sie hat unsere Koffer gepackt“, sagt Emma. Als das Schlauchboot kippte, sah Emma, wie der jüngste Bruder in die Tiefe sank. Sie schwamm zu ihm. Es war mehr ein Strampeln, denn richtig schwimmen konnte sie noch nicht.

Sie zog ihren Bruder wieder hoch. Es war schwierig, er zappelte und trat um sich, und das Wasser schlug immer wieder über Emmas Kopf zusammen, bis sie mit ihrem Bruder im Arm den gefliesten Poolrand erreichte. Da sah sie ihre Mutter. Sie war zum Pool gerannt, vielleicht, weil die anderen Badegäste geschrien hatten. „Ihren Blick werde ich nie vergessen. Der hat gesagt, du bist schuld!“

Emmas Mutter hat sich später für diesen Blick entschuldigt. Emma hat sich dennoch oft gefragt, ob sie nicht doch Schuld hat, ob nicht sie der Grund ist dafür, dass die Mutter schon wieder trinkt. Denn manchmal sei sie auch sehr frech gewesen. „Ich hab oft gesagt, ich spring aus dem Fenster, dann werdet ihr schon sehen, wie traurig ihr seid.“ Einmal habe sie geschrien, dass sie sich die Pulsadern aufschneiden würde, wenn sie ein Messer hätte. „Da hat meine Mutter mir eins geholt.“ Damals wohnten sie noch im alten Haus, Emma war neun.

Sie hat das Messer auf den Boden geschmissen. Ihre Mutter ging aus dem Zimmer. Irgendwohin, vermutlich ins Arbeitszimmer.

Dort schloss sie sich oft stundenlang ein. Sie schien fast immer weg zu sein, und wenn sie da war, habe sie meistens herumgeschrien, sagt Emma. „Manchmal ist meine Mutter richtig ausgerastet, meine Brüder und ich haben uns dann nur noch schnell verzogen.“ Emma hat dann in ihrem Kinderzimmer gemalt. Die Bäume vor dem Haus oder ihre Hände. Mit der rechten hat sie ihre linke gezeichnet. Immer und immer wieder.

Seit vier Jahren ist die Mutter trocken. Alle sagen, dass es Emma jetzt besser geht. Ihre Lehrer, ihre Mutter, auch Emma. Die Anfangszeit war schwer. Die Mutter verlor ihren Job, lag den ganzen Tag auf dem Boden des Wohnzimmers. Ohne den Alkohol fehlte ihr die Kraft, aufzustehen.

Aber jetzt, sagt Emma, ist fast alles so organisiert wie bei anderen Familien. Ihre Mutter zahlt alle Rechnungen pünktlich. Sie hat wieder eine Arbeit. Sie hält jetzt ihre Versprechen, meistens jedenfalls. Neulich sind sie gemeinsam in einen Yoga-Kurs gegangen. Irgendwann möchte Emma mit ihrer Mutter ein Gospelkonzert besuchen. „Ich liebe diese Musik“, sagt sie.

Wenn die Mutter abends bei ihrer Suchtkranken-Selbsthilfegruppe ist, lädt Emma manchmal Freundinnen ein. Dann stellen die Mädchen die Musik laut, singen die Popsongs mit und tanzen. In der Regel sagt Emma ihnen, dass ihre Mutter bei einem Meeting sei – „wegen ihrer Arbeit oder so“. Ihren drei besten Freundinnen hat sie erzählt, dass ihre Mutter Alkoholikerin ist und wohin sie geht. Bevor die Mutter die Wohnung verlässt, guckt sie oft noch schnell zu ihnen ins Kinderzimmer. Eine 42-jährige, schlanke Frau mit hochgesteckten Haaren und dunkler, weicher Stimme. Meistens ruft sie zum Abschied so etwas wie: „Macht keinen Unsinn, ich gehe jetzt zu meinem Alkoholikertreffen.“

Emma sagt, ihre Mutter gehe sehr offen mit dem Problem um. Das finde sie gut. Emma hat mittlerweile auch ein eigenes Zimmer in der Wohnung des Vaters, wo sie nun öfter ist. Im vergangenen Jahr sind sie zusammen verreist. Ein paar Tage Aachen. „Er hat mir dort eine Jacke gekauft und ist ganz lange mit mir spazieren gegangen“, sagt Emma und lächelt.

Sie weiß, dass dieses jetzige Leben nicht sicher ist. „Meine Mama betet jeden Abend: Ich danke Gott, dass ich heute nicht getrunken habe, und hoffe, dass ich morgen auch nicht trinke.“ Sie betet laut.

Emma lehnt sich in ihrem Stuhl zurück. „Ich weiß nicht, ob ich eine glückliche Kindheit hatte“, sagt sie, als wäre ihre Kindheit mit dreizehn längst vorbei. „Meistens war ich nicht glücklich.“ Sie stockt, holt Luft. „Ich weiß, dass ich nicht glücklich war.“ Aber etwas passt nicht. Da ist das Fotoalbum mit den vielen lächelnden Emmas. „Vielleicht fifty-fifty.“

Ihr Lieblingsfoto hat sie für den Vater abgemalt. Es war ihr Weihnachtsgeschenk. Emma kann sehr gut malen. Sie hat ihre kurzen Babyarme so verlängert, dass ihre Hände die Schulter des Vaters umfassen. Und sie hat sich ein Gesicht gezeichnet. Sie lächelt jetzt auf dem Bild.

Die letzte Nachricht von Emma kommt aus dem Krankenhaus. Ihre Blutzuckerwerte waren so schlecht, dass ihre Ärztin sie einweisen musste. Emma hatte seit Monaten immer wieder vergessen, sich Insulin zu spritzen.

*Name geändert

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