Zeitung Heute : Es gibt immer nur einen Gewinner und viele Verlierer

Die Krise der Weltwirtschaft ist immer noch nicht vorbei. Was haben Japan, Südostasien, Rußland und Brasilien falsch gemacht, daß sie so tief abgestürzt sind?

Diese Krise ist keine Krise einzelner Länder. Sie ist eine Krise des Systems - eines Systems, das eine falsche Logik hat.

Was meinen Sie damit?

Es ist die Logik, die alle Volkswirtschaften auf diesem Planeten bewegt - die Logik des Neoliberalismus. Ob in der Ersten oder der Dritten Welt, überall herrscht der totale Individualismus. Er steigert die Konkurrenz aufs Höchste.

Konkurrenz ist schlecht?

Die Logik nimmt extreme Ausmaße an. Sie produziert immer mehr Opfer. Wer nicht stark genug ist, auf dem Markt zu überleben, der wird vernichtet. Unternehmen werden aufgekauft oder gehen bankrott. Die Großen werden immer größer, und die Reichen werden immer reicher. Wir erleben eine Anhäufung von Reichtum wie nie zuvor in der Geschichte. Denn in der Logik des Kapitalismus geht es nicht darum zu kooperieren, sondern nur darum, immer mehr für sich allein zu haben. Jeder will akkumulieren und nichts verteilen.

Und das ist böse?

Die sozialen Verhältnisse verschlimmern sich. Jedwede soziale Ethik verschwindet. Auf diese Weise ist die Zukunftsfähigkeit der Menschen bedroht.

Wann fängt Individualismus an, gefährlich zu werden?

Individualismus ist immer gefährlich. Denn der Kapitalismus ist naturwidrig. Biologen sagen uns, das erste Gesetz der Evolution sei die Zusammenarbeit. Ohne sie kann kein Lebewesen überleben. Nur wenn viele zusammenkommen und zusammenarbeiten, gibt es Biodiversität und Synergie. Doch die Seele des Kapitalismus ist die Überzeugung, nur der einzelne könne maximal gewinnen. So entsteht die Dominanz des Individuums - mit zerstörerischen Folgen.

Nirgendwo gibt es soviel Kooperation wie auf dem Marktplatz: Der eine gibt, der andere nimmt. Gehört Kooperation denn nicht zum Kapitalismus?

Es gibt die Beziehungen zwischen Käufer und Verkäufer, aber mehr gibt es nicht.

Ökonomen gilt der Marktplatz als Spiel, in dem am Ende alle profitieren.

Es ist kein System, in dem zwei gewinnen können. Vielmehr gewinnt der Starke häufiger, und die vielen Schwachen verlieren. Es gibt immer nur einen Gewinner und viele Verlierer. Dieses System schließt ständig Menschen aus. Das ist unnatürlich, denn die Natur schließt alle ein.

Dabei sagen die Ökonomen, wenn alle ihr individuelles Wohlergehen anstrebten, komme es am Ende auch für die Gemeinschaft zu einer guten Lösung.

Diese Behauptung würde aber voraussetzen, daß die unsichtbare Hand des Marktes funktioniert. Aber das tut sie nicht, weil die Akteure unterschiedliche Ausgangsbedingungen haben. Einer mag zum Beispiel über neue Technik verfügen, der andere nicht. Die Macht der Akteure wird unterschiedlich, das hebelt die unsichtbare Hand schon aus.

Aber um uns herum funktionieren viele Märkte. Haben Märkte nicht sogar seit den 80er Jahren eine Renaissance erlebt?

Von wegen. Ich sehe nur eine Renaissance des Neoliberalismus, seit Margaret Thatcher und Ronald Reagan ihre Politik durchsetzten. Damit begann der Individualismus, der die globalen Märkte beherrscht. Damit einher fing der Siegeszug des Spekulantentums an. 80 Prozent der Gelder an den Börsen sind Spekulation. 80 Prozent der Finanzen auf dieser Welt finden sich in keinerlei wirklichen Werten wieder.

Nun werden an den Börsen ja nicht nur heute existierende Dinge bewertet, sondern auch Erwartungen.

Aber das ist nicht gesund. Das Fundament fehlt. Spekulation ist eine Lüge. Man gibt vor, es wäre Geld vorhanden, aber das ist nur ein Glaube.

Und dieser Glaube führt automatisch in die Misere?

Direkt in die große Krise. Noch geht es nur um die Länder an der Peripherie wie Malaysia und Brasilien. Aber schon bald wird auch die Erste Welt betroffen sein. Was passiert, wenn Japan plötzlich die Schulden der Vereinigten Staaten eintreiben will? Die USA leben auf Pump, und jederzeit droht der große Knall.

Haben wir noch eine Chance?

Der Grundfehler besteht darin, die Wirtschaft nur für sich allein zu betrachten. Dabei ist Wirtschaft ein Kapitel der Politik und eine zutiefst menschliche Angelegenheit. Doch der Kapitalismus ist hart und herzlos. Wer Wirtschaft nur als Statistik und Mathematik begreift, vergißt das Schicksal der Menschen. Darunter leiden die Menschen - beispielsweise in Brasilien: Die Wirtschaft läuft wunderbar, aber den Leuten geht es immer schlechter. Wir nähern uns der Grenze mehr und mehr an, an der es nicht mehr weitergeht. Die Erde kann nicht verkraften, daß Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit nichts zählen.

Aber was ist die Alternative? Der Sozialismus ist zusammengebrochen.

Ich spreche nicht vom Sozialismus. Ich nenne es den Realismus, der erst dann kommt, wenn die Katastrophe da ist. Auch wenn man getreu Hegel aus der Geschichte nur lernt, daß man aus der Geschichte nichts lernen kann, gehe ich davon aus, daß wir wieder eine Krise durchmachen müssen, ehe der Realismus kommt.

Wieder?

Die erste Katastrophe des Jahrhunderts war der Erste Weltkrieg, am Ende stand die erste globale Institution, der Völkerbund. Die zweite Katastrophe war der Zweite Weltkrieg, nach dem die Vereinten Nationen entstanden. Nach der dritten Krise jetzt kommt die Weltregierung. Da steht die eine und einzige Weltgesellschaft. Nur so können wir das Erbe der Menschheit bewahren. Sobald man mehr und mehr spürt, daß der Untergang droht, können wir mit einer wenigstens minimalen Menschlichkeit rechnen.

Aber wer bestimmt denn, was Menschlichkeit ist?

Das ist in der Tat ein Problem, denn Moral und Ethik werden immer kulturell, also regional bestimmt. Ethos kommt aus dem Griechischen und meint das Revier eines jeden. Heutzutage ist darunter aber nicht mehr die eigene Wohnung, das Haus, die Stadt, das Land zu verstehen - sondern die ganze Welt. Wir müssen den gesamten Planeten bewahren, das muß der Maßstab für unsere Ethik jetzt sein.

Nur wie?

Der Mensch muß sich als seinen eigenen Zweck entdecken. Sehen Sie in die Geschichte der Menschheit, wie es in der Aufklärung war. Das war die große Zeit des Respekts vor dem Menschen. Brüderlichkeit war ein Grundwert. Menschen galten als gleich. Diese ethische Tradition Europas müssen wir wiederentdecken.

Haben Sie noch Hoffnung?

Wenn man die Geschichte der Erde sieht, erfährt man, daß es mindestens 15 große Devastationen gegeben hat. Dabei sind 93 Prozent aller Spezies zerstört worden - welch unvorstellbare Katastrophe! Doch allen Katastrophen zum Trotz ist das Leben nicht verschwunden, sondern die Vielfalt des Lebens sogar noch gewachsen.

Das heißt nicht, daß wir wieder so davonkommen.

Ach, ich glaube, wir sind nicht geschaffen worden, um in dieser Phase der Erde endgültig unterzugehen. Ich sehe das so wie die Geburtskrise einer Frau. Wer der schreienden Frau zuguckt, denkt gewiß, die Frau stirbt. Aber wenn man weiß, sie arbeitet daran, ihr Kind zu gebären, dann freut man sich und ist voller Hoffnung. So geht es der Menschheit in der gegenwärtigen Krise. Das Alte ist noch nicht gestorben, das Neue noch nicht da. Aber bald, spätestens in der kommenden Generation, wird es mehr Menschlichkeit und Kooperation geben. Wir werden Söhne der Freude sein und nicht mehr Söhne des Trübsals und der Verzweiflung.

Aber warum?

Weil es nach jeder Krise nicht nur weitergeht, sondern besser weitergeht als jemals zuvor. Deswegen ist die Krise ernst, aber hoffnungsvoll.

Für Sie ist ein Hoffnungsträger ausgefallen - die Kirche.

Trotzdem bleibt das Christentum als Utopie. Das kann sogar die traditionelle, hierarchische Kirche nicht kaputtmachen. Die Kirche selbst ist verloren. Sie hat schon im zehnten Jahrhundert den Kapitalismus eingeführt - und damit die Diktatur des Klerus und Gewissensterror. So wie die Kirche und der Papst heute denken, dachten schon die Monarchen von Gottes Gnaden vor ein paar Jahrhunderten, und sie sind untergegangen. Jesus hat nie eine Kirche gebraucht. Die Kirche entstand erst, als Macht wichtig wurde. Aber kaum jemand glaubt heute noch an sie. In Europa emigrieren viele Gläubige aus der Kirche, aber trotzdem sind Geistlichkeit und Spiritualität noch vorhanden. Das stelle ich immer wieder fest, wenn mich europäische Unternehmer fragen, wie sie Effizienz und Geistlichkeit vereinen können. Es geht ihnen nicht um die Kirche, sondern allein um die geistige Dimension. In den Menschen ist ein Feuer nach Geist, nicht nur nach Materiellem. Das gehört zum Menschsein.

Das Interview führte Jobst-Hinrich Wiskow.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben