Zeitung Heute : Es ist angereichert

Iran hat bekannt gegeben, in der Atomforschung entscheidend weitergekommen zu sein – und damit den Druck auf die USA erhöht

Matthias Krause[New York] Juliane Schäubl

Kurz vor dem Besuch des Chefs der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEO) hat Irans Präsident Ahmadinedschad die erfolgreiche Anreicherung von Uran verkündet. Welche Strategie verfolgt Iran?


Der iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad gibt nicht nach. Auch nicht nach den deutlichen Reaktionen aus Washington und Moskau. Fast wortgleich kritisierten beide Staaten Ahmadinedschads Ankündigung vom Dienstag, iranische Wissenschaftler hätten erstmals erfolgreich Uran angereichert. Der stellvertretende Leiter der iranischen Atombehörde, Mohammed Saidi, legte am Mittwoch via Staatsfernsehen sogar noch nach: Iran wolle 54 000 Zentrifugen zum Einsatz bringen, um Uran anzureichern. Und Generalstabschef Hassan Firusabadi gab zu Protokoll, der Westen könne nichts mehr gegen das Atomprogramm tun. Iran verfüge jetzt über das erforderliche Wissen, und das sei unzerstörbar.

Welche Strategie Ahmadinedschad mit diesem provokativen Kurs verfolgt, ist umstritten. Iran-Kenner Bahman Nirumand, der für die Heinrich-Böll-Stiftung den Iran-Report herausgibt, vermutet: „Das ist eine Flucht nach vorne, das Regime stellt die internationale Staatengemeinschaft vor vollendete Tatsachen.“

Für den Leiter des Deutschen Orient-Instituts, Udo Steinbach, steht zumindest eines fest: „Iran scheint mit der Urananreicherung weiter fortgeschritten zu sein als bisher angenommen.“ Die Islamische Republik habe die Zeit der Verhandlungen seit 2002 offenbar genutzt, um die Forschung voranzutreiben. Vor vier Jahren wurde erstmals bekannt, dass das Land an der Urananreicherung forscht.

„Wenn Ahmadinedschad einen angeblichen Erfolg nun an die große Glocke hängt, hilft ihm das, seine Position im eigenen Land zu festigen“, sagt Steinbach. Der Weltgemeinschaft mache er damit klar – so kurz vor dem Besuch des Chefs der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEO) –, dass da ein selbstbewusster Iran verhandeln werde. „Teheran will angesichts der Spekulationen über Militärschläge demonstrieren: Die Urananreicherung ist schon so weit fortgeschritten, dass auch Gewalt den Prozess nicht mehr aufhalten kann.“

Johannes Reissner, Nahost-Experte der Stiftung Wissenschaft und Politik, glaubt, dass Ahmadinedschad die USA an den Verhandlungstisch zwingen will. „Aus Teherans Sicht haben die bisherigen Gespräche mit den Europäern nichts gebracht.“ Jetzt habe der Iran seine Karten offen gelegt – und nun sei es an Washington, sich zu bewegen.

Wie das Weiße Haus reagieren wird, ist noch nicht zu erkennen. Präsident George W. Bush hält sich zurück, obwohl er normalerweise keine Gelegenheit auslässt, zu betonen, dass „alle Optionen auf dem Tisch“ lägen. Als am Wochenende das Magazin „The New Yorker“ von den Planungen des Pentagon berichtete, bunkerbrechende Atomwaffen gegen Iran einzusetzen, sprach Bush von „wilden Spekulationen“ – allerdings ohne sie komplett zu dementieren. Selbst nachdem Iran die erfolgreiche Urananreicherung verkündet hatte, verwies US- Verteidigungsminister Donald Rumsfeld mögliche Angriffspläne ins „Land der Fantasie“. Das Weiße Haus werde weiterhin auf diplomatischem Wege mit dem Problem umgehen.

Doch genau dort, auf dem Parkett der Diplomatie, verfolgt Washington im Augenblick offensichtlich die Taktik des Vielredens – durchaus bewusst mit zweideutigem Inhalt. Das Problem der Iran-Politik des Weißen Hauses sei, dass sie nach dem Prinzip „Zuckerbrot und Peitsche“ verfahre, zitiert die „New York Times“ einen hochrangigen Mitarbeiter der Bush-Administration. „Aber im Augenblick ist da nur Zuckerbrot und keine Peitsche – und dass weiß Iran genau.“

Der Neokonservative Eliot A. Cohen von der John-Hopkins-Universität glaubt nicht, dass die Regierung die Idee eines weiteren Krieges im Persischen Golf favorisiere. So werden auch die amerikanischen Nahost-Kenner nicht müde, vor den Folgen eines Militärschlages gegen Iran zu warnen. Es sei höchst gefährlich, zu glauben, ein solcher Konflikt wäre schnell beigelegt. Ein Vergeltungsschlag der Iraner wäre sicher. Der jüngste Bericht des Center for Strategic International Studies in Washington beschreibt das Szenario so: Teheran könnte Raketen auf die US-Truppen im Irak und in Afghanistan abfeuern und Selbstmord-Attentäter in die Vereinigten Staaten schicken.

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