Zeitung Heute : Es geht um einen Spitzenjob

Ab heute tagen die deutschen Bischöfe in Würzburg. Morgen soll ein neuer Chef der Bischofskonferenz gewählt werden. Um was geht es bei dieser Entscheidung?

Martin Gehlen

Ein Hauch von Konklave liegt am Dienstag über dem Kloster Himmelspforten bei Würzburg, auch wenn kein weißer Rauch aus dem Schornstein aufsteigen wird. Die deutschen Bischöfe wählen einen neuen Chef – für die katholische Kirche ein tiefer Einschnitt. Nach fast 21 Jahren hatte der bisherige Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Karl Lehmann, Mitte Januar wegen lebensgefährlicher Herzrhythmusstörungen seinen Rücktritt angekündigt – „es war ein nicht zu übersehender Schuss vor den Bug“, schrieb er damals in einem Brief an seine Amtsbrüder.

Offizielle Kandidaten bei der Wahlprozedur gibt es nicht, jeder anwesende Bischof schreibt einen Namen auf einen weißen Zettel. Wer im ersten oder zweiten Wahlgang zwei Drittel der Stimmen auf sich vereinen kann, ist als oberster Repräsentant der rund 25 Millionen deutschen Katholiken gewählt. Kommt es zu einem dritten Wahlgang, entscheidet die einfache Mehrheit. Wahlberechtigt sind alle 69 Oberhirten – Erzbischöfe, Bischöfe und Weihbischöfe. Kandidieren jedoch dürfen nur die Ortsbischöfe, also die Chefs der Diözesen. Zwei der 27 deutschen Bistümer – Trier und Speyer – sind zurzeit unbesetzt und werden von Administratoren verwaltet. Und da Kardinal Lehmann nicht mehr antritt, umfasst der Kreis potenzieller Nachfolger 24 Oberhirten. Trotzdem sind nur zwei Namen ernsthaft im Gespräch: Der Freiburger Erzbischof Robert Zollitsch (69) und sein Münchner Kollege Reinhard Marx (54). Der eine steht für eine Übergangslösung, der andere für einen Generationswechsel.

Zollitsch bringt reichlich Erfahrung mit als innerkirchlicher Moderator und effizienter Verwalter. Er managt den Verband der Diözesen Deutschlands (VDD) und ist damit oberster Koordinator der katholischen Finanzen in Deutschland. Praktisch alle Bistümer leiden unter Sparzwängen, stehen vor harten Einschnitten und tiefgreifenden Umstrukturierungen: Gemeinden werden zusammengelegt, kirchliche Angebote gekürzt und Angestellte entlassen. Theologisch jedoch ist Zollitsch ein unbeschriebenes Blatt, außerhalb der Grenzen seines Bistums kaum bekannt. Sollte der Freiburger Oberhirte gewählt werden, dann für eine halbe Amtsperiode von drei Jahren oder für eine ganze von sechs Jahren. Danach hätte er die Altersgrenze für Bischöfe von 75 Jahren erreicht und müsste automatisch dem Papst seinen Rücktritt anbieten. Zollitschs Stärke wäre seine beruhigende Wirkung nach innen. Er ist eine integrierende Persönlichkeit und ein guter Moderator, der die Bischofskonferenz in den kommenden Jahren zusammenhalten könnte.

Der 15 Jahre jüngere Reinhard Marx dagegen ist neben Lehmann der einzige Oberhirte, der sich als Sprachrohr der Kirche einen Namen gemacht hat. Er ist machtbewusst, ehrgeizig und volksnah. Er ist aber auch mediengewandt, ein politischer Kopf mit sympathischer Ausstrahlung. Auf dem Gebiet der Sozialethik hat seine Stimme in Deutschland Gewicht. Sein Verhältnis zu Papst Benedikt XVI. gilt als ungetrübt – in Fragen des Glaubens und der Ökumene liegen beide auf gleicher Wellenlänge.

Offiziell lässt Marx zwar offen, ob er das Amt anstrebt – auch weil er in München erst einmal Fuß fassen muss. Insider weisen jedoch darauf hin, dass seine Chancen sich in Zukunft eher verschlechtern könnten. Denn in den kommenden Jahren werden die Erzbistümer Köln und Berlin neu besetzt, weil die Kardinäle Joachim Meisner und Georg Sterzinsky die Ruhestandsgrenze erreichen. Beider Nachfolger wären mächtige Konkurrenten für den ambitionierten Münchner Oberhirten. Zumindest den Altvorsitzenden Lehmann hat er wohl auf seiner Seite. Der plädierte in seinem Rücktrittsbrief für einen Generationswechsel: „Es ist Zeit für eine Wachablösung“, schrieb er damals.

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