Zeitung Heute : "Es geht auch um viel Kohle"

Regina-C. Henkel

"Bildung ist zu ernst, um sie auf dem Altar des Wettbewerbs zu opfern", sagt Daniel Goedevert - und über 150 Unternehmer, Manager und Weiterbildungsexperten aus staatlichen wie privaten Einrichtungen klatschen Beifall. Der wettbewerbsgestählte ehemalige Top-Manager warnt: "Der Staat darf sich aus der Bildung nicht zurückziehen." Er sieht die Gesellschaft gefordert.

Zwischen Bildung und Ausbildung liegen für den gebürtigen Franzosen Welten. Basis des Bildungsprozesses ist für Goedevert die Erziehung im Vorschul- und Schulalter: Herzens-, Vertrauens- und Verantwortungsbildung. In diesen Säulen sieht er die Voraussetzung für die Fähigkeit zum selbstständigen Denken und einer Ausbildung, die vor den Wissensfluten nicht kapitulieren muss, sondern Auswahl, Bewertung und bewusstes Handeln ermöglicht.

Die "Berliner Wirtschaftsgespräche" und die TÜV Akademie Berlin hatten zum Dialog "Wirtschaft und Bildung" eingeladen - und Daniel Goedevert blieb seinem Ruf als "Paradiesvogel" treu. Bei seinem Vortrag am vergangenen Mittwoch im Schöneberger TÜV-Hochhaus promotete er vor allem seine ganz persönliche Herzensangelegenheit: Bildung in Europa. Beides ist Goedeverts Domäne. Seine ersten Berufsjahre hat er als Lehrer bestritten, heute macht er sich für eine bessere Bildung stark. "Besser" heißt für ihn auf jeden Fall europäisch: "Wir lesen fast nur noch amerikanische Managementliteratur, wenn wir nicht aufpassen, bekommen wir auch noch deren Schulsystem." Goedeverts ist sicher: "Wir haben eine gemeinsame Währung auf den Weg gebracht, warum nicht auch ein gemeinsames Bildungssystem?" Die Reform bis zu einem einheitlichen Auftritt werde zwar Jahre dauern ("Wissen Sie wann die Idee einer gemeinsamen Währung begann? Unter Kohl, unter Schmidt? Nein, unter Willy Brandt!). Doch der rasant steigende Markt der Bildung werde IT und Tourismus schon bald überflügeln. "Wie viele Menschen sind heute das, was wir gebildet nennen? Eine Milliarde? Wir sind weltweit aber sechs Milliarden. Es geht also um hunderte Milliarden Dollar."

Mindestens ebenso wichtig wie "Kohle" (ein Lieblingswort Goedeverts) ist für den überzeugten Europäer die "Verständigung zwischen den Kulturen". Seine Vision von einer europäischen Akademie, der er sich am Standort Dortmund schon einmal sehr nahe glaubte, hat Goedevert keinesfalls aufgeben. Im Gegenteil. Die Idee von einem Campus, "der in die Wirtschaft eingebettet ist", sei jetzt erweitert, in Kürze werde er ein fertiges Konzept vorstellen. Mit einer bestehenden Schule sei er in konkreten Verhandlungen, ein Verwaltungsrat existiere und als jährliches Umsatzziel seien 40 Millionen Mark angepeilt, ließ Goedevert wissen. Sein Geheimnis bleibt vorerst noch der Standort. "Kein Kommentar" zur Mutmaßung, dass die Automobilbauer mit Fertigungen in Ostdeutschland dringend erstklassige Mitarbeiter suchen und gleichzeitig genau das richtige Profil für sein Sponsorship-Modell hätten.

Das private Bildungsangebot an Goedeverts Akademie wird pro Jahr nicht unter 30 000 Mark zu bekommen sein. Doch wer das Auswahlgremium überzeugt, braucht an der finanziellen Hürde nicht zu scheitern. Die Arbeitgeber sollen Darlehen an ihre späteren Mitarbeiter vergeben. Diese Form des Engagements hält Goedevert für sinnvoller als die Gründung einer "Corporate University". Die Aufwendungen pro Student seien "viel zu teuer". Der langjährige Top-Manager sieht vor allem die Gefahr einer "Cloning Institution". Hinter einer Unternehmens-Universität stehe die Absicht, dass aus den Studenten später Mitarbeiter werden und dies auch bleiben. Das firmenspezifisch vermittelte Wissen dieser Firmenunis mache einen späteren Arbeitgeberwechsel nahezu unmöglich, die Absolventen seien wie mit einem Brenneisen auf der Stirn gebrandmarkt.

Was Vortrags-Profi Goedevert vor Publikum referiert, steht auch in seinem neuesten Buch "Der Horizont hat Flügel - Die Zukunft der Bildung" (Econ Verlag, München 2001, 41 Mark 08). Und das kann Promotion noch gut gebrauchen. Es dümpelt derzeit auf Rang 18 771 des amazon-Verkaufsrankings. Zu unrecht, sagen die meisten, die die 238 Seiten bereits gelesen haben. Der Autor selbst sagt es auch. Für ihn gibt es aktuell zwei wichtige Bücher zum Thema: "Eins von Schwanitz und eins von mir. Eins ist gut. Welches von beiden sage ich aber nicht."

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