Zeitung Heute : Es geht ums Ganze

Der Irak ringt um seine Einheit als Nation – sie kann nur gelingen, wenn al Sadr bezwungen wird

Martin Gehlen

Die gewaltsamen Auseinandersetzungen im Irak eskalieren. Wie soll die Einheit des Landes gewahrt werden, wenn sich Schiiten, Sunniten, irakische Regierung und US-Truppen derart kompromisslos gegenüberstehen?

Iraks Übergangsregierung setzt alles auf eine Karte. Sie sucht den Konflikt mit den bewaffneten Milizen. Und sie muss ihn gewinnen – soll der Irak überhaupt in absehbarer Zeit wieder wie eine intakte Nation funktionieren können. Ministerpräsident Ijad Allawi will seiner verunsicherten und frustrierten Bevölkerung demonstrieren, dass er in der Lage ist, das Heft in die Hand zu bekommen, endlich für mehr Sicherheit zu sorgen – selbst wenn das ein hohes Risiko für den Fortbestand seines Landes bedeutet.

Denn nicht nur in dem sunnitischen Widerstandszentrum Falludscha wird nach wie vor gekämpft. Auch die Kurden – im Augenblick zwar ruhig – haben zehntausende Kämpfer unter Waffen und könnten jederzeit losschlagen, wenn sie ihre mühsam errungene Autonomie bedroht glauben. Am heikelsten jedoch ist die Lage inzwischen in Nadschaf, der heiligen Stadt der schiitischen Muslime. Hier steht mittlerweile so viel auf dem Spiel, dass Allawi und die Vereinigten Staaten vor dem radikalen Provokateur Muktada al Sadr und seinen bewaffneten Anhängern nicht mehr zurückweichen können. Denn es geht nicht nur um die Glaubwürdigkeit der neuen Regierung und die Aussicht auf mehr innere Stabilität. Es geht auch um die Rolle des Islam im neuen politischen Spektrum des Iraks und um die Führung innerhalb der schiitischen Bevölkerungsmehrheit.

Sollte es Allawi nicht schaffen, al Sadr und seine aufsässige Miliz in die Knie zu zwingen, könnte dem Irak das gleiche Schicksal drohen wie nach 1975 dem Libanon mit seinem 15-jährigen Bürgerkrieg. Von allen Staaten des Nahen Ostens lässt sich am Schicksal dieses kleinen Mittelmeerlandes am klarsten ablesen, was dem Irak widerfahren könnte. Erst nach zehntausenden von Toten und nachdem sich alle bewaffneten Seiten in einem Zustand kompletter Erschöpfung befanden, gelang es Anfang der neunziger Jahre, für Beirut einen Waffenstillstand zu schließen. Der Preis für diese jahrelange Selbstzerfleischung ist bis heute spürbar. Das Zusammenleben der verschiedenen Glaubens- und Bevölkerungsgruppen ist nach wie vor fragil und gestört. Viele Menschen mussten sich innerhalb des Landes eine neue Heimat suchen, weil sie sich in gemischt-religiösen Nachbarschaften nicht mehr sicher fühlten. Seitdem ist der Libanon im Inneren aufgeteilt in unsichtbare Zonen, die für die jeweils anderen Bevölkerungsteile mehr oder weniger tabu sind. Auch die Gefahr, dass neue Bürgerkriegskämpfe aufbrechen, ist immer noch nicht restlos gebannt. Bis heute ist der Libanon mit den wirtschaftlichen Aufräumarbeiten beschäftigt. Der Staat funktioniert praktisch nicht, angefangen von den Behörden, der Polizei über die Steuerämter bis zu landesweiten Investitionen in die Infrastruktur.

Insofern ist der Konflikt in Nadschaf für den Irak und seine neue Regierung geradezu eine Nagelprobe. Und die Chancen, dass das Kalkül der Härte gegenüber al Sadr aufgeht, stehen gar nicht schlecht. Denn die Schiiten, zu denen 60 Prozent der Bevölkerung gehören, sind kein einheitlicher Block. Sie verteilen sich auf ein breites Spektrum von politischen und sozialen Kräften mit unterschiedlichen religiösen, säkularen oder nationalistischen Schattierungen. Auch folgt ihre Mehrheit bisher nicht Hitzköpfen wie al Sadr, sondern den tendenziell unpolitischen traditionalistischen Kräften, die sich um die Großajatollahs von Nadschaf scharen. Ihr Führer, der Großajatollah Ali al Sistani, will aus taktischen Gründen der amerikanischen Besatzungsmacht bis zu den Wahlen keinen Widerstand leisten. Er setzt darauf, dass sich die Schiiten in einer Demokratie erstmals in der Geschichte des Irak ernsthaft an der Macht in Bagdad beteiligen können. Aus diesem Grunde lehnt der 73-Jährige, der im Moment wegen einer Herzoperation in einem Londoner Krankenhaus liegt, das provokante Treiben seines jungen Rivalen al Sadr rundheraus ab. Denn al Sistani weiß, wenn sein Land im Chaos versinkt, werden die Schiiten ihre Hoffnung auf eine echte Beteiligung an der Macht wieder einmal begraben müssen.

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