Zeitung Heute : „Es geht um Sinnlichkeit“

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Am Wochenende wird die 51. Biennale von Venedig eröffnet. Hat die vor über 100 Jahren gegründete Mutter aller Kunstbiennalen noch die ganz große Bedeutung, Herr Heynen?

Dasselbe könnte man zur Documenta fragen. Es gab Zeiten, in denen die beiden Veranstaltungen die wichtigsten für die Gegenwartskunst waren. Heute gibt es sehr viel mehr dieser Art. Man muss sich entscheiden, wohin man reist. Betrachtet man allerdings die Zahl und den Rang des Publikums in Venedig, dann ist die dortige Biennale immer noch ein zentrales Kunstereignis.

Was bedeutet es, Kommissar des deutschen Pavillons zu sein?

Venedig ist eine Herausforderung: Die 440 Quadratmeter Ausstellungsfläche sind ein kleines Format, mit dem man sehr präzise arbeiten muss. Zugleich findet alles auf einer grell ausgeleuchteten Bühne statt, mit ungeheuer vielen Zuschauern. Ein interessantes Spannungsverhältnis.

Ob Sie wollen oder nicht: Ihre Künstlerwahl gilt immer als Repräsentation deutscher Kunst.

Künstler sind keine Vertreter. Sie vertreten höchstens ihre eigene Qualität.

Trotzdem sucht man den nationalen Vergleich in den Länderpavillons der Giardini. Gibt es das – regional Spezifisches?

Für viele ausstellende Künstler ist das keine primäre Frage. Trotzdem wird man immer wieder einen bestimmten Geruch oder Geschmack aufnehmen: Man glaubt, eine bestimmte Art von Kunst könne es nur in diesem oder jenem Lande geben. Und das nicht nur, weil sie sich expressis verbis auf dortige Ereignisse bezieht. Man sollte aber vorsichtig sein, denn sonst werden nur Stereotypen bestätigt.

Was ist denn „typisch deutsch“ bei den von Ihnen ausgewählten Künstlern Thomas Scheibitz und Tino Sehgal?

Bei Scheibitz könnte man einen kühnen Bogen zu Dürer schlagen und dessen konstruktivistischen Haltung, die in der Zeichnung gründet. Bei Sehgal wäre es vielleicht der Versuch, künstlerische Fragen immer weiterzudenken. Man sagt uns Deutschen ja nach, dass wir die Gedanken gerne bis zum Extrem treiben. Sehgal versucht, die Lösung des Kunstwerks vom materiellen Objekt weiter und radikaler zu fassen als Fluxus oder Konzeptkunst in den 60ern und 70ern.

Der in den 30er Jahren erbaute deutsche Pavillon in Venedig stellt als einstiger Repräsentationsort Nazi-Deutschlands eine Hypothek dar. Belastet Sie das?

Die Frage ist historisch obsolet, was den Pavillon angeht. Vielleicht hätte man ihn in den 50er Jahren abreißen müssen. Das ist nicht geschehen. Man hat keinen Schnitt gemacht, und es blieb bei der architektonischen „Entnazifizierungsmaßnahme“ Eduard Triers von 1964, der Entfernung von Zwischenwand und abgehängten Stoffdecken, so dass ein eher nackter, roher Innenraum entstanden ist. Der imposante Auftritt des Portikus nach draußen ist geblieben. Für die Künstler jedoch ist die Phase vorüber, in der sie wegen des Baus thematisch auf die deutsche Vergangenheit zurückgriffen. In der Vorbereitungsphase sagte jemand: Machen Sie eine deutsche Kiste daraus – mit einem Künstler, der sich stellvertretend für alle Deutschen geißelt. Das kommt im Ausland gut an. Das ist natürlich reiner Zynismus.

Nachdem Sie vor zwei Jahren Martin Kippenberger und Candida Höfer als etablierte Künstler vorgestellt haben, präsentieren Sie nun zwei angesagte Newcomer. Wollen Sie es allen Recht machen?

Meinem Beruf wird grundsätzlich unterstellt, dass die erste Überlegung immer strategisch sei. Mich interessieren aber konkrete Werke, Künstlerpersönlichkeiten. Die jetzige Wahl wirkt zwar nach außen als Kontrast, aber die vorherige war nicht weniger wagemutig. Der Mythos von Mr. Nobody ist ohnehin passé. Unentdeckte Künstler, die etwas draufhaben, gibt es eigentlich nicht mehr.

Sie haben Scheibitz und Sehgal ausgewählt, da sie das Spezifische in der Kunst erforschen. Was ist das denn?

Ich meine einen Ansatz, bei dem nicht jeder Gedanke an Kunst möglichst weit weggedrückt wird und man das angestammte Territorium verlässt, um näher an die Realität heranzukommen. Das hat schließlich zu einem Cross-over-Denken geführt, bei dem von überall etwas aufgeschnappt und zusammengerührt wird. Heute versuchen Künstler, die Dinge wieder auseinander zu dividieren, denn das große Vermischen kann auch beim Stammtischgerede enden.

Bedeutet das auch eine Rückbesinnung auf traditionelle Werte?

Das klingt mir zu politisch, zu ideologisch. In beiden Fällen geht es um Sinnlichkeit, um Materialität: die malerischen Oberflächen und Körper bei Scheibitz und die menschlich-körperliche Direktheit der Interpreten bei Sehgal. Es ist doch interessant, dass jemand wie Sehgal, Jahrgang 1976, der mit den Distanzierungstechniken der Medien groß geworden ist, in seiner Kunst genau das Gegenteil macht und auf „face to face“ setzt. Dahinter steckt keine Wertediskussion, sondern eine Wiederbelebung vergessener Möglichkeiten.

Julian Heynen ist Kurator des Deutschen Pavillons auf der Kunstbiennale.

Das Gespräch führte Nicola Kuhn.

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