Zeitung Heute : „Es ist ein gutes Zeichen, dass die Jordanier auf die Straße gehen“

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Unter den Opfern der Anschläge in Jordanien sind viele muslimische Araber. Tausende Jordanier demonstrierten deshalb. Gerät Al Qaida in Erklärungsnot, Herr Steinberg?

Dass es Muslime trifft, ist nichts Neues, hier in Europa wird das nur wenig wahrgenommen. Bei den Anschlägen in Madrid und London gab es fast 250 Tote. In den vergangenen Jahren sind aber mehrere tausend Muslime Terroranschlägen zum Opfer gefallen. Momentan stehen der Al-Qaida-Statthalter Sarkawi und seine Leute vor dem Problem, dass ihre Aktion in Jordanien auf großen Widerstand in der dortigen Bevölkerung stößt. Ihre Vision, dort die Macht zu übernehmen, lässt sich so schwer verwirklichen.

Arabische Staaten werden zunehmend von Terroranschlägen heimgesucht. Steckt dahinter eine neue Strategie?

Nein, es war schon immer Ziel der islamischen Terroristen die Macht in ihren Herkunftsstaaten zu übernehmen und zu diesem Zweck die Regierungen vor Ort durch Terroraktionen zu destabilisieren. Das einzig Neue in Jordanien ist, dass dort jetzt ein Anschlag geglückt ist.

Der jordanische Geheimdienst gilt als vorbildlich, nun hat er versagt. Hat Al Qaida Verbündete im Land, die die dortigen Institutionen unterwandert haben?

Das glaube ich nicht. Staaten können sich nicht hinreichend gegen terroristische Aktionen schützen. Das hat sich auch in Europa gezeigt. Die jordanischen Sicherheitsbehörden haben in den vergangenen zwölf Jahren viele Anschläge vereitelt, aber sie sind nicht so stark, dass sie die gesamte Gesellschaft bis in die einzelnen militanten Gruppen hinein durchdringen können. Es hat immer Sarkawi-Anhänger im Land gegeben, die auch vor Ort operiert haben. Vor allem in Städten des Nordens, wie Zarqa, Salt, Irbid und Amman. Jetzt hatten diese Gruppen zum ersten Mal einen großen Erfolg.

Könnten die Proteste in der Bevölkerung in Wut gegen die prowestliche Politik König Abdullahs umschlagen und das Land in eine Krise stürzen?

Nein, ich glaube dass Jordanien dafür zu stabil ist. Ich halte es für ein gutes Zeichen, dass die Bevölkerung auf die Straße geht und dem Handeln terroristischer Gruppierungen ihre Ablehnung zeigt. Zudem waren die jordanischen Sicherheitskräfte bisher immer in der Lage, die Situation zu kontrollieren. Dass ein Anschlag geglückt ist, heißt nicht, dass sie die Gesamtsituation nicht im Griff haben.

Könnten sich die Bürger in westlich orientierten arabischen Staaten verstärkt islamistischen Hardlinern zuwenden?

Momentan sehe ich die Gefahr nicht. Das wäre anders, wenn solche Anschläge in kurzen Abständen kämen und weite Teile der Bevölkerung treffen würden. Das ist in Jordanien eher unwahrscheinlich.

Guido Steinberg ist Terrorismus- und Nahostexperte bei der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin. Das Gespräch führte Annabel von Heydebreck.

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