Zeitung Heute : Es geht ein Zug nach Nirgendwo

PATRICK WILDERMANN
Im Café Schönbrunn becircen die famosen Darstellerinnen die Gäste. Weitere Fotos: www.tagesspiegel.de/fotostrecken
Im Café Schönbrunn becircen die famosen Darstellerinnen die Gäste. Weitere Fotos: www.tagesspiegel.de/fotostrecken

Man hat ihnen prophezeit, sie würden sich die Augen auskratzen, sollten sie sich begegnen. „Frau Jansen ist ein Feuerzeichen“, sagt Frau Enskat, „ich bin ein Wasserzeichen.“ Als sich die Schauspielerinnen Susanne Jansen und Rosa Enskat dann tatsächlich trafen, blieben beide nicht nur unverletzt, sondern entflammten in künstlerischer Liebe auf den ersten Blick. Ein Herz und eine Seele sind sie, und mittlerweile auch zwei starke Stimmen, die mit Verve und Witz auf und abseits der Bühne Gemeinsamkeiten und Gegensätze zum Klingen bringen. „Sie hat die gleichen Seiten, die ich auch habe, nur anders ausgeprägt“, erklärt Jansen. „Bei mir sind sie eher dunkel, bei dir eher hell“, stellt Enskat fest. „Das würde ich jetzt nicht so sagen“, entgegnet wiederum Jansen, „wenn du beispielsweise meine düsteren Gedichte liest …“ Und so geht es fort. Ein Tischfeuerwerk der schlagfertig-vertrauten Dialoge wird das Gespräch im Café Schönbrunn, lebendig und lebensweise wie die Auftritte der beiden.

„Konzert N°1“ hieß der erste Abend, den die ausgebildeten Sängerinnen Enskat und Jansen vor einigen Jahren in Eigenregie zur Premiere brachten. Es war ein musikalischer Parforceritt durch ihr Favoritenrepertoire, Jazz und Blues, Chansons und Schnulzen, Selbstgedichtetes und Eigenwilliges. „Konzert N°2“, das Sequel zum Erfolg, mischte dann schon mehr thematische Motive in die Musik, ließ auch das damals stimmungsprägende Tschechow-Lebensgefühl der zwei Schwestern im Geiste aufscheinen: die Sehnsucht nach dem Ort, an dem alles besser wird und der nicht Moskau heißen muss, die Einsamkeit des Hotelzimmers, die viel reisende Schauspielerinnen zwangsläufig kennenlernen. Aber das alles auch gleich wieder ironisch gebrochen, etwa in Gestalt des kleinen ICE, eines Spielzeugzugs nach Nirgendwo.

Nun also steht die Show „Rosa Enskat und Susanne Jansen sind drei Schwestern“ an. Eine Mischung aus beiden Konzerten, „weil wir unterschiedlicher Meinung sind, welcher Abend uns besser gefällt, und weil wir beide so ungern konsequent sind“, wie Enskat trocken erklärt. Es wird jedenfalls nicht einfach nur ein Best-of, sondern wiederum ein irisierender Genre-Bastard aus Theater, Konzert, Performance, Miniaturen, der von der Unmittelbarkeit der Musik und von der Spontaneität und Improvisationsbegabung der beiden Protagonistinnen lebt.

Als „Quintessenz aus den vielen Jahren Bühnenerfahrung“ bezeichnen die beiden ihre Auftritte einmal. Und auch das trifft. Enskat, die heute am Schauspiel Dresden engagiert ist und vormals unter anderem am Gorki Theater war, und Jansen, die seit Jahren besonders dem Staatstheater Hannover verbunden ist, haben sämtliche Höhen und Tiefen der Schauspielerinnenexistenz, auch in Film und Fernsehen, bereits durchmessen – mit allen Zweifeln, mit allem Illusionsverlust auch im besten Sinne, worüber sich ungeschminkt mit ihnen reden lässt. Am Ende allerdings zählt für beide, im Leben wie auf der Bühne, der Augenblick. In ihren Konzerten geht es darum, das Hier und Jetzt zu feiern. PATRICK WILDERMANN

Premiere 27.4., 20 Uhr

Weitere Vorstellungen: 28. und 29.4.

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