Zeitung Heute : „Es gibt viele Vorbehalte gegen Frauen“

Die Grünen-Politikerin Husen über Wandel und Respekt

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Frau Husen, brauchen wir Frauenpolitik?

Es gibt nur die juristische Gleichstellung der Geschlechter, die faktische ist noch nicht erreicht. Ungerechtigkeiten gibt es überall: Lohnungerechtigkeit, die Frage der Vereinbarkeit von Familie und Beruf, internationaler Frauenhandel, Prostitution und sexuelle Gewalt. Das sind alles Bereiche, in denen Frauen stärker als Männer betroffen sind.

Wo gibt es Missstände für Frauen bei uns ?

Die zwei größten Missstände sind die Missachtung der von Frauen geleisteten Arbeit, zum einen die unbezahlte Arbeit in der Familie, zum anderen die Erwerbsarbeit. So erhalten sie oft schlechtere Beurteilungen als Männer: Emotionalität wird als Weichheit ausgelegt, Zielstrebigkeit als Zickigkeit. Der zweite große Missstand ist die Gewalt gegen Frauen, sowohl die häusliche Gewalt als auch die auf der Straße. Das beziehe ich vor allem auf sexuelle und physische Gewalt.

Die Geschlechtergleichstellung ist noch nicht überall gegeben. Bei dem Begriff Gender Mainstreaming für Geschlechtergleichstellung bekommen viele eine Gänsehaut.

Dafür gibt es keinen Grund. Gender Mainstreaming bedeutet: Bei allen Entscheidungen soll berücksichtigt werden, dass es verschiedene Geschlechter gibt, die unterschiedlich von politischen und gesellschaftlichen Entscheidungen betroffen sind. Wenn Sie so wollen: Man sollte den gesunden Menschenverstand einschalten und für mehr Gerechtigkeit sorgen, indem man sich bestehender Ungerechtigkeiten bewusst wird. Ein Gesetz zum Beispiel, das eine höhere Anrechnung des Partnereinkommens vorsieht, trifft Frauen stärker als Männer, weil Frauen immer noch mehr als Männer vom Partnereinkommen abhängig sind.

Die Staatsministerin Kerstin Müller hat gewarnt, Frauen könnten weltweit zu den Verliererinnen der Globalisierung zählen. Wie sind Armut und Menschenhandel zu bekämpfen?

Armut ist die Voraussetzung für Frauen- und Menschenhandel. Wir fordern einen gerechteren Welthandel. Außerdem muss die Entwicklungspolitik stärker auf die Zusammenarbeit mit Frauen ausgerichtet sein. Zusätzlich brauchen wir hierzulande zum Schutz von Opfern Zeuginnenschutz-Programme.

Am Montag will Familienministerin Renate Schmidt ein Konzept zur Vereinbarkeit von Beruf und Kindererziehung vorstellen. Was halten Sie von einem solchen Konzept?

Das Konzept ist ein Schritt, aber es wird nicht der große Wurf sein. Wir brauchen einen tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandel, der Frauen in der Wirtschaft als gleichberechtigte Akteurinnen wahrnimmt. Auf unserer Grünen-Bundesfrauenkonferenz am Wochenende haben wir darüber gesprochen. 40 Prozent der Akademikerinnen sind kinderlos. Wenn die Vereinbarkeit von Beruf und Familie das einzige Problem wäre, müssten diese Frauen alle in Top-Positionen gelandet sein. Dem ist aber nicht so. Es gibt Vorbehalte gegenüber Frauen, die über die Rolle als Mutter hinausgehen. Ein intelligentes Konzept wäre: Abschaffung des Erziehungsgeldes, dafür Verkürzung der Erziehungszeit bei vollem Lohnausgleich, hohe Steuerfreibeträge für Kinder beziehungsweise kostendeckende Ausgleichszahlungen.

Das Gespräch führte Sabine Beikler.

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