Zeitung Heute : „Es fehlt an Motivation und Reife“

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Nach Schätzungen reagiert jeder dritte Jugendliche ohne Lehrstelle nicht auf Einladungen des DIHK zur Vermittlung. Wie kommt das, Herr Siebner?

Im Wesentlichen gibt es wahrscheinlich zwei Gründe dafür. Zum einen dürften viele längst versorgt sein. Will sagen: Wir schreiben im Herbst diejenigen an, die bei der Bundesagentur für Arbeit als noch unversorgt gemeldet sind. Manche sind als Lehrstellen suchend gemeldet, damit ihre Eltern weiter Kindergeld beziehen können – die reagieren nicht auf unser Schreiben. Andere, die inzwischen keine Lehrstelle mehr suchen, weil sie bereits durch eigene Bewerbungen eine gefunden haben, oder weil sie nun doch studieren wollen oder zum Bund gehen, reagieren in der Regel auch nicht auf unsere Briefe. Die halten es aber auch nicht für nötig, der Arbeitsagentur mitzuteilen, dass sie keine Lehrstelle mehr suchen.

Was ist mit den nicht längst Versorgten?

Zweitens gibt es eine Gruppe von Leuten, von denen ich annehme, dass es ihnen an Motivation, Disziplin und Reife fehlt, um zu begreifen, dass es hier um ihre Zukunft geht – die reagieren natürlich auch nicht auf unsere Briefe.

Fällt, wer nach mehrfacher Aufforderung nicht zum Nachvermittlungstermin erscheint, aus der Statistik der Lehrstellen Suchenden?

Sie fallen dann aus der Statistik zum Ausbildungspakt. Sie fallen auch aus der Statistik der Bundesagentur. Aber sie können sich rein theoretisch am nächsten Tag wieder Lehrstellen suchend melden, dann sind sie wieder drin.

Sehen Sie Möglichkeiten, diese Jugendlichen zu erreichen?

Irgendwann werden die ja Hilfebezieher. Als arbeitsfähige Jugendliche, die früher Sozialhilfe bekommen hätten, kriegen die ja im kommenden Jahr nach Hartz IV das Arbeitslosengeld II. Die müssen dann auf Angebote reagieren, und wenn sie das nicht tun, werden ihnen die Leistungen zunächst gekürzt und schließlich gestrichen. In dem Moment habe ich als Staat in Zukunft schon einen Ansatz, um an diese Jugendlichen heranzukommen. Aber so lange sie vom Staat keine Leistungen erhalten, hat zwar zunächst die Schule mit ihnen Kontakt. Doch von dem Moment an, da sie die Schule verlassen, sind sie verloren, ohne Ansprechpartner, bis dann irgendwann Arbeitslosengeld II fällig wird.

Stefan Siebner ist Leiter des Bereichs Öffentlichkeitsarbeit der IHK Berlin.

Das Gespräch führte Michael Schmidt.

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