Zeitung Heute : Es ist ein ehernes Vorurteil, dass die Nackten die Doofen sind

Joachim Huber

Mitmenschen, die sich mehr oder weniger rhythmisch, auf jeden Fall aber im "Lichtkleid" unter der Sonne bewegen, gerne mit Bällen spielen und das Vereinswesen fördern. Nach der Dokumentation setzt beim Zuschauer das Grübeln ein. Über die Anti-Nudisten, die über Raum und Zeit hinweg mit Propaganda und Gesetzen auf Nudisten-Hatz waren. Alles anziehen - das war nicht nur unter Kaiser Wilhelm Zwo und Kanzler Konrad Adenauer erstes Staatsgebot.

Gerhard Thiel schöpft in seinen 55 Minuten zunächst aus dem archivalischen Reichtum, um einer Bewegung ihre Geschichte zu geben. Es war schier eine Rebellion, als in der Kaiserzeit dem Korsett das Reformkleid, den beengten Lebensverhältnissen der Industriearbeiter Licht, Luft und Sonne entgegengesetzt wurden. Das neue, in der Natur entwickelte Körpergefühl ging einher mit dem Anspruch auf Privatheit. In autoritären Zeiten für die Mächtigen ein Aufruf zu Beobachtung und Kontrolle, in liberalen, heutigen Zeiten ein akzeptierter Anspruch; allein, und das zeigte Thiels Blick ins wiedervereinigte Deutschland, wird streng in Freikörperkultur- und Textilstrände getrennt. Da ist es wieder, das Bedrohungsgefühl des angezogenen durch den bekleideten Menschen, natürlich mehr auf der Ebene von Genörgel und Gebot.

Der Film von Gerhard Thiel bot Rückblick und Bestandsaufnahme, und er war mit einiger Sympathie für die Nudisten, die Naturisten und die FKK-Freunde grundiert: Menschen, die in Gesellschaft anderer Menschen nackt sein wollen, sollen in Ruhe gelassen werden. Punkt.

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