Zeitung Heute : Es geschah am helllichten Tag

Er hat die kleine Anna gewürgt, bis sie ohnmächtig wurde. Dann hat er sie vergewaltigt. In München wird nun das Urteil über Sven K. gefällt. Dass seine Rohheit erklärbar ist – dem Opfer hilft das nicht.

Monika Goetsch[München]

Von Monika Goetsch,

München

Solche bösen Träume erzählt man nur ein Mal, sagte das Mädchen, man hört auch nicht zu, wenn andere davon erzählen. Erzähl du der Mama meinen Traum, aber draußen, vor der Tür. Die Ärztin ging raus und erzählte. Dass das Mädchen Blutspuren in der Unterwäsche hatte, Unterleibsverletzungen, ein blaues, angeschwollenes Gesicht und Striemen am Hals. Dass es von einem bösen Mann geträumt habe, von ihm gewürgt worden sei auf der Schultoilette, dass es schreien wollte und nicht schreien konnte und sich übergeben musste und jetzt, ein paar Stunden später, nur noch nach Hause ins Bett wolle, so müde sei es, so schwindlig.

Anna, so heißt das Mädchen nicht, aber so wird es seitdem genannt, um es vor der Öffentlichkeit zu schützen, Anna kommt nach Hause, Tage später, operiert und versorgt. Geht wieder in das schwere, abweisende Schulgebäude in der Münchner Innenstadt. Und besucht seit dem Alptraum im Oktober des vergangenen Jahres einmal in der Woche einen Psychotherapeuten, der dem siebenjährigen Kind helfern soll, das Leben fortan zu meistern. Dem Münchner Landgericht bleiben Anna und ihre Eltern fern. Dem bösen Mann aus dem Traum wollen sie nie wieder begegnen.

In der Jugendkammer wird seit zwei Wochen über die Zukunft von Sven K., 19 Jahre, verhandelt, heute sprechen sie das Urteil.

Blass und ernst sitzt der Junge da im Leuchtstoffröhrenlicht, mit sorgfältig gezogenem Mittelscheitel und gegelten Fransen in der Stirn und lässt ein Geständnis verlesen, in dem er alles zugibt: die Vergewaltigung der kleinen Anna frühmorgens auf der Toilette der katholischen Mädchenschule an der Blumenstraße im Oktober 2001. Die Vergewaltigung einer als Putzhilfe arbeitenden tschechischen Studentin in einem Umkleideraum im Keller der wenige Schritte entfernten Universitätsfrauenklinik zwei Monate zuvor. Die Vergewaltigung der 57-jährigen Wirtin Roswitha T. in einer Landgaststätte nahe dem Starnberger See in der Silvesternacht 2001/2002. Alle drei Opfer hat K. vorher so heftig gewürgt, dass sie ohnmächtig wurden.

Anfang Januar wurde Sven K. in einer Ferienwohnung bei München festgenommen. Er folgte, ohne Widerstand zu leisten. Wie ein Polizeibeamter mitteilt, „sprudelte sein Geständnis gerade so heraus“.

Mit Wachsfarben gegen das Böse

Zu Ende ging an diesem Tag eine Ewigkeit der Angst, die sich bleiern über die Spätsommer-, Herbst- und Wintertage gelegt hatte, als Phantombilder des Täters die Münchner Innenstadt beherrschten, Angst sich einschlich vor einem Spaziergang an der Isar, beim Weg durch den uralten südlichen Friedhof, in U-Bahnhöfen im Zentrum der Stadt und auf nächtlichen Heimwegen. Kaum einer ließ sein Kind noch allein zur Schule, zu Freunden, in den Musikunterricht. Auf Elternabenden wurden Sicherheitsmaßnahmen diskutiert, schnell wuchs die Angst weit über die reale Gefahr hinaus. In Annas Schule, einer ohnehin wohl behüteten Einrichtung, führte man eine Videoüberwachung ein, die Pforte ist seit der Tat immer geschlossen. Eine Schulschwester behält die Toiletten im Blick, Selbstbehauptungsprogramme sollen die Mädchen lehren, ihren Wahrnehmungen zu vertrauen, zu schreien, wenn es Not tut, einander zu helfen und zu reden, reden, reden, wenn etwas vorgefallen ist.

Mit dicken Wachsfarben, erzählt die Elternsprecherin von Annas Schule, hätten ihre Kinder auf Sven K.s Foto herumgemalt, als es nach der Verhaftung in der Zeitung erschien, ihm Teufelsohren verpasst und versucht, ihn zu entstellen – ein hilfloser Versuch, Macht auszuüben über das Böse. Geblieben sind bei manchen Kindern die Angst, öffentliche Toiletten aufzusuchen, die Erinnerung aller an eine unheimliche Zeit und die dunkle Gewissheit, dass man vieles tun, sich aber nicht wirklich schützen kann vor Menschen wie diesem.

Todesängste habe sie durchlitten, erzählt die Wirtin vom Starnberger See vor Gericht, das Blut sei ihr aus der Nase geschossen, „der Kopf war am Platzen“, das Herz sei ihr geprellt worden von dem Mann, ihrem letzten Gast, mit dem sie kurz zuvor noch nett geplaudert habe am Tresen und der ein paar Minuten später, nach ihrer Ohnmacht, die Vergewaltigung auf den nackten Fliesen „ohne Gewaltanwendung ganz gemütlich vollzog“ und sie aufforderte, „es zu genießen“.

Wochenlang habe sie sich nicht aus dem Haus getraut mit all den Schwellungen und Rötungen im Gesicht, den Würgemalen am Hals und den blutunterlaufenen Augen, monatelang habe sie diese Arme um ihren Hals gespürt, „richtig körperlich“. Allein könne sie nur mit einem Stammgast in der Wirtsstube sitzen seither, mit Fremden niemals mehr.

„Extreme Gewaltanwendung“ bestätigt auch der medizinische Gutachter im Fall Anna, ihr Gesicht habe ihn an ein „Überrolltrauma“ erinnert, an das Gesicht eines Menschen, der von einem Laster überfahren worden sei. Minutenlang hatte Sven K. zugedrückt, „damit sie endlich ruhig ist“. Im Glauben, das Kind sei tot, hatte er es auf der Toilette zurückgelassen. Erst aus der Zeitung erfuhr er, dass Anna lebt.

„Es tut mir unendlich leid“, lässt der schüchtern wirkende Angeklagte verlesen, und „vielleicht ist es besser, mich wegzusperren.“ Hilfe wolle er haben, heißt es in seinem Geständnis, und in einem Brief, den er im September an einen Freund geschrieben haben soll: „Ich kriege Angst vor mir selber.“ Hilfe, sagt seine neun Jahre ältere, intelligente Halbschwester Bärbel, hätte er früher gebraucht, „heute ist es zu spät“.

Aufgewachsen bei Mutter und Stiefvater als eines von acht Kindern in der nordrhein-westfälischen Stadt Düren hatte Sven K., wie Bärbel zornig erzählt, tatsächlich eine jener Kindheiten zu durchleiden, die einem das ganze Leben verpfuschen. Untergebracht auf zwei mal zwei Metern hinter einem Bretterverschlag, im Besitz nur einer Matratze und eines Eimers, in dem er die Notdurft verrichten sollte, hätte ihn die alkoholkranke Mutter immer dann gerufen, wenn es galt, Schwester oder Bruder zu verprügeln. „Da war er ihr Verbündeter.“ Liebe und Halt erfuhr er nie, Gewalt täglich, „der Griff von Mutter oder Stiefvater ging immer an den Hals“, an die Wand wurde er gedrückt, normal sei das für die Kinder gewesen.

Wurde Sven K. geohrfeigt, ging er raus und schlug andere, Wehrlose zusammen. Urplötzlich, sagt die Schwester, die Sven zuletzt auf der Beerdigung der Mutter 1995 gesehen hat, konnte er hochgehen, „ohne Anlass einen Aussetzer haben“, ebenso plötzlich wieder still sein, „als hätte es klick gemacht, und noch mal klick und er wäre ein anderer Mensch“.

Chance auf „Nachreifung“

Ein Wohngruppenversuch, ein Heimaufenthalt folgt dem anderen, Sven K. prügelt sich, stiehlt, landet für Monate in der Psychiatrie, im Knast, trinkt, nimmt Drogen, seit er zwölf ist, schlägt sich durch als Stricher, schläft irgendwo bei Bekannten, verkommt. Seine Freundin Daniela lernt er in einer Karnevalsnacht 2001 in Köln kennen, „ganz nett“ sei er gewesen, sagt die 21-Jährige, füllige Frau, „vielleicht ein bisserl gefühlskalt“ und sexuell unbeholfen, „relativ schreckhaft“ habe er auf Berührungen reagiert. Richtig aggressiv hat Daniela Sven K. nur ein Mal erlebt, an jenem Abend im Sommer, in dessen Verlauf für sie „die Sache gegessen war“; damals, in einer Diskothek, hatte Sven seiner Freundin im Streit eine Ohrfeige verpasst. Daniela fror die Beziehung ein, traf ihn nicht mehr. Ließ sich aber anrufen, anbetteln, es noch mal mit ihm zu versuchen, irgendwann im August 2001, ein paar Mal in den folgenden Monaten, auch am Neujahrsmorgen dieses Jahres, wenige Stunden, nachdem Sven K. den Landgasthof verlassen, in der Wohnstube eines gutmütigen Bauern bei einem Glas Sekt auf ein Taxi nach München gewartet hatte und zurück in die Innenstadt gefahren war.

Um die Öffentlichkeit vor Sven K., der „tickenden Zeitbombe“, zu schützen, plädieren Staatsanwaltschaft und Nebenkläger dafür, den Täter auf unbestimmte Zeit in die Psychiatrie einzuweisen. Darüber hinaus erwartet man als Urteil eine Jugendstrafe von knapp zehn Jahren. Zur Sühne und zur Abschreckung, und damit der Täter, der zum Selbstmitleid neigt, die Tat nicht vor sich selbst entschuldigen kann.

Mit einer Therapie soll nach Wunsch aller Beteiligten schleunigst begonnen werden, eine Chance auf „Nachreifung“ will man dem jungen Mann mit der schweren Persönlichkeitsentwicklungsstörung, der unterdurchschnittlichen Intelligenz und den wiederkehrenden sexuellen Kindstötungs-Phantasien schon geben. Die Erfolgsaussichten einer Therapie – Psychiater Franz Joseph Freisleder sagt vor Gericht, sie seien „nicht allzu groß“. Gut möglich, dass der junge Mann Sven K., Opfer seiner Verhältnisse und Täter, der fast getötet hätte, nie wieder in die Freiheit zurückkehrt.

Schweigend, den Blick gesenkt, hört Sven K. die Plädoyers, weigert sich mit leiser Stimme, ein Wort dazu zu sagen, man werde ihm, lässt er über seinen Anwalt ausrichten, ohnehin nicht glauben nach alledem, was gesagt worden sei. Gefühle, Reue sind ihm nicht anzumerken, hinter der Fassade allerdings, so der Anwalt, „brodelt es“, mehr und mehr werde dem Angeklagten klar, welches Leid durch ihn geschehen sei.

Nachdenklich resümiert der Anwalt der kleinen Anna, Klaus Gussmann, nach drei Tagen vor Gericht: Viel habe der Prozess erklärbar gemacht. Die Tat sei dadurch sicher „weniger schrecklich geworden – für die Außenstehenden. Nicht aber für die Opfer.“ Die müssten mit ihren Wunden und Narben leben für immer.

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