Zeitung Heute : „Es fehlt an einer Erziehung, die Grenzen setzt“

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In der Debatte um Gewalt an Schulen fordert Peter Müller (CDU) eine Korrektur des Zuwanderungsgesetzes. Was sagen Sie dazu, Frau Süssmuth?

Ich nehme es zur Kenntnis. Aber der Versuch, sich einander im Wettbewerb mit Sanktionen zu überbieten, führt nicht aus der Sackgasse. Ich muss doch zunächst einmal überhaupt in der Lage sein, meinen Kindern zu helfen. Häufig aber sprechen die Eltern selbst kein Deutsch.

Deshalb gibt es ja den Vorschlag von Elternkursen.

Wir haben es inzwischen bereits an Grundschulen mit höchst aggressiven, undisziplinierten Kindern zu tun. Wir haben einen wachsenden Anteil von Eltern, die nicht mehr erziehungsfähig sind, die ihre Kinder vernachlässigen, morgens weder auf Hygiene noch Frühstück achten. Hier wird von Lehrern erwartet, was sie allein nicht leisten können: All diese Defizite auszugleichen. Ich halte für richtig, was man in Nordrhein-Westfalen macht: In sozialen Brennpunkten mit hoher Arbeitslosigkeit, wo sich Probleme der einheimischen Familien und ihrer Kinder und die ausländischer Familien und ihrer Kinder verbinden, Familienzentren einzurichten. Zentren, in denen eine viel stärkere Beteiligung der Eltern bei Fragen der Bildung ihrer Kinder erreicht und zugleich viel für ihre eigene Bildung getan wird.

Halten Sie es für sinnvoll und überhaupt für möglich, Elternschulungen verbindlich zu machen?

Ja, aber dann müssen Sie diese auch für deutsche Familien verbindlich machen. Denn das Problem liegt doch tiefer, es ist doch nicht nur ein Problem der Sprache und auch kein ausschließliches Problem der Zuwanderung. In Gesellschaften, die auseinander fallen, geht es nicht nur um die Integration Zugewanderter, sondern um die Integration aller Beteiligten. Ich verkenne nicht, dass wir in Migrantenvierteln besondere Probleme haben, ich bin ja nicht blauäugig. Aber wir haben die Partnerschafts- und Elternbildung insgesamt vernachlässigt. Deshalb bin ich mit Nachdruck für neue Ansätze. Die Familienzentren in NRW zum Beispiel machen nicht nur theoretischen Unterricht. Sie bieten zugleich Erfahrungen mit ihren Kindern, Sprachkurse, Schulden- und andere Beratung. Diese Zentren sind Orte der Kompetenzbildung.

Und sollten verbindlich sein?

Verbindlich für alle, ja – aber erst muss ich das Angebot schaffen, das ist entscheidend. Dann kann ich die Verbindlichkeit einführen. Diese Dinge kosten Geld. Geld das von den Ländern kommen müsste, denn Bildung ist Ländersache. Sie wissen, welche Schwierigkeiten wir schon haben, in unseren Schulen kleinere Klassen zu bilden und mehr Lehrer einzustellen.

Welche Fehler wurden in der Vergangenheit gemacht?

Wir haben seit Jahren die Fragen der Erziehung sträflich vernachlässigt. Wo liegt das Hauptdefizit? Erstens in den Regeln des Umgangs miteinander. Es fehlt an einer Grenzen setzenden Erziehung, die zugleich fördert und fordert, nämlich: Disziplin und Respekt und Rücksicht. Einer Erziehung, die Regeln für verbindlich erklärt und auch praktiziert. Zweitens haben wir in den vergangenen Jahren fast systematisch unsere Lehrerinnen und Lehrer autoritätslos gemacht. Was haben die denn überhaupt noch an Sanktionsmitteln? Wir haben es doch zugelassen, dass ein Großteil der Schüler – deutscher wie solcher mit Migrationshintergrund – uns erklären: Mein Lehrer hat mir überhaupt nichts zu sagen. Das Verhältnis von Rechten und Pflichten ist völlig aus dem Ruder gelaufen. Das muss sich ändern.

Rita Süssmuth ist ehemalige Bundestagspräsidentin und Mitglied der UN- Kommission für internationale Migration.

Das Gespräch führte Michael Schmidt.

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