Zeitung Heute : „Es geht uns um Bloßstellung“

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Irmtraud Tarr, 53, ist Konzertorganistin und Psychotherapeutin. Sie gibt LampenfieberSeminare auf der ganzen Welt – in der University of Washington ebenso wie in der Londoner Royal Music Academy. Ende Februar erscheint ihr Buch „Vom Lampenfieber zur Vorfreude“ im Asanger-Verlag.

Gibt es verschiedene Lampenfieber-Typen?

Jeder Mensch hat da sein eigenes Profil, seine eigene Andock-Stelle. Immer dort, womit er sich am meisten identifiziert: Der Bläser bekommt einen trockenen Mund, der Organist kriegt zitternde Knie, weil er mit den Pedalen spielen muss, der Redner wird heiser. Und: Je enger mein Rahmen ist, je exakter ich leisten muss und je überprüfbarer ich bin, desto anfälliger bin ich. Zigeunermusiker, die frei spielen, sich nicht an Noten halten müssen, die haben das nicht; klassische Musiker haben hingegen alle ihre Lampenfieber-Erfahrung.

Wovor fürchten wir uns denn?

Einer steht vorne und will überzeugen, da könnte man vermuten: Es geht um Macht. Stimmt aber nicht. Es geht darum, dass derjenige, der vorne steht, das Gefühl braucht: Ich bin autark, ich habe die Situation im Griff. Unsere größten Ängste gelten heute nicht mehr dem Pavian, der uns das Vieh raubt, sondern dem mobbenden Kollegen, Rivalitäten etwa in der Kulturszene, dem Arbeitsplatzverlust. Es geht um den Verlust des Selbstwertgefühls. Um Bloßstellung.

Und welche Fähigkeiten muss ich trainieren, um mich besser in den Griff zu kriegen?

Manche Tugenden des Alltagslebens, etwa die Bescheidenheit und die Selbstlosigkeit, haben auf der Bühne – und damit ist jede Bühne des Lebens gemeint, auf der man für etwas eintritt – nichts verloren. Man muss „ich“ sagen können. Der Hörer will ja einen Redner, der für etwas stehen kann. Und das Publikum geht nicht alles an, was meine Person ist. Ich muss verletzbare Teile verbannen können. Das kann man üben. Es macht ja auch Spaß, jemanden zu sehen, der es drauf hat. Der weiß, wie er wirkt, der bewusst geht, lächelt.

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