Zeitung Heute : „Es gibt für den Irak keine Lösung mehr“

In dieser Woche debattiert der USKongress über den Irak. Sie berichten seit April 2003 über die Situation im Land. Herr Rosen, was sollten die USA tun?

Es gibt keine Lösung mehr, es ist zu spät. Der beste Zeitpunkt für einen Abzug wäre im Frühjahr 2004 gewesen. Damals hatte sich erstmals ein gemeinsamer sunnitischer und schiitischer Widerstand gegen die amerikanische Besatzung gebildet. Das hätte den Irakern die Chance für eine Einigung gegeben, sozusagen die Geburt einer neuen Nation in einem gemeinsamen blutigen Widerstand – nehmen Sie Algerien als Beispiel mit seinem Unabhängigkeitskrieg gegen Frankreich. Ende 2004 begann dann der Bürgerkrieg. Heute haben die Amerikaner ihren Einfluss verloren. Sie sind eine bewaffnete Gruppe unter vielen. Ob sie nun gehen oder bleiben, nichts wird sich ändern.

Wie sieht der Irak in zehn Jahren aus?

Kurdistan wird unabhängig sein und die Ölstadt Kirkuk einschließen. Der übrige Irak wird einen Weg nehmen wie Somalia – kontrolliert von lokalen Kriegsherren, deren Milizen die Stadtviertel überwachen und die Bewohner terrorisieren. Drei Millionen Iraker sind bereits geflohen, darunter viele gut Gebildete. Die wollen nie wieder zurückkehren. Einen irakischen Staat gibt es bald nicht mehr.

Und die Nachbarstaaten?

In zehn Jahren gibt es in der Region vielleicht andere Grenzen. Die jordanische Monarchie wird wahrscheinlich zusammenbrechen. Was dann kommt, weiß niemand. Es könnte auch sein, dass ein Teil des sunnitischen Irak an Jordanien fällt, wo heute schon eine Million Flüchtlinge lebt. Ähnliches gilt für Syrien.

Heute ist der sechste Jahrestag des 11. September. Was denken Sie rückblickend über die amerikanische Reaktion?

Mich hat sehr enttäuscht, dass es keinerlei Nachdenken darüber gab, was Amerika zu dieser Eskalation beigetragen hat. In den USA gibt es nur eine einfache Kategorisierung: Wir sind die Guten, die Muslime sind die Bösen. Auch viele Muslime haben den 11. September verurteilt. Das haben wir nicht zu nutzen gewusst. Stattdessen haben wir mit unserer Reaktion den gesamten Vorderen Orient zerstört.

Welche Bedeutung hat Al Qaida heute?

Die ganze Bewegung ist viel stärker geworden. Das Gefährliche ist nicht die Führung um Osama bin Laden, das Gefährliche sind die vielen lokalen Zellen, die sich überall im Nahen und Mittleren Osten gebildet haben. Im Libanon brauchte die Armee drei Monate, um eine kleine Gruppe zu bekämpfen, die den Ideen von Al Qaida nahesteht.

Welchen Einfluss hat Osama bin Laden heute im Irak?

Er ist keine wichtige Figur. Die Mehrheit der Sunniten denkt national und will den Irak von der amerikanischen Besatzung befreien. Es gibt viele Leute, die bin Laden bewundern. Aber Al Qaida hatte nie viele irakische Mitglieder. Zu einem viel wichtigeren Idol ist bei den Sunniten Saddam Hussein geworden – verehrt als Märtyrer und als Führer der Mudschaheddin.

Nir Rosen ist amerikanischer Journalist und berichtet nach wie vor aus dem Irak. Mit ihm sprach Martin Gehlen.

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