Zeitung Heute : Es ist ihr Ernst

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Von Robert Birnbaum

Auf den Balkon haben sie verzichtet. Dabei hatte sich mancher die Szene schon in allen Farben ausgemalt: Eine Nachbildung des berühmten Balkons der Prager Botschaft links oberhalb der Bühne im Mannheimer Rosengarten-Saal montiert, Hans-Dietrich Genscher tritt hervor und verkündet den Parteitagsdelegierten, er sei heute zu ihnen gekommen, um ihnen mitzuteilen..., der Rest des Satzes hätte dann in Jubel unterzugehen wie seinerzeit in Prag. Eine sehr schöne Inszenierung wäre das gewesen. Und hübsch medienwirksam dazu.

Die imaginierte Balkon-Szene kursiert als Witz in den Parteitagsgängen und ist zu keinem, aber auch wirklich keinem Zeitpunkt ernsthaft von der FDP-Führung erwogen worden. Wichtig zu erwähnen, weil man ja bei der FDP neuerdings nie mehr so ganz sicher sein kann, was Scherz ist und was Ernst.

Der gestrige Sonntag ist aber als äußerst ernster Tag im Kalender des Guido Westerwelle vorgemerkt. Und das gilt zweifellos für die gesamte Partei. „Die Zeit ist reif“, wird über dem Plakat stehen, das am Ende dieses Parteitags auf die Bühnenrückwand projeziert wird. Es zeigt die Nahaufnahme eines offenkundig in ernste Argumentation verwickelten FDP-Vorsitzendengesichts.

Nein, falsch – es ist zu jenem Zeitpunkt schon das Gesicht des Kanzlerkandidaten.

Kurz zuvor noch die Nase gerümpft

Aber bis es so weit ist, muss der Ehrenvorsitzende Genscher erst noch leibhaftig erscheinen, nicht auf Balkonattrappen, sondern auf dem normalen Rednerpult. Genschers Auftritt ist notwendig. Als Westerwelle nach dem Wahltriumph von Sachsen-Anhalt öffentlich die K- Frage wieder aufwärmte, war das noch Teil des parteiinternen Hase-und-Igel-Wettbewerbs: Besser der Parteichef selbst kommt auf die Idee als Jürgen W. Möllemann. Dass noch bis zum Vorabend des Parteitags eine Mehrheit des Parteiprä sidiums die Nase rümpfte, hat Westerwelle wenig gestört. Ihm widersetzt sich intern derzeit keiner ernsthaft. Was Westerwelle eine – kurze – Zeit zögern ließ, war die Sorge, vielleicht doch den einen Schritt zu weit zu gehen.

Die FDP tut ja jugendlicher, als sie ist. Ohne die Stammklientel der Apotheker und Beamten geht nichts, und das sind denn doch eher seriös sich gebärdende Menschen, und es ist auch nach dem dreitägigen Parteitag noch nicht so ganz sicher, was diese Leute zum Beispiel vom Guidomobil halten. Darum musste Genscher ran. Seit 57 Jahren Mitglied der FDP, Minister der sozialliberalen wie der christlich-liberalen Phase, als Übervater akzeptiert – Genscher also musste der FDP den Kanzlerkandidaten in allem Ernste nahe bringen.

Weil Genscher Genscher ist, hat er das sehr gut gemacht. Spaßpartei? „Griesgram und Sauertopf werden nicht gewählt“, sagt er und lächelt dabei so spitzbü bisch, dass der Parteitag vor Vergnügen tobt. Dann kommt der ernste Teil.

Die Bürger, sagt Genscher, „sind mit ihrem Willen zur Veränderung weiter als viele Politiker selbst es glauben". Die FDP besetzt Felder, die die großen Parteien geräumt haben. Genscher spricht ungerührt vom „Reformstau“, dessen Auflösung auch unbequem sein könne. Vor allem aber intoniert er die Melodie von der zu Großem berufenen Freien Demokratischen Partei, die von den anderen künstlich klein gehalten werden soll.

Die nach wie vor ja recht kühne Behauptung, eine sich verändernde Parteienlandschaft halte für die FDP einen Platz „auf Augenhöhe“ mit CDU/CSU und SPD bereit, stellt Genscher einfach als Tatsache hin. Von da bis zum eigenen Kanzlerkandidaten ist der Weg schließlich kurz. Verzichten denn, fragt Genscher in den vollen Mannheimer Saal, die Sozialdemokraten in Sachsen, in Sachsen-Anhalt oder anderen Ost-Ländern darauf, einen Ministerpräsidentenkandidaten aufzustellen, bloß weil sie auf Platz drei hinter der PDS liegen? Na also: Das darf die FDP auch.

Der Parteitag klatscht, er tobt, er feiert den Ehrenvorsitzenden. Der Vorsitzende muss dann gar nicht mehr viele Worte machen. Westerwelle beschränkt sich darauf, den absehbaren Spott der anderen seinerseits schon mal zu verspotten – „Trübsinn ist kein Tiefsinn“ –, macht ein paar allgemeinphilosophische Ausführungen darüber, dass die FDP die Partei der Leistungsbereiten sei und die Privatinitiative über den Staat stelle, verzichtet fast völlig auf die bislang üblichen Attacken auf die Grünen – man befindet sich ja nunmehr im Konzert der Großen - und widmet im Übrigen lange Passagen der Bildungspolitik. Ein Schelm, wer darin Hinweise auf Ministeramtsambitionen wittert.

Zwei Sätze sind wirklich bemerkenswert in Westerwelles Rede. Zwei eher beiläufige Sätze. „Deutschland braucht keine obskuren Populisten“, sagt der FDP-Chef. „Deutschland braucht eine starke FDP.“ Selten hat einer so deutlich ausgesprochen, wo die Liberalen ihre Nische sehen: Als Protestpartei mit seriösen Paten.

Sekunden gemessen

Die hat Genscher vorher aufgezählt, alle freidemokratischen Säulenheiligen von Dehler bis Hamm-Brücher. „Vor einem Jahr wäre es Übermut gewesen, es zu tun“, sagt Westerwelle zum Schluss seiner Bewerbungsrede. „Heute wäre es Kleinmut, es nicht zu tun.“

Der Parteitag, ohnehin seit drei Tagen in der Disziplin geübt, jedem Redner stehend zu applaudieren, bricht programmgemäß in Jubel aus. Er wird der Ernennung des Kanzlerkandidaten Westerwelle kurz darauf einstimmig zustimmen. Oben auf der Zuschauertribüne aber verfolgt Fritz Goergen das Treiben im Saal. Der Mann, der das Projekt 18 erfunden hat, misst die Sekunden des Applauses. Er lächelt außerordentlich zufrieden dabei.

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