Zeitung Heute : „Es ist verrückt, mit 55 Jahre in Rente zu gehen“

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Herr Professor Kreibich, laut Statistik gehen Frauen hier zu Lande heute mit 60 Jahren in Rente, Männer sogar schon im Alter von 59 Jahren. Können wir uns das auch in Zukunft leisten?

Unsere Gesellschaft ist in den zurückliegenden Jahrzehnten enorm gealtert. 1900 lag der so genannte Altersscheitelpunkt, an dem jeweils 50 Prozent der Bevölkerung jünger oder älter sind, bei 23 Jahren. Heute liegt er bei 41 Jahren und im Jahr 2030 mit großer Wahrscheinlichkeit bei 50 Jahren. Die kurze Lebensarbeitszeit ist damit ein enormes Problem geworden. Es ist höchste Zeit, ein neues Zukunftsbild für ältere Menschen zu entwickeln. Das Berliner Institut für Zukunftsstudien schreibt deshalb erstmals den IZTZukunftspreis aus. Er ist mit 3000 Euro dotiert und wird an kreative Bürger oder auch Wissenschaftler vergeben, die einen überzeugenden Beitrag zum Thema ,Engagiert und produktiv mit älteren Menschen – Konzepte und Initiativen’ liefern.

Wie sind Sie auf dieses Thema gekommen?

Ganz einfach. Die Frage ,Wie alt fühlen Sie sich?’ wird heute von Deutschen ab 45 Jahren grundsätzlich mit ,Zehn Jahre jünger als ich bin’ beantwortet. Da ist es doch verrückt, einen 55-Jährigen in Rente zu schicken. Hat dieser beispielsweise studiert und ist erst mit 28 Jahren ins Berufsleben eingestiegen, so hat er gerade einmal 27 Jahre lang gearbeitet, fühlt sich wie 45 und hat gute Chancen, 90 Jahre alt zu werden. Das hält keine Volkswirtschaft aus.

Ihr Lösungsvorschlag?

Flexibilisierung der Lebensarbeitszeit. Es gibt zu viele, die zu früh aus dem Arbeitsleben gestoßen werden. Objektiv, weil es einen hohen Verlust an Erfahrungswissen, Fachwissen, Teamwissen und sozialer Kompetenz bedeutet. In Zeiten der Globalisierung bauen Mitarbeiter oft internationale Netzwerke auf. Wenn ein hoch qualifizierter Mitarbeiter überraschend in Rente geht, nur weil eine Vorruhestandsregelung es so vorsieht, wird der Kontakt zum Netzwerk möglicherweise für immer brach gelegt.

Und die subjektive Wahrnehmung?

Die Menschen fühlen sich nicht alt, nur weil sie den 60. oder 70. Geburtstag gefeiert haben. Sie tummeln sich im Tourismus, im Sport, im Gesundheitsbereich in der Ereigniskultur – vorwiegend noch als Kunde und Konsument. Doch diese Bereiche bieten auch eine Fülle von Jobmöglichkeiten – gerade für Ältere mit Erfahrungswissen, einem dicht gewebten Netz von Kontakten, hoher Sozialkompetenz und vor allem viel Zeit. Sich hier zu engagieren, und zwar durchaus steuerpflichtig, muss natürlich gelernt werden. Je früher desto besser.

Die Fragen stellte Christine Schreiber

Bewerbungsschluss für den Zukunftspreis „Engagiert und produktiv mit älteren Menschen“ ist der 30. September. Ausschreibungstext und ausführliche Informationen unter www.izt.de und 030 / 80 30 88 - 0.

ROLF KREIBICH,

(65) Physiker und Soziologe, leitet seit mehr als 20 Jahren das Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung (IZT) in Berlin.

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