Zeitung Heute : Es ist angerichtet

Noch werden Tiere nicht gegen die Vogelgrippe geimpft – vor allem weil die Verbraucher das nicht wollen

Dagmar Dehmer

Der Nationale Krisenstab von Bund und Ländern hat gestern über den bundesweit ersten Vogelgrippefall bei Nutzgeflügel beraten. Zeigt der Fall, dass eine Impfung von Geflügel doch der bessere Weg wäre?


Jedes Mal, wenn in einem Stall eine Tierseuche ausbricht, gibt es die gleichen Bilder: Tausende toter Tierkörper. Und jedes Mal beginnt deshalb eine Diskussion über den Sinn der Keulungen. Die Vorsitzende des Agrarausschusses im Bundestag, Bärbel Höhn (Grüne), forderte nach dem Ausbruch der Vogelgrippe in einem sächsischen Ökobetrieb nun eine „umfassende Impfstrategie“. „Wir werden viele Jahre damit leben, dass immer wieder Geflügelbestände betroffen sind“, sagte sie. Auch der SPD-Tierschutzexperte Wilhelm Priesmeier befürwortet eine Impfung, zumindest für Wasservögel, Gänse und Geflügel in der Freilandhaltung. Wie Höhn findet er, „dass man Geflügel nicht jahrelang einsperren kann“.

Allerdings stößt die Forderung bei der Regierung nicht auf Begeisterung. Landwirtschaftsminister Horst Seehofer (CSU) lehnte eine Impfung am Donnerstag erneut ab. In Deutschland ist sie bisher verboten – nicht nur gegen die Vogelgrippe, auch gegen die Maul- und Klauenseuche oder die Schweinepest. Der Grund: Bisher gibt es gegen keine dieser Tierkrankheiten einen Markerimpfstoff, der es ermöglichen würde, die geimpften von den kranken Tieren zu unterscheiden. Würde heute ein Geflügelbestand gegen die Vogelgrippe geimpft, würden die behandelten Tiere die gleichen Antikörper aufweisen wie Geflügel, das erkrankt ist. Eben deshalb sind geimpfte Tiere auch nicht handelbar. Und damit werden sie für die Züchter wertlos.

Der Deutsche Bauernverband und die Branchenverbände fürchten dennoch die Reaktionen der Verbraucher. Zwar geben sich die Wirtschaftsverbände derzeit noch optimistisch. Sie rechnen nicht damit, dass die Verbraucher reagieren wie nach dem ersten deutschen BSE-Fall, als der Rindfleischverbrauch um fast die Hälfte eingebrochen ist. Die Verluste der Geflügelwirtschaft belaufen sich derzeit auf etwa 20 Prozent. In Italien ging der Geflügelverbrauch nach dem ersten Vogelgrippefall um 80 Prozent zurück. Der Trierer Ernährungspsychologe Reinhold Laessle rechnet allerdings nicht mit weiteren Umsatzverlusten. Zum einen sei die Wahrscheinlichkeit, sich über Eier oder Geflügelfleisch mit dem Vogelgrippevirus zu infizieren, sehr gering. Und da die Geflügelkrankheit nun schon seit Monaten ein Thema sei, seien die Verbraucher auch gut aufgeklärt.

Der Bielefelder Risikoforscher Alfons Bora, der dort das Institut für Technikfolgenabschätzung leitet, hält die Ausgangslage für besser als in der BSE-Krise. Damals hatte die Politik über Jahre geleugnet, dass es auch in Deutschland ein BSE-Problem geben könnte. Bei der Vogelgrippe dagegen seien die „Informationen ohne große Tabus an die Öffentlichkeit gegeben worden“. Wenn die Informationspolitik so offen bleibe, dürften die Folgen aus Boras Sicht weit geringer ausfallen als vor fünf Jahren.

Auch Ortwin Renn, der an der Universität Stuttgart in der Abteilung für Technik- und Umweltsoziologie arbeitet, hält eine Verbraucherreaktion wie in der BSE-Krise für unwahrscheinlich. Es gebe nach einer langen Reihe von Lebensmittelskandalen einen „Abstumpfungseffekt“. Viele Verbraucher würden die Krise in einer Art „Totstellreflex“ einfach aussitzen und ihr Verhalten nicht mehr ändern. Renn hält die Symbolkraft der Bilder bei totem Geflügel für weitaus geringer als beispielsweise bei Rindern. Hühner seien einfach „weniger charismatisch“ als Rinder, die einen mit großen feuchten Augen anblickten. Deshalb denkt Renn, dass die Impfdebatte in der Öffentlichkeit kaum auf Resonanz stoßen wird. Ob die Verbraucher „geimpftes“ Fleisch akzeptieren oder nicht, hänge davon ab, mit welchen Bildern sie noch konfrontiert würden.

Dagegen beobachtet Peter Wiedemann, Risikoforscher Forschungszentrum Jülich, eine „Irritation“ bei den Verbrauchern. Dass die Vogelgrippe ausgerechnet auf einem Öko- Hof ausgebrochen sei, stelle die Aufteilung von Lebensmitteln in „Hölle“ (Massentierhaltung im Käfig), „Zwischenhölle“ (Freilandhaltung) und „Himmel“ (Öko) gehörig in Frage: „Die Marke Öko gerät unter Druck.“ Der naive Blick auf Geflügel als gesunde Alternative zu Schweinefleisch werde sicherlich leiden. Deshalb denkt Wiedemann auch, dass viele Verbraucher bei „geimpftem Fleisch“ womöglich Bedenken hätten. Er rechnet damit, dass viele Verbraucher weniger Hähnchen kaufen werden, und stattdessen mehr Fisch oder anderes Fleisch konsumieren, was als „risikofrei“ gelte. Wiedemann hält die Aussage „Unsere Lebensmittel sind sicher“ für eine „nützliche Fiktion“, die in etwa so wirke wie der Satz „Die Rente ist sicher“.

Im Gegensatz zu Risikoforscher Wiedemann sieht die Geflügelbranche das Ostergeschäft nicht gefährdet. Wiedemann kann den Zweckoptimismus zwar verstehen, sagt aber, diese Haltung erinnere ihn an den Mann, der aus einem Hochhaus springt und auf der Höhe des fünften Stocks sagt: „Ist doch bisher gut gegangen.“ Das Risiko, dass die Vogelgrippe der deutschen Wirtschaft schaden könnte, hält Boris Augurzky vom Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) trotzdem für gering. Der Anteil der Geflügelwirtschaft am Bruttoinlandsprodukt liege gerade mal bei 0,05 Prozent, argumentiert er. „Die Effekte wären kaum messbar. Problematisch wären allerdings irrationale Reaktionen“, sagte er dem „Handelsblatt“. Fotos: dpa (2), Imago / Montage: Mika

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