Zeitung Heute : Es gilt das versprochene Wort

Matthias Thibaut[London]

Beim Labour-Parteitag in Newcastle verspricht Tony Blair den Briten wirtschaftliche Stabilität. Was ist nötig, damit er sein Versprechen halten kann?

Familien wird es besser gehen. Das verspricht der britische Premier Tony Blair den Briten auf dem Labour-Parteitag. Er betont die Wirtschaftskompetenz seiner Partei und will daran erinnern, dass die dritte Amtszeit den „hart arbeitenden Familien“ gewidmet werden soll. Im Detail heißt das: Anstrengungen für einen steigenden Mindestlohn, eine niedrige Inflation und niedrige Hypothekenzinsen.

Wirtschaftliche Stabilität können Blair und Co. nur dann gewährleisten, wenn sie den guten Lauf der Konjunktur bewahren. Da kommt es dem britischen Premier entgegen, dass die Arbeitslosenquote unter drei Prozent liegt. Das lässt ihm Raum und Zeit, sich um Zinsen und Immobilienpreise zu kümmern – um jene Themen also, die bei den Briten seit Jahren ganz oben stehen, weil sie das Wirtschaftsleben prägen. So lange die Inflationsgefahr so gering wie jetzt ist, weil aus China die billigen Waren kommen und so lange der Ölpreis den Briten keine Angst macht, weil sie selbst noch ein bisschen Öl fördern, so lange ist es vor allem der Gedanke an eine mögliche Zinserhöhung, der den Briten Angst einjagt.

Denn: Drei Viertel von ihnen sind Wohnungseigentümer. Jahr für Jahr um zehn bis zwanzig Prozent steigende Immobilienpreise geben ihnen das Gefühl, wohlhabend und abgesichert zu sein. Das steigert den Konsum und fördert die Risikobereitschaft. In der Folge machen sich immer mehr Briten selbstständig. Die Einkommen steigen seit Jahren deutlich stärker als die Inflationsrate; die einst so armen Inselbewohner bilden inzwischen die Spitze Europas. Doch dieser Wohlstand ist ein Reichtum auf Kredit: Die britischen Privathaushalte haben Schulden in einer Gesamthöhe von einer Billion Pfund. Deshalb sind steigende Zinsen und die Gefahr sinkender Immobilienpreise für die Briten das größte Wirtschaftsrisiko.

Und nicht nur die Konsumenten sind verschuldet, auch Schatzkanzler Gordon Brown hält die Wirtschaft auf Pump in Schwung. Die Tories hinterließen ihm 1997 einen Haushaltsüberschuss und niedrige Schulden. In Labours erster Amtszeit setzte Brown die Sparsamkeit fort und erwarb sich den Ruf eines guten Haushälters. Doch dann begann er großzügig in Krankenhäuser und Schulen, Verkehrsbauten und Polizeistaffeln zu investieren. Jeder Fünfte arbeitet jetzt im öffentlichen Dienst. Auch wenn das Wachstum bei über drei Prozent bleibt, muss Brown entweder Steuern erhöhen oder sparen – und das könnte der Konsumbereitschaft ebenfalls ein Ende bereiten.

Unternehmensverbände sehen noch eine weitere Gefahr, der Blair begegnen muss, wenn die Wirtschaft stabil bleiben soll: die Gefahr zunehmender Überregulierung. Die Verbände fürchten weniger flexible Arbeitsmärkte, sinkende Risikobereitschaft und mehr Bürokratie. Dem müsste Blair entschieden entgegenwirken.

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