Zeitung Heute : Es fährt nirgendwo ein Zug

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Von Martin Jordan, Mexiko-Stadt

Die Glastische spiegeln, auf den Holzbänken liegt kein Stäubchen, und der Fußboden ist auch sauber. Der Wartesaal des Bahnhofs Buenavista im Zentrum von Mexiko-Stadt ist heute noch so blank, wie er es bei seiner Eröffnung vor mehr als 60 Jahren gewesen sein muss. Nur eilen jetzt keine Menschen mehr auf den Bahnsteig, denn der letzte Zug hat den Bahnhof am 1. Januar 2001 verlassen. Buenavista ist nun „der größte Geisterbahnhof der Welt“, so haben sie es im mexikanischen Fernsehen einmal gesagt. Vielleicht ist das übertrieben, aber er ist sicher der ordentlichste.

Die Tropenpflanzen mitten im Wartesaal der 1. Klasse werden täglich gegossen und abgestaubt. „Wir versuchen eben, den Bahnhof so gut wie möglich zu pflegen“, sagt Martha Alvide, die Chefin der fünfköpfigen Reinigungstruppe. Früher waren pro Schicht bis zu 50 Leute im Einsatz. „Als wir um sieben Uhr morgens anfingen, sah es hier aus wie in einem Hotel. Viele Passagiere übernachteten auf Bänken und dem Fußboden“, beschreibt Alvide die alte Zeit, die erst fünf Jahre zurückliegt. Seitdem war auf Buenavista immer weniger Betrieb, bis der Bahnhof seine Funktion eben komplett verlor. Wie viele andere im ganzen Land.

In ganz Mexiko gibt es nur drei kurze Zuglinien. Bis 1995 hatten die Eisenbahnen noch 80 Verbindungen im Angebot. Aber die Passagierzahlen waren bis dahin stetig gefallen, nur noch sieben Millionen Menschen am Tag fuhren mit dem Zug. Während das Land kräftig in Autobahnen und Überlandstraßen investierte, blieb die Bahn jahrzehntelang so, wie sie war. Die Fahrpläne blieben 60 Jahre lang nahezu unverändert. Die Fahrt auf der 1600 Kilometer langen Strecke von Mexiko-Stadt nach Chihuahua zum Beispiel dauerte 1995 noch immer 36 Stunden; der Bus schafft das in der halben Zeit.

Also begann die Regierung, die Eisenbahngesellschaft FNM zu privatisieren. Die neuen Besitzer ließen allerdings nur Güterzüge fahren, für den Personentransport interessierten sie sich nicht. Dennoch soll der Bahnhof Buenavista einen „guten Eindruck machen“, wie Martha Alvide sagt. Nicht nur weil hin und wieder Szenen für Telenovelas, die mexikanische Art von Seifenopern, gedreht werden, sondern auch weil einige Leute die Hoffnung nicht aufgegeben haben, dass Buenavista wieder zum Leben erweckt werden kann.

„Ich sehe nicht ein, warum Mexiko nicht auch einen Hochgeschwindigkeitszug bauen könnte“, sagt Gustavo Baca, Direktor beim einzig verbliebenen staatlichen Eisenbahnunternehmen. Baca hat zuvor 24 Jahre für die FNM gearbeitet, jetzt wird sein ehemaliges Unternehmen Stück für Stück verscherbelt. Im 13. Stock des Hauptsitzes, vier Etagen über Bacas Büro, sind vor einem halben Jahr die Liquidatoren eingezogen. Sie sollen sämtliches Vermögen der FNM verkaufen, die Lokomotiven, Waggons, Häuser samt Mobiliar, Ersatzteile und Motoren. Derzeit versucht man, einen Überblick über den gesamten Besitz der Staatsfirma zu gewinnen.

Gustavo Baca hat sich zwar damit abgefunden, dass die fast hundertjährige Geschichte der FNM zu Ende geht, doch dass der Bahnhof Buenavista nutzlos in der Gegend steht, will er nicht akzeptieren: „Der Personenverkehr muss wieder belebt werden“, sagt Baca, „die Bevölkerungszahlen in den Städten steigen, und Industrie siedelt sich an immer neuen Standorten an, Mexiko wird auf einen guten und schnellen Passagiertransport angewiesen sein.“ Die Arbeiten müssten jetzt beginnen.

Den Anfang sollen die Vorortsstrecken um Mexiko-Stadt herum machen, womit Buenavista wieder zum Zentrum des Personenverkehrs würde. Das Projekt ist schon mehr als sechs Jahre in der Diskussion, aber weil sowohl der politische Wille wie auch die finanziellen Mittel fehlen, sind keine Fortschritte erkennbar. So wird die Putztruppe von Martha Alvide den Bahnhof eben weiter um des Putzens willen reinigen, Abfall wird ja schon längst keiner mehr hier liegen gelassen. Hauptsache Arbeit, denkt sich auch Mario Rodriguez, der auf die ausrangierten Lokomotiven und Waggons aufpassen muss, die noch auf den Gleisen stehen.

„Im vergangenen Jahr haben wir zwei Sprayer erwischt, aber in diesem Jahr gab es noch keine Vorfälle“, sagt er. Manchmal redet er auch mit den Putzleuten oder der Polizei, die den Bahnhof bewacht.

Auf den zwölf Perrons ist Vogelgezwitscher zu hören. Von der alten Zeit des Bahnhofs zeugen noch die Anzeigetafeln, die unverändert mitteilen, wann Züge abfuhren und wie viel eine Fahrkarte kostete. Nachdem der letzte Zug Buenavista verlassen hatte, wurden die Schalter geschlossen. Die Vorhänge der Gepäckaufbewahrung sind zugezogen, die Leitungen der Telefone sind tot und der Informationsschalter ist leer. Ein Plakat an einer Säule wirbt für eine „Impfaktion und Früherkennung von Krankheiten“. Alles liegen gelassen hat gar der Besitzer des Imbiss-Stands im Wartesaal der 1. Klasse. Süßigkeiten und Souvenirs im Schaufenster, der Kühlschrank steht offen, nicht einmal die Getränke hat er mitgenommen.

Es sieht nicht überall danach aus, doch der einzige Bahnhof in Mexiko, der 20-MillionenStadt, ist seit eineinhalb Jahren geschlossen.

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