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Roland Knauer

Die Menschheit hat noch 13 Jahre Zeit, um die Klimakatastrophe zu stoppen. Zu diesem Schluss kommen bisher unveröffentlichte Teile des UN- Klimaberichts. Was ist an der Erderwärmung noch umkehrbar?


Sollte der Ausstoß von Treibhausgasen bis 2020 nicht entscheidend reduziert werden, könnte es zu spät sein. Dieses Szenario entwerfen führende Klimaexperten, die gerade am dritten Teil des Weltklimaberichts arbeiten. Er beschäftigt sich mit den Konsequenzen der Erderwärmung und soll Ende des Jahres beim Klimagipfel auf Bali beschlossen werden.

Schon heute sind die meisten Wissenschaftler der Ansicht, dass einige Folgen des Klimawandels irreversibel sind. Dies betrifft insbesondere den Eispanzer Grönlands. In einigen Gegenden türmen sich die Eismassen bis zu 3000 Meter hoch. Dort oben ist es in der Regel wesentlich kälter als auf Meereshöhe – eine Erfahrung, die man so in jedem Gebirge machen kann. Würde das Eis Grönlands komplett wegschmelzen, würde die Oberfläche der Insel an manchen Stellen um bis zu 3000 Meter nach unten sinken – und es würde dort rund 15 Grad wärmer.

Sollte das Eis Grönlands erst einmal weg sein, wird es also so schnell nicht wieder zurückkommen – selbst wenn es auf der Erde einen Temperatursturz geben sollte. Die große Frage ist daher, wann das Grönlandeis dauerhaft zu schmelzen beginnt. Eine erste Antwort erhalten Forscher, wenn sie knapp 130 000 Jahre zurückblicken. Damals lagen in einer Zwischeneiszeit die Temperaturen auf Grönland deutlich höher als heute – und das Eis schmolz. Übrig blieben zwei mächtige Eisschilde. Ein kleinerer im Süden und ein erheblich größerer weit im Norden Grönlands. Beinahe die Hälfte des heute auf Grönland vorhandenen Eises hat damals gefehlt. Das allein würde aber reichen, um den weltweiten Meeresspiegel um 2,2 bis 3,4 Meter nach oben zu treiben.

Befinden sich im Jahr 2050 mehr als 450 Teilchen Kohlendioxid in einer Million Luftteilchen – Klimaforscher nennen das 450 ppm (parts per million) Kohlendioxid – könnte genau dieses Schmelzen wieder beginnen. Zu diesem Ergebnis kommt der Klimaexperte Philippe Huybrechts. Es würde wohl 1000 oder mehr Jahre dauern, bis das Grönlandeis komplett geschmolzen wäre. Insgesamt aber würde dadurch der Meeresspiegel um sieben Meter steigen.

Werden nun aber bis zum Jahr 2050 diese 450 ppm Kohlendioxid tatsächlich erreicht? Die Konzentration lag bei rund 280 ppm, bevor der Mensch im großen Maßstab begann, Kohle, Öl und Gas zu verfeuern. 2005 registrierten die Klimaforscher bereits 380 ppm. Und weil Kraftwerke und Automotoren weiter Kohlendioxid in die Luft blasen, kommen zurzeit jedes Jahr ungefähr zwei ppm Kohlendioxid hinzu. Ändert sich daran wenig, dürften die 450 ppm im Jahr 2050 überschritten sein. Kein Wunder also, wenn Klimaforscher jetzt Alarm schlagen.

Dabei spüren wir noch gar nicht die volle Wucht des Klimawandels, wie Johann Jungclaus vom Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg erklärt: Nur die Hälfte des bei der Verbrennung freigesetzten Kohlendioxids bleibt tatsächlich an der Luft. Die andere Hälfte wird von Pflanzen an Land aufgenommen oder vom Meerwasser gebunden. Dieser Puffereffekt könnte in Zukunft schwächer werden und der Klimawandel stärker durchschlagen, warnt Mojib Latif vom Leibniz-Institut für Meereswissenschaften an der Universität Kiel.

Außerdem hat der Klimawandel in den vergangenen 100 Jahren die Luft um durchschnittlich 0,8 Grad Celsius und die Meere um 0,5 Grad erhitzt. Das Wasser aber gibt die Wärme mit der Zeit wieder an die Luft ab, ein Teil des bereits eingekauften Klimawandels steht uns also noch bevor. Und da der Weltklimarat neben dem Eispanzer Grönlands noch eine ganze Reihe anderer Problemfelder wie zum Beispiel die immer saurer werdenden Meere kennt, die weniger Kohlendioxid als bisher speichern können, scheint es wirklich fünf vor zwölf zu sein.

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