Zeitung Heute : „Es hätte schlimmer sein können“

Herr Rürup, ist der Abschluss verkraftbar?

Ja, und er ist intelligenter gelaufen, als man nach den lauten Tönen der Gewerkschaft im Vorfeld hatte erwarten können. Insgesamt gerechnet liegt die Tarifsteigerung über die gesamte Laufzeit bei 3,3 Prozent pro Jahr, inklusive der Öffnungsklausel können es im Einzelfall sogar weniger als drei Prozent sein. Angesichts der hohen Forderungen hätte es schlimmer kommen können. Da man heute noch nicht genau weiß, wie sich die Konjunktur im kommenden Jahr entwickeln wird, sind die flexiblen Elemente eine gute Sache. Wenngleich dieser Abschluss über dem gesamtwirtschaftlichen Verteilungsspielraum liegt, sehe ich nicht, dass er ein Konjunktur- oder Wachstumskiller sein wird.

Was bedeutet das für die Arbeitsplätze in der Branche?

Negative Wirkungen des Abschlusses auf den Beschäftigungsaufbau in dieser Branche sehe ich nicht. Auch bei den Wachstumsaussichten muss man meiner Ansicht nach keine Abstriche machen. Die Gewerkschaften brauchten eine Vier vor dem Komma, die Masse der Betriebe wird den Abschluss aber verkraften können.

Ist die Einigung ein Vorbild für die Verhandlungen in anderen Branchen?

Jede Branche muss sich nach den eigenen Besonderheiten richten, es stehen ja nicht alle Firmen so gut da wie die aus der Metall- und Elektroindustrie.

Wird die Europäische Zentralbank nun die Zinsen stärker erhöhen?

Ich verstehe die EZB, dass sie angesichts des Aufschwungs ihre Geldpolitik strafft. Jetzt die Leitzinsen noch stärker als bislang geplant zu erhöhen, ist aber nicht nötig. Bei einer weiteren Erhöhung der Leitzinsen sollte sie aber die Auswirkungen auf den Wechselkurs berücksichtigen.

Das Gespräch führte Carsten Brönstrup.

Bert Rürup (63) ist seit 2005 Vorsitzender des Rats der Wirtschaftsweisen und einer der wichtigsten

Berater der Bundesregierung. Zudem lehrt er Volkswirtschaft in Darmstadt.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!