Zeitung Heute : „Es kam automatisch zu Körpergeruch“ Fürs Fernsehen reibt sich Christian Ulmen mit Knoblauch ein.

Daheim mag er es behaglich: Das Sofa ist weich, und Gläser stellt er auf Untersetzer.

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Christian Ulmen, 29, wurde als MTVModerator bekannt, der sich gerne mit Schrankwänden unterhielt und Ärger mit der Justiz bekam: Er hatte Jungwähler aufgefordert, ihm ihre Wahlunterlagen zu schicken. 2003 spielte er die Hauptrolle in der Verfilmung des Romans „Herr Lehmann“. Zurzeit läuft seine neue Show auf Pro Sieben.

Interview: Matthias Kalle und Esther Kogelboom Herr Ulmen, Sie wirken so aufgekratzt. Was ist mit Ihnen los?

Ich durfte heute bei Hertha mittrainieren, ich habe zusammen mit meiner Kollegin Nora Tschirner für MTV eine Sondersendung gedreht. Alexander Madlung und ich haben seinen Torjubel von Gladbach nachgespielt, Zecke kannte „Mein neuer Freund“, Gilberto hat mir das Dribbeln beigebracht, und ich trug die Schuhe von Niko Kovac, Schuhgröße 41. Ich bin Hertha-Fan, und das will was heißen, wenn die Stadionhymne von Frank Zander gesungen wird. Es war ein ausgezeichneter Tag.

Schön. Dann dürfen wir Sie jetzt sicher mal fragen: Sind Sie ein sadistisches Arschloch?

Was? Nein. Ich habe aber großen Spaß daran, ein sadistisches Arschloch zu spielen. Die Grundvorraussetzung, ein sadistisches Arschloch zu spielen, ist, keines zu sein.

In Ihrer Show „Mein neuer Freund“ spielen Sie verschiedene Charaktere wie zum Beispiel den dauerkiffenden Rastamann Ecke oder den schnöseligen Adligen. Die Kandidatinnen müssen vor ihren Freunden, Eltern und Arbeitskollegen so tun, als ob der ihre große Liebe wäre. Als Ecke haben Sie eine Kandidatin sogar zum Heulen gebracht. Haben Sie da kein Mitleid?

Manchmal. Aber ich weiß, dass es meine Aufgabe ist, die Figur am Leben zu halten. Ich kann nicht abbrechen. Die Vereinbarung, die wir treffen, ist: Wir spielen ein Spiel, und wenn du nicht mehr magst, hören wir auf. Wenn du durchhältst, bekommst du dafür 10000 Euro.

Die Kandidaten nehmen die Demütigungen also wegen des Geldes in Kauf.

Nein, das glaube ich nicht, jedenfalls nicht alle, für die meisten ist es eher so eine Art Test: Halten zum Beispiel meine Freunde noch dann zu mir, wenn ich offensichtlich verrückt geworden bin und einen Vollidioten als meine große Liebe vorstelle? Auch Alfred Hitchcock hat einmal seine Freunde getestet. Er hat ein Essen gegeben, ist als seine Tante verkleidet dort erschienen und ist dann über sich selber hergezogen. Weil es ihn interessiert hat, wie Freundschaft funktioniert und was sie aushält.

Eine ziemlich brutale Art, Freunde zu testen. Wie reagieren Sie darauf, wenn Sie merken: Die Frau macht das jetzt richtig fertig?

Ich finde das eher originell als brutal. Bei heftigen Ausbrüchen hatte ich durchaus eine merkwürdige Form von Angst. Ich kriege Herzklopfen, ich schwitze, ich befürchte, gleich von einem ihrer Freunde eins aufs Maul zu bekommen. Mir kann ja auch keiner helfen. Die Technik sitzt nebenan. Die sehen das dann über die Monitore, aus der medialen Distanz. Wenn es handgreiflich werden würde, würden sie wahrscheinlich sagen: Geh mal rauf, zoom mal ran.

Hätten Sie im Fall einer Schlägerei abgebrochen?

Kommt drauf an, wie doll das wehgetan hätte.

Vor zwei Monaten sollte die Sendung eingestellt werden. Es hieß, die Einschaltquoten seien zu gering. Dann haben die Zuschauer in Internet-Foren Unterschriften gesammelt, und Pro Sieben hat „Mein neuer Freund“ wieder ins Programm genommen.

Das fand ich sehr beeindruckend. Auch, weil aus den Beiträgen durchklang: Wir lassen uns nicht einfach vom Privatfernsehen etwas vorsetzen, und dann nimmt man es uns nach einer Folge wieder weg.

Was ist denn der Reiz daran, andere Leute in den Wahnsinn zu treiben?

Für mich geht es in der Sendung überhaupt nicht darum, Leute in den Wahnsinn zu treiben. Als ich das britische Original sah, konnte ich nicht fassen, dass es möglich ist, mit einer kostümierten Gestalt, die nur so tut als ob, dermaßen die Wirklichkeit zu manipulieren, dass selbst der Kandidat – der ja als Einziger Bescheid weiß – gänzlich in der Welt dieser Fantasiefigur lebt und sie ganz real zu hassen beginnt. Ich wollte wissen, wie das geht.

Die Kandidatinnen müssen sehr unter Ihrem Geruch gelitten haben.

Ich habe mich für die Rolle als Alleinunterhalter Knut extra mit Knoblauch eingerieben und dann an Körperpflege nur das Nötigste betrieben. Dadurch, dass ich in einem Schlafsack im schlecht belüfteten Wohnzimmer der Kandidatin schlief, kam es automatisch zu Körpergeruch, der nicht besonders angenehm war.

Sie haben wirklich in den Wohnungen der Kandidaten geschlafen?

Darin lag der Kraftakt. Das war der sportliche Gedanke für mich. Ich habe jeden Morgen den Wecker gestellt und bin gegen sieben Uhr heimlich für eine Stunde in die Maske und zur Lagebesprechung.

Hatten die Kandidaten überhaupt eine Chance, das Spiel zu lenken?

Klar, sie konnten zum Beispiel mit mir streiten. Und eine Kandidatin hat mir sexuelle Avancen gemacht, das wird leider nicht gesendet, weil die Kameras nicht liefen. Die hat mir, um mich ruhig zu kriegen, was ich wirklich einen schlauen Kniff fand, Oralsex angeboten. „Wir sind ja schließlich ein Paar“, sagte sie. Sie hat versucht, den Schauspieler hinter der Maske zu erreichen, durch sexuelle Provokation, die ich ja durchaus wahrnehme.

Und Sie sind für einen kurzen Moment aus der Rolle gefallen.

Das nicht, aber ich war irritiert.

Es gab eine Szene, da hat das Mädchen Sie nach einer Demütigung sogar noch umarmt und gesagt: „Ich bin so froh, dass du noch da bist.“

Sie hat mir nachher gesagt, dass sie einfach nur von irgendjemandem getröstet werden wollte – das Stockholm-Syndrom. Die Geisel macht mit ihrem Entführer gemeinsame Sache. Das war hoch interessant.

Lernt man so was im Schauspielunterricht?

Ich habe alles über das Stockholm-Syndrom und auch den Rest bei MTV gelernt. Für den ersten Einspieler meiner Sendung „Unter Ulmen“ musste ich wildfremde Menschen auf der Straße umarmen, irgendwann nach drei Jahren „Unter Ulmen“ lernst du, wie das geht. Du versteckst dich einfach hinter der Maske und bist ein anderer. Authentizität gibt es nicht im Fernsehen. Das Höchste der Gefühle ist, sich selbst so abzubilden, wie man auch privat ist. Aber es bleibt dabei, dass das eine Abbildung ist. Man ist immer in einem künstlichen Umfeld. „Sei einfach du selbst“ – das ist der dümmste Tipp, den man jungen Moderatoren geben kann. Ich selbst, wenn ich zu Hause unter der Dusche stehe? Ich selbst, wenn ich mit meinem ältesten Freund telefoniere?

Alles nur Show?

Als ich zu MTV kam, waren viele Moderatoren laut und gröhlig. Die wollten eben privat so sein wie vor der Kamera, weil sie sich nicht den Vorwurf gefallen lassen wollten: Hey, du bist ja vor der Kamera ganz anders als privat, das durfte nicht sein. Das habe ich auch so gemacht. Es durfte keine Unterscheidung geben. Ich habe auch versucht, laut zu sein oder besonders zynisch, um keine Kluft entstehen zu lassen. Und das war falsch. Heute sage ich: Wieso soll man nicht vor der Kamera eine Show machen und privat den Mund halten?

Herr Ulmen, was sagt uns Ihre Sendung über die deutsche Mittzwanzigerin?

Zunächst mal habe ich persönlich viel über Gummersbach erfahren, wo wir zwei Episoden gedreht haben. Beide Male waren wir mit Ressentiments konfrontiert. Der Kiffer, wurde als Abschaum und als Kreatur bezeichnet, und als ich einen Transsexuellen spielte, wurde mir dauernd „Ey, du Tunte“ nachgerufen. So viele tot geglaubte Ressentiments leben immer noch in Gummersbach.

Die Show spielt auch in der Wohnung der Kandidaten. Wie leben junge Deutsche?

Die waren alle sehr ordentlich, deutlich konservativer, als ich gedacht hätte. Es gab in jeder Wohnung solche Lichterketten am Badezimmerspiegel. Wenn man MTV sieht oder den Ikea-Katalog durchblättert, bekommt man einen anderen Eindruck davon, wie Leute in diesem Alter wohnen. Die waren sehr akkurat, sehr durchdacht eingerichtet, es gab ausrangierte Möbel von den Eltern. Und die hatten laute Kühlschränke, das hat mich nachts sehr genervt. Im Bad hatten zwei Frauen durchsichtige Klobrillen aus Plexiglas, bei einer war Stacheldraht drin. Das habe ich zum ersten Mal gesehen. Und im CD-Regal standen „Kuschelrock“-Sampler und Genesis.

Und dann kamen Sie und haben alles durcheinander gebracht.

Jeden Gegenstand, den ich bewegt habe, haben sie letztlich immer an seinen Platz zurückgestellt. Die haben es sich im Leben und in ihrer Wohnung nett eingerichtet. So bürgerlich-behaglich. Ich wurde ja sehr oft belehrt in den Rollen: Das macht man, das macht man nicht …

Klingt so, als seien die Mittzwanziger spießiger als ihre Eltern.

Ich glaube nicht, dass ein klassischer Spießer bei so einem Spiel mitmachen würde. Die hatten alle ganz klare Wertvorstellungen. Vielleicht ist das spießig. Zumindest widerspricht das der Theorie, dass wir alle infantil seien. Dass wir alle Zahnbürsten sammeln mit kleinen Bärchen dran. Die waren sehr fertig und klar in ihren Vorstellungen. Interessant war aber, dass die Eltern der Kandidaten durchweg toleranter auf den verrückten neuen Freund ihrer Tochter reagiert haben als die Freunde.

Sie gehören selbst zu dieser Generation, werden bald 30 Jahre alt. Wie sieht es denn bei Ihnen zu Hause aus?

Das habe ich komplett meiner Frau überlassen, ich bin, was Einrichtung betrifft, wirklich komplett frigide.

Sie meinen: impotent.

Nein, frigide. Für mich fühlt sich dieses Thema irgendwie weiblich an. Mich interessiert das nicht. Ich freue mich über einen Schreibtisch, wenn der gut aussieht. Aber ich habe große Probleme, mich unter einer Vielzahl von Schreibtischen für einen zu entscheiden. Ich würde mir keine Lichterketten aufhängen, aber nur, weil ich weiß, was für Leute Lichterketten zu Hause hängen haben. Hätte ich nie Leute kennen gelernt, die welche haben, hätte ich vielleicht auch Lichterketten. Es ist mir sehr peinlich, aber ich habe mir schon, bevor Besuch kam, Gedanken darüber gemacht, ob es in meiner Wohnung vielleicht Dinge geben könnte, die der Besuch doof findet.

Was denn zum Beispiel?

Mir hat mein Patenkind mal einen Traumfänger geschenkt.

Ein Federschmuck, den man sich übers Bett hängt.

Den habe ich einmal abgenommen, als Gäste kamen und mich sehr schlecht dabei gefühlt. Ich meine, früher hat der mir nie was ausgemacht, der hing da halt, er war ein Geschenk. Und dann hatte ich Angst, jemand könnte denken, ich sei ein Traumfängerdepp. Meine Frau fand das ganz schlimm. Jetzt hängt er wieder.

Und was holen Sie extra aus dem Schrank, wenn Besuch kommt?

Ich habe KPM-Untersetzer, auf denen französische Bistro-Szenen abgebildet sind, unten Kork, oben Beschichtung. Die habe ich entdeckt, als ich für meine Mutter Porzellan zum Geburtstag gekauft habe. Damit der Glastisch nicht zerkratzt. Verdammt, und sie gefallen mir.

Sie haben es gern gemütlich.

Ja, mein Sofa ist sehr weich. Mein Schreibtisch ist der alte von meinem Vater. Als ich vor sechs Jahren nach Berlin zog, haben meine Eltern mir den geschenkt. Bei uns ist es ansonsten sehr weiß. Man kann aber das Licht dimmen, so ist das Weiß immer anders beleuchtet. Ich habe eine große DVD-Sammlung und einen 16:9 Fernseher, flimmerfrei.

Gerade haben Sie noch die Kandidatin als bürgerlich bezeichnet, die alte Möbel von den Eltern besaß. Dabei sind Sie selbst genauso.

Bürgerlich, das ist für mich kein Schimpfwort. Aber meine Wohnungseinrichtung basiert dennoch nicht auf Bürgerlichkeit, sondern überwiegend auf Desinteresse und mangelndem Raumgestaltertalent. Meine Wohnung hat sich gewissermaßen von selbst eingerichtet, indem mir nahe stehende Menschen Sachen reingetan haben. Bis auf den Fernseher, der ist von mir. Im Gegensatz zu den Kandidatinnen und Kandidaten, bei denen ich den beneidenswerten Eindruck hatte, dass sie ihre Wohnung selbst und bewusst und vor allem stolz eingerichtet haben. Wie man dann zu durchsichtigen Kloschüsseln steht, ist eine andere Frage.

Was ist das Modernste, das Sie besitzen?

Ein iPod mit 20 Gigabyte, 700 Lieder, aber ohne Zufallsauswahl, weil mich immer stört, was der auswählt. Ein klassischer Apple-Kauf. Die haben es wirklich drauf, dich süchtig zu machen. Die kriegen mich immer mit ihrer blöden Marketing-Kampagne.

Sie würden sich aber doch sicher nie Musik illegal herunterladen.

Ich hab das vor vielen Jahren schon mal gemacht, aber die Alben danach sofort gekauft und die Dateien wieder von der Festplatte gelöscht. Alles andere wäre Schweinkram.

Sie sind also gern im Internet. Geben Sie Ihren Namen manchmal bei Google ein, um zu schauen, wie viele Treffer er bringt?

Ja, klar. Meinen Namen in Anführungszeichen. Bessere Trefferquote.

Regelmäßig?

Selten. Außerdem bestelle ich auch meine Lebensmittel online, bei Kaiser’s. Die bringen das Zeug direkt in die Küche. Man darf sich nur nicht vertippen. Einmal wollte ich nur fünf Tomaten, und die haben mir fünf Kilo gebracht. Und natürlich kaufe ich bei Amazon und wickle meine Bankgeschäfte online ab.

Ihr großer Traum ist es, nicht mehr aus dem Haus zu gehen.

Da haben Sie Recht, eigentlich schon. Eine sehr bequeme Vorstellung.

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