Zeitung Heute : Es ist ange- dichtet

Martin Suter ist einer der bekanntesten Autoren der Schweiz. Nur: Wann schreibt der Mann? Schließlich macht er Wein, Olivenöl und entkoffeiniert seine Bohnen.

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Von Susanne Kippenberger Das Glück hat viele Gesichter. Mal kommt es auf zwei Beinen daher, mal in Gestalt eines Buches, einer Landschaft, eines Sonnenstrahls. Für Martin Suter sieht das Glück wie eine Zwiebel aus.

Sie, die die meisten Menschen zum Weinen bringt, lässt den Schriftsteller lächeln. Nicht Strahlen, so weit ist er noch nicht, der Schweizer ist ein zurückhaltender Mensch und lachen, richtig lachen, wird er erst nach drei Stunden Mittagessen. Martin Suter ist kein Mensch der großen Gesten oder Worte, eher ein Mann der sanften Ironie. Ein bisschen schreckt er auch vor der eigenen Liebeserklärung zurück, vielleicht klinge das ja zu pathetisch: Aber das Anschwitzen der Zwiebel in Olivenöl, das sei für ihn ein Glücksmoment. „Das ist eine schöne Handlung in der Küche, fast das Liebste.“ Ein Ritual ist es für ihn, so wie das Glas Cava, das er mit seiner Frau Margrith Nay immer trinkt: zur Feier des Feierabends.

Dann setzt sich die Modesdesignerin, die inzwischen Häuser entwirft, in die Wohnküche und liest oder sie unterhalten sich, während er mit dem Kochen beginnt. Für Suter ein fast meditatives Vergnügen, das schon mit dem „Rüsten“ anfängt, dem Präparieren, dem Schälen und Hacken oder Schneiden. Suter hat nämlich herausgefunden, dass sich der Geschmack der Zwiebel ändert, je nachdem, wie er sie schneidet, mit der Faser oder gegen sie.

Die Zwiebel, sagt der Autor, „ist ein gutes Gemüse, etwas Eigenes“, das er mal auf mediterrane, mal auf Schweizer Art genießt, mit Pellkartoffeln und viel Käse. Es ist allerdings auch eine besonders glückliche Zwiebel, von der Suter da erzählt: aus dem eigenen Garten und sonnenverwöhnt. Der Garten liegt auf Ibiza und ist vier Hektar groß. Die spanische Insel ist des Autors zweite Heimat, Guatemala seine dritte. Auf Ibiza verbringen die Suters den Sommer, in Guatemala, wo sie ursprünglich nur Freunde besuchen wollten, den Winter, zwischendurch sind sie in Zürich oder auf Lesereise – im letzten Jahr, als sein vierter Roman „Lila, Lila“ erschien, acht Wochen insgesamt. Jetzt ist schon wieder ein Buch erschienen, mit Kolumnen („Huber spannt aus“), aber nicht deswegen ist er gerade in Zürich, sondern, weil vor ein paar Tagen sein erstes Stück im Theater am Neumarkt uraufgeführt wurde, „Über den Dingen“.

Wir treffen uns in der Kronenhalle, dem Lokal seiner Wahl. Um Punkt zwölf sitzt der 57-Jährige schon da, Suter scheint lieber zu warten als jemanden warten zu lassen. „Die Kronenhalle ist kein Restaurant – sie ist ein Mythos“, sagt das Restaurant über sich selbst, und niemand würde widersprechen. Mit dem Parkett, der holzgetäfelten Wand, dem üppigen Blumenschmuck sieht das Lokal fast noch aus wie im 19. Jahrhundert, hinge da nicht über dem Holz die Moderne: Picasso, Matisse, Miró, Chagall. Gertrude Stein hat schon hier gegessen, Gottfried Keller und James Joyce. An dessen Tisch werden die Autoren des Diogenes Verlags normalerweise platziert, nur heute, hat der Kellner sich bei Suter entschuldigt, ging das nicht. Immer mal wieder guckt er rüber, bis er die Konkurrenz entdeckt: ein Quizmaster aus dem Fernsehen. Suter lacht leise. „Wieder eine Niederlage.“

„Vom Erfolg verwöhnt“, so heißt es oft über ihn; vor acht Jahren ist sein erster Roman erschienen, „Small World“, inzwischen hat er von seinen Büchern über eine Million Exemplare verkauft. „Martin Suter sieht immer noch aus wie ein Bilderbuch-Werber – was er früher ja tatsächlich auch war“, zitiert er den Anfang einer Kritik seines Theaterstücks, die er gerade gelesen hat, das Hämische hat ihn verletzt. „Seine Haare sind streng nach hinten gekämmt, der Anzug sitzt.“ Suter, der früher mal Germanistik studieren wollte und heute froh ist, es nicht getan zu haben, war einer der erfolgreichsten Werbemacher im Land. Auch für Appenzeller Käse hat er Reklame gemacht, die endete später im „Raben“: im Almanach Schweizer Literatur.

Suter bestellt Nüsslisalat und Tafelspitz. Das Essen in der Kronenhalle ist gediegen, aber wegen des Essens kommt man eigentlich nicht hierher, das kriegt man anderswo origineller, vor allem günstiger. Man kommt – auch – wegen der flinken Kellnerin mit dem weißen Schürzchen und wegen des Kochs, der mit seinem Wagen durchs Lokal fährt, einer Art mobiler Küche, aus der der Tafelspitz serviert wird, der Spinat und die Möhre.

Die Figuren seiner Bücher gehen oft essen, aber eher in Szenelokale. Überhaupt spielen in seinen Romanen und Kolumnen Essen und Trinken eine große Rolle, „wie im richtigen Leben. Das ist etwas sehr Wichtiges, das sagt viel über den Lebensstil eines Menschen aus.“ Nie allerdings würde man bei ihm lesen, dass die Spaghetti lecker schmeckten und der Chianti nach nassem Holz roch. Gefühle, und dazu zählt er auch Geschmack, meint er, könne er nicht so gut beschreiben; stattdessen beschreibt er präzise, was jemand wo, mit wem und wie isst, um damit Gefühle beim Leser auszulösen. Um einen Eindruck von der Kronenhalle zu vermitteln zum Beispiel, würde er sich fünf Dinge heraussuchen. Welche? „Das kann ich nicht live“ – nur aus der Erinnerung, die das Unwichtige aus dem Gedächtnis lösche, das Wesentliche zurückbehalte. Deshalb schreibt der Schriftsteller nicht in Zürich über Zürich, „ich brauche die räumliche und zeitliche Distanz“. Seine Romane sind in Guatemala entstanden, dort schreibt er acht Stunden am Tag, der mit dem Mango-Papaya-Ananas-Passionsfrucht-Müsli beginnt und unterbrochen wird von dem Mittagessen, das eine Köchin kocht.

Auf Ibiza dagegen kommt er kaum zum Schreiben, ist zu sehr mit dem Kochen beschäftigt und allem, was dazu gehört, dem Einkaufen, der Oliven- und Weinernte. 50 Flaschen Olivenöl, mit eigenem Etikett, kriegt er zusammen, das reicht gerade für den eigenen Bedarf, dazu 600 Flaschen Rotwein, der vierte Jahrgang. Als in der Kronenhalle ein alter Kollege aus der Werbung an den Tisch tritt und von seinem Wein und seinem Olivenöl erzählt und dass sie doch mal tauschen könnten, zuckt Suter ein wenig zusammen.

„Noch ein bitzeli?“ Die zweite Portion Tafelspitz wird serviert, das Rösti frisch erwärmt, dabei hat Suter den ersten Teller noch nicht aufgegessen. Er isst, wie er redet, bedächtig und nicht zu viel. „Ich muss aufpassen, dass ich nicht zu dick werde.“ Auch Schreiben ist für ihn die Kunst des Weglassens, genau wie das Kochen. Er kocht gern Schlichtes, viel Gemüse oder Eintöpfe – oder aber Currys mit so komplizierten Gewürzmischungen, dass er doch mal ein Kochbuch konsultiert -, kocht das, was seine Frau sich wünscht, und was der Garten diktiert. „Sonst haben Sie eine Tomatenschwemme oder eine Auberginenplage.“ Deswegen macht er Chutneys, Konfitüren und Feigenschnaps, in dem der Duft einer Feige eingefangen sei, wie ihn kaum einer kennt, es sei denn, er habe auch schon einmal an einem heißen Sommernachmittag unter einem Feigenbaum die Kühle gesucht.

Zum Dessert bestellt Suter sich statt der berühmten Mousse au Chocolat einen Espresso Hag. In Guatemala entkoffeiniert er seine Arabica-Bohnen (aus dem eigenen Garten) selber. „Swiss Water“ heißt die Methode, die für einen Außenstehenden ein wenig kompliziert und umständlich klingt, für Suter dagegen „logisch. Da hätte man selbst drauf kommen können.“

Die Welle des Mittagsbetriebs ist über uns hinweggeschwappt, hat einige Worte von ihm mitgenommen, Suter spricht zu leise, um gegen das Geklapper und Geplapper in der Halle anzukommen. Jetzt ist es drei, die Zeit, die ihm in der Kronenhalle die liebste ist: Nachmittags, wenn das Lokal fast leer ist, im Sommer auch kühl, „da ist es manchmal grad am Schönsten“. Gern bestellt er dann eine Bratwurst oder einen Wurstsalat, so etwas bekommt er auf Ibiza nicht.

Viele Gerichte sind für ihn mit Erinnerungen verknüpft. Aprikosencreme zum Beispiel, bei dem Gedanken daran packt ihn der Brechreiz, wofür die Aprikosen nichts können, die mag er gern – das Kinderheim ist Schuld, in dem er sie essen musste. Auch in der Familie Suter wurde gegessen, was auf den Tisch kam, nur zum Fleisch wurde niemand gezwungen. Und dann hatte jedes Kind noch eine Ausnahme der eigenen Wahl. Er hat Lauch gewählt, seine Schwester die Zwiebel, „das war raffiniert, die ist ja fast überall drin.“

Kürzlich hat Suter zum ersten Mal seit Jahren wieder einmal Dörrpflaumen gegessen und hatte sofort die Großtante in ihrer Zürcher Wohnung vor Augen. Und so hat er sich nun eine Strom fressende Dörrmaschine gekauft. Er grinst, ein wenig verlegen, ein wenig verschmitzt, wie ein wohlerzogener Junge, der sich eine Ritterburg gekauft hat, statt sein Taschengeld in etwas Vernünftiges zu investieren. Und so fügt Martin Suter schnell noch einen guten Grund hinzu: „Sonst habe ich wieder eine Zwetschgenschwemme.“

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