Zeitung Heute : Es geht um die Tat

Kaum eine Straftat weckt so viel Abscheu und Empörung wie Gewalt gegen Kinder, vor allem sexuelle Gewalt und sexueller Missbrauch. Seit dem Bekanntwerden von Missbrauchsfällen im katholischen Canisius-Kolleg in Berlin Mitte Januar hat erneut eine Debatte darum begonnen.

Welches Verhalten ist Missbrauch?

Das Strafgesetzbuch spricht von „sexuellen Handlungen“ mit Kindern, also Personen unter 14 Jahren; auf Körperkontakt kommt es dabei nicht unbedingt an, auch nicht darauf, wer handelt, das Kind oder der Erwachsene. Es ist auch nicht wichtig, ob das Kind weiß, was da geschieht. Der Erwachsene steht immer voll in der Verantwortung. Formen von Sexualität, die über einer gewissen Erheblichkeitsschwelle liegen, werden verfolgt. Ein flüchtiger Griff, ein Kuss auf die Wange – das muss noch kein Missbrauch sein, kann aber, je nach Art und Umständen, als solcher bestraft werden.

Wie wird Missbrauch bestraft?

Der sogenannte einfache Missbrauch ist ein Vergehen, es gilt ein Strafrahmen von sechs Monaten bis zehn Jahren. Als Verbrechen gelten nur Taten, die mit einer Mindeststrafe von einem halben Jahr belegt sind. Das sind die schweren Fälle des Missbrauchs, Masturbation etwa. Auch Wiederholungstäter müssen mit mindestens einem Jahr Haft rechnen. Sexualpraktiken, die mit Penetration verbunden sind, werden seit 2003 mit mindestens zwei Jahren Haft bestraft, der Obergrenze, bis zu der eine Haftstrafe noch zur Bewährung ausgesetzt werden kann. Missbrauch ist auch, ein Kind mit Pornografie in der Absicht zu konfrontieren, mit ihm sexuellen Kontakt aufzunehmen oder es zu sexuellen Handlungen zu bewegen. Bestraft wird sogar, wer durch „entsprechende Reden“ auf das Kind „einwirkt“.

Reicht der Schutz?

Theoretisch ja. Von den Formulierungen der Tatbestände her sind Kinder rundum geschützt. Sie haben ein Recht darauf, von Erwachsenen und deren Sexualität in jeder Hinsicht verschont zu bleiben. Sie sollen die ihre selbst und für sich entwickeln können. Deshalb steht der Kindesmissbrauch im Strafgesetzbuch auch unter den „Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung“.

Müssen die Strafen härter werden?

Sexualstrafrecht ist kein einfaches Thema für die Rechtspolitik, geht es doch immer um Sittlichkeit und Moralverständnis. In den vergangenen Jahrzehnten gab es zwei gegenläufige Tendenzen. Einerseits wurde eine Fülle von Handlungen entkriminalisiert, darunter der Ehebruch, Homosexualität unter Erwachsenen, Unzucht mit Tieren, das Erschleichen außerehelichen Beischlafs. Der Schutz rund um Kinder wurde dagegen schrittweise ausgebaut, auch durch die leichtere Möglichkeit der Sicherungsverwahrung. Die scharfe Sicherungsverwahrung ist in die Kritik geraten, es zeichnet sich ab, dass sie gegen Menschenrechtsstandards verstößt. Zudem sind die Strafen schon hoch. Bis 2003 gab es noch „minderschwere Fälle“, man hat sie komplett gestrichen.

Lassen sich Täter abschrecken?

Menschen, die ihre Sexualität an Kindern oder Jugendlichen ausleben, hat es immer gegeben. Der brutale Überfall oder der Sexualmord sind dennoch die Ausnahme. Kennzeichnend beim Missbrauch sind Nähe- und Abhängigkeitsbeziehungen zwischen Täter und Opfer. Der Täter erschleicht sich das Vertrauen des Kindes, wirbt um Zustimmung oder setzt es unter Druck. Oft sind nicht pädophile Neigungen ausschlaggebend, sondern das Unvermögen des Täters, sexuelle Kontakte mit Erwachsenen aufzunehmen. „Echte“ Pädophile entwickeln dagegen eine klare Sexualpräferenz für kindliche Körper. Trotzdem ist der Schuldvorwurf in allen Fällen ähnlich: Die Täter könnten sich auch gegen ihre Tat entscheiden. Inwieweit sie sich dabei von Gesetzen und Strafdrohungen beeindrucken lassen, ist ungeklärt. Weil viele Taten gar nicht zur Anzeige kommen, gibt es ein großes Dunkelfeld.

Was bringen längere Verjährungsfristen?

Missbrauch verjährt, je nach Schwere der Tat, zwischen fünf, zehn und 20 Jahren; gezählt wird ab Volljährigkeit des Opfers. Zivilrechtliche Ersatzansprüche verjähren nach drei Jahren. Möglicherweise wird diese Frist aber verlängert. Justizstaatssekretär Max Stadler (FDP) kündigte an, noch vor der Sommerpause einen Gesetzentwurf zur Verlängerung der zivilrechtlichen Verjährungsfrist bei Missbrauch vorzulegen. Der rechtsstaatliche Gedanke der Verjährung ist, dass die Zeit auch über Kriminalität hinweggeht. Missbrauch kollidiert in doppelter Hinsicht mit diesem Konzept. Zum einen verdrängen die Opfer die Taten häufig und können sich erst spät mit ihnen auseinandersetzen. Zum anderen ändern sich die Zeiten und damit die Sexualmoral: Heute ist beispielsweise Homosexualität kein Tabu mehr wie noch im Deutschland der fünfziger und sechziger Jahre.

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