Zeitung Heute : „Es gibt mindestens 1200 Formen der Eitelkeit“

Der Tagesspiegel

Herr Kloeppel, Journalismus gilt als Traumberuf. Haben Sie das am Anfang Ihrer Laufbahn auch so gesehen?

Ganz und gar nicht. Aber da ich während des Agrarstudiums schnell merkte, dass ich nicht unbedingt Landwirt werden wollte, mir das Schreiben aber Spaß machte, dachte ich, die Verbindung von Journalismus und Agrarwissenschaften könnte vielleicht etwas für mich sein. An Fernsehen habe ich damals überhaupt nicht gedacht.

Dann kam das Jahr 1984.

Und RTL. Es hieß, die wollten etwas ganz Neues machen. Das wollte ich mir mal angucken. Nach den ersten drei Monaten beim Fernsehen von RTL habe ich Feuer gefangen.

Warum gerade Nachrichten?

Mir waren die Nachrichten, die es damals im Fernsehen gab – wir reden von ARD und ZDF – viel zu steif. Als ich die allererste Nachrichtensendung von RTL sah, saßen da auf einmal drei Leute im Studio, die Nachrichten waren verständlicher, die Themenpalette breiter, es fanden kurze, witzige Talks statt. Ich habe mir gesagt: Warum nicht, damit könntest du leben.

Sie begannen als lupenreiner Autodidakt.

Ich habe auf jeden Fall nicht so eine umfassende TV-Ausbildung genossen, wie sie heute auf der RTL-Journalistenschule vermittelt wird. Ich hatte kein Coaching, ich habe nie klassisch gelernt, wie man Beiträge macht. Die meisten meiner Kollegen kamen vom Radio und kannten Fernsehen auch nur vom Zuschauen. Wir übten und wir haben furchtbare Sachen produziert.

Und heute lassen Sie nur noch die Perfekten vor die Kamera.

Solche wie wir hätten heute kaum noch eine Chance, das stimmt schon. Das große Talent, das einfach so ins Studio geschneit kommt, das gibt es selten. Wenn überhaupt.

Sie haben einmal gesagt, Sie wüssten, was Sie nicht können. Was können Sie denn nicht?

Ich wäre kein besonders guter Talker, Unterhaltungsmensch oder Manager. Ich kann schlecht harte Entscheidungen treffen, zum Beispiel Mitarbeiter entlassen. Und ich kann nicht auf Bestellung witzig sein.

Sie sind also ein ernster Mensch.

Ich befasse mich schon eher mit den ernsten Seiten des Lebens.

Es heißt, bei RTL soll eine Nachrichtensendung ein Mix aus News und Entertainment sein.

Mit dem Wort Entertainment kann ich nichts anfangen. Unterhaltung und Nachrichten sollten voneinander getrennt sein. Die Frage ist: Was definiert man exakt als Nachricht? Ist das Format „Tagesschau“ wirklich das Alleinseligmachende? Die „Tagesschau“ sieht sich als politische Nachrichtensendung. Wir als eine Sendung, in der Politik eine Rolle spielt, aber nicht die alleinige.

Sind politische Nachrichtensendungen schwer zu vermitteln?

Bei uns spielt sich die Politik vor allem in den ersten fünf Minuten ab. Von 18 Uhr 45 bis 18 Uhr 50 haben wir eine klar ansteigende Kurve. Aber wenn ein Beitrag mal nicht so spannend sein sollte, dann merken wir, dass die Zuschauer gleich wegzappen.

Ist es nicht schlimm, dass Zuschauer nicht mal bei Nachrichten fünf Minuten durchhalten?

Viele der Zuschauer, die uns um 18 Uhr 45 einschalten, sagen, okay, wir schauen jetzt mal in die Nachrichten rein. Aber wenn nichts Spannendes, Interessantes und Relevantes kommt, dann zuckt der Finger.

Wie begegnen Sie diesem Sehverhalten?

Wir Redakteure und Reporter nehmen uns vor, spannende Nachrichten zu machen. Wir fragen uns, was den Zuschauer interessieren könnte, was ihn persönlich betrifft.

Und was interessiert ihn am meisten?

Deutsche Innenpolitik zum Beispiel. Aber nicht Querelen in irgendeinem Ortsverband irgendeiner Partei.

Sollten nicht die Redakteure bestimmen, was das Volk zu sehen bekommt?

Natürlich bestimmen die Redakteure, aber eben nicht aus dem Elfenbeinturm heraus. Das können sich nur die leisten, die sich nicht jeden Tag aufs Neue auf dem Markt behaupten müssen. Wir müssen wie „Bild“ täglich das Interesse des Zuschauers wecken – wir haben keine Abonnenten.

Es geht um Glaubwürdigkeit.

Und um Kontinuität. Menschen vertrauen eher einem Menschen, den sie kennen. Auch ein Grund dafür, dass Sprecher und Moderatoren von Nachrichten einen langen Atem haben sollten bei ihrer Bildschirmpräsenz.

Sind Sie wirklich so uneitel, wie Sie tun?

Es gibt mindestens 1200 Formen der Eitelkeit. Da wird schon eine für mich dabei sein. Aber ich kann Ihnen nicht sagen, welche.

Das Gespräch führten Thomas Eckert und Joachim Huber.

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