Zeitung Heute : Es geht nur anders

Malte Lehming

John Kerry will im Fall seines Wahlsiegs die Truppen aus dem Irak abziehen. Wie kam er dazu, das gerade jetzt anzukündigen?

Die Dynamik des amerikanischen Präsidentschaftswahlkampfes lässt sich auf zwei knappe Formeln bringen. Erstens: Die Demokraten hassen George W. Bush mehr, als sie John Kerry lieben; die Republikaner lieben Bush mehr, als sie Kerry hassen. Zweitens: Für Kerry reicht es nicht aus, ein anderer als Bush zu sein. Er braucht auch ein eigenes Profil und Thema. Und für Bush reicht es nicht aus, Bush zu sein. Seine Leistungen allein überzeugen nicht. Er kann nur dann am 2. November gewinnen, wenn auch seine Anti-Kerry-Kampagne verfängt.

Bisher hat es das Bush-Team besser verstanden, Kerry verächtlich zu machen, als dass es diesem gelungen wäre, aus sich selbst heraus zu glänzen. Folglich führt Bush in den Umfragen. Eine Prognose über den Wahlausgang erlaubt das nicht. Die Stimmungen schwanken beträchtlich. Wenn er in Bedrängnis war, ist Kerry schon oft zur Hochform aufgelaufen. Psychologisch kann ihm die Aufholjagd sogar nützen. Sollte sich der Abstand zu Bush wieder verringern, ist er im Aufwind. Eine Vorentscheidung dürfte die erste TV-Debatte am 30. September bringen. Falls auch diese Runde an Bush geht, kann Kerry nur noch ein Oktober-Wunder retten.

Vorerst bleibt dem Herausforderer nur eins: Er muss den Lautstärkeregler aufdrehen. Seine Botschaft muss aggressiver und deutlicher werden. Diesen Rat hat ihm, vom Krankenbett aus vor seiner Herzoperation, auch Ex-Präsident Bill Clinton gegeben. Kerry war ganz Ohr – und warf dem Präsidenten vor, im Irak einen „falschen Krieg, am falschen Ort, zur falschen Zeit“ geführt zu haben. Sollte er selbst die Wahl gewinnen, werde er versuchen, die US-Truppen „in meiner ersten Amtszeit nach Hause zu bekommen“.

Der Irakkrieg ist ein zentrales Wahlkampfthema. Wahrscheinlich wird bald der tausendste tote US-Soldat zu beklagen sein. Im August gab es mehr amerikanische Verwundete – etwa 1100 – als je zuvor seit Beginn des Krieges. Kerry freilich ist in einer schwierigen Lage. Er hat für den Krieg gestimmt und unlängst erklärt, er hätte dies auch getan, wenn er gewusst hätte, dass Saddam Hussein keine Massenvernichtungswaffen besitzt. Was also unterscheidet ihn von Bush? Das ist das große Rätsel. Nur wenn es Kerry gelingt, auf diese Frage eine klare Antwort zu formulieren, kann er das Blatt noch wenden. Einen ersten kleinen Schritt in diese Richtung hat er getan.

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