Zeitung Heute : Es den Männern gleich tun

Wie eine Mutter Berlin erleben kann

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Ich gebe zu: Als der Kindsvater und ich beschlossen, zum zweiten Mal Nachwuchs in diese Welt zu setzen, war der Zweck der Übung, eine Tochter hervorzubringen, ein wundersam kluges und einfühlsames Geschöpf, das mir ein Leben lang als feinsinnige Gesprächspartnerin zur Verfügung gestanden hätte. Der Ultraschall-Experte raubte mir die süße Hoffnung schon in der 16. Schwangerschaftswoche. „Wollen Sie wissen, was es wird?“, fragte er so beiläufig, als handele es sich um eine Entscheidung zwischen Teewurst und Mettwurst: „ein Junge“. Kein Wort des Mitleids hatte er für mich übrig und ließ sich auch nicht dazu bewegen, das Organ des Anstoßes einfach wegzulasern. Nicht mal der Embryo zeigte sich zerknirscht. Der eine Herr fummelte am Gerät herum, der andere lutschte am Daumen, und beide waren bester Laune. Ich nicht.

Seitdem versuche ich, mich mit meiner künftigen Identität als doppelte Jungsmutter anzufreunden. Jungsmutter, das klingt für mich nach Feldwebel, Mutter der Kompanie, nach Haaren auf den Zähnen und geladenem Revolver. Jungsmütter sind praktisch, unsentimental und zupackend, sie wissen Bescheid über Fußball, bevorzugen Herrenparfum und kennen vom Berliner Kulturleben nur das Museum für Verkehr und Technik. Es bleibt ihnen ja gar nichts anderes übrig, denn das zivilisierende weibliche Element ist in ihren Familien unterrepräsentiert. Einen Alltag mit drei Männern stelle ich mir wie ein tägliches Survival-Training vor, einen permanenten Wettkampf um Geld, Macht und Frühstücksbrötchen, unterbrochen nur von gelegentlichen Kinnhaken.

Vorbereitung tut also not. Schon lange bevor das Testosteron aus dem Kinderzimmer schwappt und die Unverschämtheiten der Pubertät drohen, will ich meine Autorität zweifelsfrei etabliert sehen. Ich habe mir Hanteln gekauft, informiere mich über Extremsportarten und trainiere im Alltag einen militärisch knappen Ton – der übrigens gut ankommt. Bei Ausflügen verhalte ich mich schon jetzt wie eine geübte Jungsmutter, zum Beispiel kürzlich auf der Domäne Dahlem. Als verweichlichte Mädchenmutter hätte ich mich dort wahrscheinlich in die hübsche Ausstellung „Kaffee - vom Schmuggelgut zum Lifestyle-Klassiker“ zurückgezogen, die die Kaffeekultur in Preußen seit 300 Jahren zeigt, inklusive Fotos Berliner Kaffeehäuser von heute. Statt dessen wagte ich mich aufs freie Feld, trotzte dem Wind, um Kind und Kindsvater beim Drachensteigen zuzusehen, und holte mir eine Erkältung.

Nach einigen Monaten Übung gehe ich inzwischen in meiner neuen Rolle auf. Kürzlich traf ich mich mit einem Bekannten, einem freundlichen Menschen, der sich ehrfürchtig erhob, als ich das Restaurant betrat. Für Höflichkeiten dieser Art haben Jungsmütter keinen Sinn. „Setzen!“, knurrte ich. Er war zuerst ein bisschen überrascht, aber wir hatten dann doch noch einen schönen Abend. Ich soff ihn unter den Tisch, reparierte seine Honda und fuhr ihn anschließend mit 180 Sachen nach Hause. Am Ende wollte der Mann mich engagieren: als Kindermädchen für seine siebzehn Söhne. Dorothee Nolte

Domäne Dahlem, Königin-Luise-Straße 49, www.domaene-dahlem.de

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