Zeitung Heute : Es gratulieren: Regisseure, Dramaturgen, Intendanten

Wer mit Ulrich Matthes zu tun hat, kann etwas erzählen: Arbeitserinnerungen und Momentaufnahmen aus Düsseldorf, München und natürlich Berlin

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VOLKER HESSE (ZÜRICH)

„Willkommen, Bienvenue, Welcome…“. Ulrich Matthes irrlichtert 1984 in Krefeld als Conferencier in „Cabaret“. Ich schaute mir die Aufführung an, weil ich auf der Suche war nach einem starken, jungen Hauptdarsteller in Düsseldorf. Nach wenigen Szenen wusste ich: Der ist es! Ulrich Matthes war blutjung, noch etwas staksig, aber er dominierte die Aufführung aufs Selbstverständlichste. Er war sensibel, intelligent, von scharfem Witz und frei von irgendwelchen Klischees.

Im Düsseldorfer Schauspielhaus trat er an als Protagonist in „Heinrich oder die Schmerzen der Phantasie“ von Tankred Dorst. Nach kurzer Zeit war er auch dort unbestrittener Mittelpunktsspieler. Er arbeitete schneller als fast alle anderen, er sprudelte vor Phantasie, er dachte ungemein produktiv für das Ganze, und er hatte einen ganz sicheren Instinkt für das, was seiner Strahlkraft, seinem Ausnahmekönnen förderlich oder schädlich war. Dorsts „Heinrich“ wurde eine gefeierte Aufführung, zuerst in Düsseldorf und dann am Residenz Theater in München. Ulrich Matthes berührte tief als pubertärer, heftig mit der Sexualität kämpfender, in nationalsozialistischen Idealen sich verirrender Junge. Er schafft es, seinen Heinrich idiotisch und zart, erschreckend und sehr menschlich zu balancieren.

Unter den Arbeiten, die wir in der Folge in Düsseldorf und München zusammen gestaltet haben, ist mir eine besonders in Erinnerung: Matthes spielte in Arthur Schnitzlers „Professor Bernhardi“ den Sohn des antisemitisch verfolgten Arztes. Die Rolle des Oskar ist in dem grossen Männerensemble des Stücks eine recht kleine. Ulrich Matthes gelang es, die wenigen Augenblicke zwischen Vater und Sohn so auszuprägen, dass sie zum Zentrum des Abends wurden. Wolfgang Hinze, der Darsteller des Bernhardi, und er setzten ein paar Blickwechsel, ein paar Worte so, dass zwischen den beiden ein dunkles Wissen um die in der Luft liegenden Progrome, um eine lange jüdische Leidensgeschichte erlebbar wurde. Aus ein paar alttäglichen Vorgängen entstand eine abgründige Todesahnungsszene. Man muss sehr stark sein, um aus einem Oskar Bernhardi so viel zu machen.

Volker Hesse inszenierte mit Ulrich Matthes 1987 „Professor Bernhardi“ am Bayerischen Staatsschauspiel und 2002 „Republik Vineta“ am Maxim Gorki Theater

HANS-JOACHIM RUCKHÄBERLE

(MÜNCHEN)

Zweimal haben wir unmittelbar zusammengearbeitet, nicht wie sonst üblich in der Entfernung des Schauspielers vom Dramaturgen und umgekehrt: In meinen Inszenierungen von Peter Handkes „Kaspar“ und von mehreren kurzen Stücken Samuel Becketts, darunter „That Time“. Beckett und Handke, Autoren, deren Texte keinen Spielraum dem Zufälligen, dem nur Gefühlten lassen, denen Atmosphäre ein Gräuel ist, die Gestik, Bewegung, Rhythmus, bei Beckett bis hin zum Atem, im Detail festlegen. Texte, die die Voraussetzungen von Sprache und Raum, Körper und Bewegung untersuchen. Alles, nur nicht das Psychologische. Mein Glück mit Ulrich Matthes bestand darin, dass er als Schauspieler nicht die Wahrscheinlichkeit einer Figur sucht, sondern ihre eigene Wahrheit, ihren Kern, ihren sozialen Gestus und damit ihre Wirkung. Es war so möglich einen Kaspar zu spielen, der in einer von Volker Pfüller wunderbar geschaffenen geschlossenen Welt, sich, seinen Körper, die Welt der Dinge, die Sprache und die Ideologie entdeckt und mit dieser Entdeckung sich selbst verliert. Ein modernes Individuum, das ganz allein ganz in der Masse aufgeht. Ulrich Matthes „konstruierte“ schon damals Figuren, die sich ebenso durch die Worte wie die Beredsamkeit des Körpers bilden.

Für mich verbinden sich die Texte von Beckett und Handke, die immer die Phänomene des Sehens und Gesehenwerdens und deren Wirkung umspielen, unmittelbar mit dem Bild des Schauspielers Ulrich Matthes. Das genaue Wissen um Wirkungen und die Fähigkeit, diese zu schaffen, machen seine Größe wie seine Gefährdung aus.

Der Chefdrmaturg des Staatsschauspiels München Hans-Joachim Ruckhäberle inszenierte mit Ulrich Matthes 1989 „Kaspar“ und 1991 „Beckett-Stücke“ an den Münchner Kammerspielen.

LEONHARD KOPPELMANN (KÖLN)

Sicher hinkt der Vergleich, schließlich hat die Stimme von Ulrich Matthes nicht das Alter jenes Wunderinstrumentes. Im Gegenteil, seine Stimme umspielt leichthin der Tiefgrund einer unbändigen Jugend. Eine enorme Elastizität ist ihr eigen, aus einem ganz leisen, vorsichtigen Timbre vermag sie sich in eine ungeheure Emphase zu steigern.

Aber was ist das wunderbarste Instrument ohne den entsprechenden Virtuosen. Ulrich Matthes vermag sein Instrument unglaublich zu variieren und zu modulieren. Ist seine charismatische Präsenz auf der Bühne von unvergleichlicher Intensität, so vermeint man fast noch eine Steigerung zu erleben, wenn man sich doch nur auf seine Stimme einlässt. Er ist mit einem Ton begabt, dessen Leuchtkraft und Farbreichtum allein ausreichten, ihn zu einem der Besonderen unter den Besonderen zu machen. Er kann seinen Ton frappierend abtönen, ist zu heftiger Attacke genauso fähig wie zu breit dahinfließendem Phlegma.

Es gibt wohl kein Klangkostüm, in das Matthes nicht schlüpfen kann für den jeweiligen Text. Seine Stimmbeherrschung gibt ihm die Freiheit zu verweilen, auszuspielen, zu charakterisieren, zu akzentuieren. In luzider Transparenz vermag er tiefe Melancholie, Größe und Schönheit eines Textes mit großer Inständigkeit zu vermitteln. So leicht und doch intensiv, so vital, doch nie grob, so elegant, doch nie oberflächlich fordert er jedem einzelnen Augenblick seine Bedeutung ab. Doch herrscht bei ihm kein vermeintlich interessanter „Interpretationswille“, sondern äußerste Aufmerksamkeit jede Nuance auf ihre Lebenshaltigkeit zu überprüfen. Aufmerksamkeit für jedes Detail, ohne das Ganze zu vergessen, schließlich ein unvergleichlicher Wärmestrom im voluminösen, gefassten, zu jeder Phrasierung fähigen Ton. Ebenso verwandelt er aber auch jeden Ton der Knappheit und Herbheit unserer Sprache, ohne jemals Eleganz und Sinnlichkeit zu vergessen.

Er entwaffnet mit genialer Darstellungsfähigkeit und seinem unverwechselbar jenseitig flirrenden Ton. Der kann süß klingen, aber niemals glatt, der ist ausdruckshungrig, nie ausdruckssatt, anrührend bis zum Schmerz, nie indifferent schön. Bei ihm begegnen uns unvergessliche Momente sprachlicher Durchdringung, da kann er, der Empfindliche, Seismographische, sogar die Abgestumpftesten erschüttern, weil er selbst so erschütterbar ist.

Der Regisseur Leonhard Koppelmann inszenierte mit Ulrich Matthes mehrere Hörspiele, darunter „Der Prinz von Homburg“ und „Urfaust“ (beide 2006).

WOLFGANG ENGEL (LEIPZIG)

1986 wurde zwischen der BRD und der DDR ein Kulturabkommen geschlossen. Als Morgengabe zu dieser Vereinbarung gastierten wir Dresdner in Düsseldorf, Köln und am Hamburger Thalia Theater, das Düsseldorfer Schauspiel in Leipzig und Dresden. Jubel, Verbrüderungen, endlose Gespräche hier wie dort, und ein junger Schauspieler hatte es uns besonders angetan: Uli Matthes in Tankred Dorsts „Heinrich oder die Schmerzen der Phantasie“. Man erlebte Denken als sinnlichen, erotischen Vorgang, gepaart mit einer seltenen Klarheit. Trotz dieser Durchschaubarkeit bewahrte sich der Schauspieler sein Geheimnis. Die Faszination eines großen Talents konnten wir erleben. Das ist jetzt 21 Jahre her. Ich hatte Glück, durfte 1987/1988 mit ihm arbeiten, in München lernten wir uns kennen bei Shakespeares „Sonette“ und „Wie es Euch gefällt“, worin er den Orlando spielte. Ich glaube, dieser Preis ist Ausdruck dafür, dass sein schönes Talent, mit dem die Götter ihn gesegnet haben, sich überhaupt nicht abgenutzt hat und keine Routine sich eingeschlichen hat.

Der Intendant des Schauspiels Leipzig Wolfgang Engel inszenierte mit Ulrich Matthes 1988 „Wie es euch gefällt“ am Bayerischen Staatsschauspiel.

HERMANN BEIL (BERLIN)

Einmal sind wir Redekünstler, einmal sind wir Schweigekünstler und wir perfektionieren diese Kunst bis zum Äußersten, sagt der Musikkritiker Reger in Thomas Bernhards Künstlerroman „Alte Meister“. Ich denke, Ulrich Matthes ist immer ein Redekünstler und immer auch ein Schweigekünstler. Und es gibt Augenblicke, in denen er beides zugleich ist, so paradox dies auch scheinen mag. Magische Momente, in denen nichts passiert, aber unendlich viel gesagt wird. Die Sprachkunst – Ulrich Matthes hat es immer gewusst und wird es nie vergessen - ist das Höchste; und nur aus dieser Sprachkunst kommt das tiefste, sprechende Schweigen. Ulrich Matthes hat es uns gezeigt: in „Kleist – Geschichte einer Seele“ oder in „Thomas Bernhards Zauberflötentraum“ oder in „Im Schlitten Arthur Schopenhauers“. Der Beispiele sind viele.

Als Redekünstler weiß er ganz genau, was er sagt, seine rhetorische Brillanz kommt aus Wissen und Empfinden. In seiner Schweigekunst aber öffnet sich hinter ihm eine Tür und gibt den Blick frei in eine dunkel leuchtend endlose Weite. Als ich ihn kürzlich auf der Bühne sah, fiel mir blitzartig der Satz des wunderbaren Regisseurs Hans Bauer ein, den mir dieser über einen von ihm geliebten Schauspieler sagte: „Schauen Sie doch … hinter ihm liegen Jahrhunderte.“

Der Dramaturg Hermann Beil arbeitete mit Ulrich Matthes bei der Lesung „Kleist - Geschichte einer Seele“ zusammen.

BERND WILMS (BERLIN)

Manche werden dafür preisgekrönt, dass sie verrückt sind. Ulrich Matthes ist theaterverrückt, spielverrückt, darstellungsbesessen. Mit allen Konsequenzen. Mit welchen? Das klingt nach Extravaganz, unberechenbarem Künstlertum – und hat doch mehr mit Liebe, Anhänglichkeit, Respekt und Klugheit zu tun.

Ulrich Matthes will, dass es ihm gut geht und, damit das so sein kann, dass es dem Theater gut geht, zu dessen Ensemble er gehört. Darum kann ich mir nicht vorstellen, dass er (wie es ja vorkommen soll) eine Rolle „abliefert“ und dann interesselos verschwindet; mal hier, mal da auftritt und ganz viel filmt und weiter nicht vorhanden ist. Es mag kitschig sein – aber dann ist es ein erlaubter Kitsch –, wenn man behauptet, ein Theater sei ein Zuhause. Matthes sagt das ungeniert und trägt entschieden dazu bei, dass man es glauben kann.

Ich frage ihn manchmal um Rat und denke mir als Intendant: Zum Intendanten hätte er wohl auch Talent. Aber dann wäre er nicht mehr der Wahnsinns-Schauspieler, der er ist. Viele gehen den Weg aus dem Ensemble in die „freie Schauspielerei“. Matthes hat es umgekehrt gemacht. Erst war er Gast am Deutschen Theater, dann wollte er dazu gehören.

Wir kennen uns seit circa 20 Jahren aus dem gemeinsamen Engagement an den Münchner Kammerspielen. Da war ich Dramaturg. Als ich dann Direktor der Otto-Falckenberg-Schauspielschule wurde, trieb sich keiner so oft in den unheiligen Hallen herum wie Ulrich Matthes. Gucken, was die (nur wenig jüngeren) Spielbesessenen der Zukunft anstellen. Und mit ihnen streiten, arbeiten, streiten.

Bei „Virginia Woolf“ am Deutschen Theater war ich der Dramaturg. Wenn man fürs Zuschauen und fürs Staunen bezahlt wird, hat man einen Luxusberuf. Ich habe dem Regisseur Jürgen Gosch zugeschaut und vier fabelhaften Schauspielern: Katharina Schmalenberg, Alexander Khuon, Corinna Harfouch und Ulrich Matthes. Danke allen Verrückten.

Der Intendant des Deutschen Theaters Bernd Wilms betreute 2005 als Dramaturg Jürgen Goschs Inszenierung von „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“

STEPHAN KIMMIG (HAMBURG)

silbe für silbe. schritt für schritt. blick um blick. er schwebt, er schmeckt, er tastet.

erdig. tätig. geraden augs. entschlossenen ohrs. liebend. ins weite denkend.

atemzug um atemzug. er schaut sich etwas an. wendet es hin und her. her und hin.

ein ding. nein, etwas anderes. mal sehen. dehnung der gegenwart. plötzlich ein sprung. oder ein grinsen.

bis über beide ohren. in der bewegung. unterwegs. auf der drehscheibe. weiter. er will es mit uns zu tun haben.

mit allen. er sammelt. uli sammelt. immer weiter. die welt. trost.

Stephan Kimmig inszenierte mit Ulrich Matthes 2003 am Deutschen Theater „Komödie der Verführung“.

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