Zeitung Heute : "Es fühlt sich an wie Fliegen"

Kreativität, Wille und Persönlichkeit: Warum werden Menschen Künstler? Was treibt sie an? Die Universität der Künste Berlin lädt zum Rundgang ein – und dazu, Fragen zu stellen.

Lara Gr Karolin Korthase
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Die ganze Palette. Wenn sich am Wochenende die Türen der UdK öffnen, zeigen auch die jungen Künstlerinnen und Künstler der Klasse...

„Es ist wie bei Alice im Wunderland. Künstler freuen sich darauf, durch den Kaninchenbau zu fallen – voller Spannung auf das Unbekannte“, sagt die Bühnenbild-Studentin Suna. „Neugierde und Mut, sich auf fremdes Terrain einzulassen, sind die wichtigsten Antriebskräfte.“

Suna ist eine von über 4600 Studierenden an der größten Kunsthochschule Europas. Über 40 Studiengänge decken hier alle Künste ab: von Bildender Kunst über Musical, Industrial Design, Musik, bis hin zu Tanz, Architektur und Schauspiel. Was so unterschiedlich klingt, liegt oft gar nicht so weit voneinander entfernt: „Man möchte Fragen stellen und sich kreativ ausdrücken. Nur das zählt“, beschreibt Suna ihre Motivation. Die Lust an der Beschäftigung mit Kunst – das ist wohl der kleinste gemeinsame Nenner, der alle Studierenden der UdK Berlin vereint.

Doch oft führt der Weg zur Kunst über Umwege. Nur die wenigsten wissen bereits seit dem ersten ,Alle meine Entchen’, dass sie Mezzo-Sopranistin werden wollen. Aber irgendwann findet man seine Stimme, sein Instrument, sein Werkzeug, und dann? Was treibt die jungen Künstler auf der Suche nach ihrem individuellen Ausdruck, welchen Sinn sehen sie in ihrer Arbeit?

Im großen Zeichensaal in der Hardenbergstrasse arbeiten die Studierenden des Architektur-Professors Adolf Krischanitz konzentriert an ihrem aktuellen Projekt, das auch beim UdK-Rundgang präsentiert wird (siehe Seite 3 dieser Beilage). „Im Moment wohnen wir sozusagen in der Uni“, schmunzelt die 21-jährige Sara und beugt sich über ihren PC. „Als Architekt muss man immer hundert Prozent geben, das Privatleben kommt da oft zu kurz.“ Dafür funkeln ihre Augen, wenn sie von ihrem Traumberuf spricht. „Als Architektin trägt man eine besondere kulturelle Verantwortung. Für Menschen Räume zu erschaffen, in denen sie leben – für mich gibt es nichts Schöneres.“

Die Malerei-Studenten der Künstlerin Valérie Favre sitzen nur ein Stockwerk tiefer in der Hardenbergstraße. Auch sie werden am 17. Juli die Türen ihrer Ateliers öffnen. Zwei bis drei Studenten teilen sich hier die Räume, die zum Teil sehr spartanisch gehalten sind, zum Teil voll gestellt mit großen und kleinen Leinwänden, an denen parallel gearbeitet wird. „An guten Tagen bin ich beim Malen ganz bei mir, in einem Zustand absoluter Konzentration“, sagt Emily und ihre Kommilitonen nicken zustimmend. „Natürlich gibt es auch andere Momente, aber oftmals bringt einen gerade eine Krise weiter.“

Die Professorin Valérie Favre freut sich über die Individualität ihrer Schützlinge. „Ich sehe es als meine Aufgabe an, die Studierenden auf ihrer Suche zu unterstützen und sie langfristig als Künstler aufzubauen“, sagt Favre. Die Schweizerin arbeitet selbst gerade an einer großen Ausstellung und schätzt den Austausch mit den Nachwuchskünstlern. „Die Entwicklung zu sehen ist einfach großartig.“

Mit besonders großer Spannung erwartet auch sie die Abschlussarbeiten der Meisterschüler, die beim Rundgang im Foyer in der Hardenbergstraße zu sehen sein werden. Unter ihnen ist auch die aus Kiew stammende Maryna, die im verwunschenen Garten des Hinterhofs eine Tanzperformance inszenieren wird. Die junge Malerin arbeitet interdisziplinär, sie verknüpft Bildende Kunst mit experimenteller Musik und Bewegung. Maryna erklärt: „Ich wäre gerne Politikerin geworden, aber Kunst war für mich immer die einfachere Art mich auszudrücken."

Auch Josefine, Masterstudentin im Fach Oper hatte mal einen ganz anderen Beruf im Sinn. Sie wollte Krankenschwester werden, aus dem Wunsch heraus Menschen zu helfen. Zur Oper kam sie über Umwege, ist aber inzwischen mit umso mehr Begeisterung dabei: „Wenn man die Verbindung zwischen Körper und Stimme gefunden hat, fühlt sich das an wie Fliegen“, erzählt die 28-Jährige begeistert. Und auch auf der Bühne hofft sie etwas geben zu können: „Das Schönste ist doch, wenn man die Zuschauer berührt und es schafft sie aus ihrem Alltag rauszuholen.“ Um das zu erreichen, probt sie, wenn größere Projekte anstehen, fast täglich im Theatersaal in der Fasanenstraße oder im Probesaal in der Hardenbergstraße.

Wer ein künstlerisches Studium anstrebt, muss Leidenschaft für sein Fach aufbringen und bereit sein, einen großen Teil seiner Lebenszeit zu opfern – und das ohne Absicherung. Denn selbst ein erfolgreiches Studium ist noch lange kein Garant für eine spätere Karriere: „In unserer Rolle als Dozenten und Entscheidungsträger bei Aufnahmeprüfungen verwalten wir Träume“, sagt der Dirigent Errico Fresis, Musikalischer Leiter der Opernabteilung und Studiendekan der Fakultät Darstellende Kunst. „Nur die Wenigsten können es an die Spitze schaffen, und auch diese Realität gilt es zu vermitteln".

Die Konfrontation mit den harten Bedingungen im Kulturbetrieb beginnt für die potenziellen Studiumsanwärter schon während der obligatorischen Aufnahmeprüfungen. In vielen Fächern, die an der UdK angeboten werden, übersteigt die Bewerberzahl bei weitem die Anzahl der vorhandenen Studienplätze. Um das Auswahlkomitee zu überzeugen, müssen die Anwärter noch nicht perfekt sein. Wichtiger sind Kreativität, Wille und Persönlichkeit. Errico Fresis betont, dass es bei den Bewerbern „nicht um technische Perfektion, sondern vor allem um die Fähigkeit geht, berühren zu können“. Wichtig sind ihm bei der Auswahl von Gesangsstudenten besonders die Ausdrucks- und Darstellungskraft. Für Laticia Honda-Rosenberg, seit Januar 2009 Professorin für Violine an der UdK, ist entscheidend, „ob in den Bewerbern ein Feuer brennt und Musik für sie eine Art Muttersprache ist“.

Wer es dann an die Hochschule geschafft hat, ist oft umso leidenschaftlicher bei der Sache. „80 bis 90 Prozent der Studenten bleiben dabei“, sagt Adolf Krischanitz, der seit 1992 Entwerfen und Stadterneuerung an der UdK unterrichtet. „Das ist der Vorteil hier, die Studenten sind sehr motiviert.“

Der Rundgang gibt den jungen Künstlerinnen und Künstlern die Möglichkeit, sich einem breiten Publikum zu präsentieren. Was wochenlang im stillen Kämmerlein entworfen, entwickelt und geprobt wurde, kann nun endlich der Öffentlichkeit vorgestellt werden. Dabei bieten die Tage der offenen Tür nicht nur einen Kommunikationsraum, in dem sich die Besucher und die Studenten austauschen können, sondern fördern auch die Begegnung zwischen den Studenten selbst. Alle, die Lust haben, mit Alice durch den Kaninchenbau zu fallen, sind herzlich eingeladen.

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