Zeitung Heute : Es klappert die Mühle in rauschender See

Moderne Windkraftanlagen sind so hoch wie der Kölner Dom und sollen fern von der Küste im Meer aufgebaut werden

-

Sie wollten nur ein Stück weit aufs offene Meer hinaus. Dorthin, wo der Wind noch kräftiger bläst als an der Küste. Nun müssen sie viel weiter raus: dahin, wo nur noch Muscheln, Fische und Schweinswale zu Hause sind.

Das ist für einige Naturschützer zu viel des Guten. Ihre Klagen gegen die OffshoreWindparks wurden jedoch erst einmal abgewiesen. Und so könnten weit vor der Küste in Nordsee und Ostsee, in 40 Meter tiefem Wasser, bald die ersten Fundamente für deutsche Windkraftanlagen entstehen. Viel weiter draußen als jene Windräder, die vor Dänemarks Küste in nur zehn Meter tiefem Wasser aus den Wellen emporragen.

Das Potenzial solcher Offshore-Windparks ist riesig. Der Anteil der Windenergie an der Energieerzeugung ließe sich damit rasch von inzwischen fünf auf zehn Prozent verdoppeln. Und noch in diesem Sommer wollen einige Unternehmen ihre Prototypen für die künftigen Offshore-Windmühlen in Betrieb nehmen.

Die Firma Repower baut derzeit ein solches 120 Meter hohes Windrad zu Testzwecken am Stadtrand von Brunsbüttel auf. Der Konkurrent Multibrid errichtet eine ähnlich hohe Anlage, bei der jedes Rotorblatt 58 Meter lang sein soll, in Speckenbüttel. Beide Firmen wollen mit fünf Megawatt Leistung den Weltrekord brechen, den derzeit das ostfriesische Unternehmen Enercon mit seinen 4,5-Megawatt-Anlagen hält.

„Wir haben die Leistung unserer Anlagen in den vergangenen Jahren kontinuierlich gesteigert“, sagt Andreas Düser, Ingenieur bei Enercon, dem Marktführer der deutschen Windkraftbranche. Kurbelte ein Windrad Mitte der 80er Jahre noch 55 Kilowatt ins Stromnetz, so ist dies inzwischen bis zu 100-mal mehr. Eine einzige moderne Anlage kann eine ganze Batterie alter Windräder ersetzen – sobald diese abgeschrieben sind.

Diesen Fortschritt erkauften sich die Ingenieure vor allem dadurch, dass sie die Flügel größer und die Masten immer höher bauten. Die höchsten Windkraftanlagen reichen mit etwa 150 Metern Höhe – den Rotor eingerechnet – an die Turmspitzen des Kölner Doms heran. Doch es ging nicht nur in windige Höhen hinauf, in denen sich die Flügel schneller und zuverlässiger drehen. Auch die Aerodynamik der Rotorblätter wurde in Windkanalexperimenten perfektioniert. „1989 kam eine Technologie hinzu, mit der wir die Rotorblätter verstellen können“, sagt Düser. Seither stünden die Flügel optimal im Wind.

Das sollen sie bald auch auf See. Aber während einigen Firmen der Seegang nicht schnell genug gehen kann, warnen etliche Experten davor, diesen Schritt zu schnell zu machen. In der Nordsee müssten die Windräder Sturm und Wellen, in der Ostsee auch Packeis standhalten. Sichere Fundamente und Masten aus korrosionsfreiem Material zu bauen, wird teuer sein, der Wartungsaufwand hoch. Vor allem aber müssten die Windparks über hunderte Kilometer lange Leitungen ans Stromnetz angeschlossen werden, das in Küsteregionen für derart hohe Belastungen nicht ausgelegt ist.

Auch an den Wind als Energiequelle ist das Netz bisher nicht wirklich angepasst worden. Zwar fallen auch herkömmliche Kraftwerke hin und wieder aus, aber der Wind ist per se eine stark veränderliche Energieressource. Mal stürmt es, mal nicht.

Die Windkraft könne daher kein einziges Kraftwerk wirklich ersetzen und stelle die Energieversorger vor immer größere Schwierigkeiten, sagt der Ingenieur Helmut Alt von RWE. Auch Werner Leonhard, Elektrotechniker der TU-Braunschweig, sieht wenig Chancen, im deutschen Netz die Windflauten auf Dauer auf herkömmliche Weise auszugleichen. Das müssten auch in Zukunft thermische Kraftwerke mit Kohle oder Erdgas leisten, dazu – je nach Verfügbarkeit – solche, die mit Biomasse betrieben werden.

Vor allem energieeffiziente Kraftwerke, die sowohl Strom als auch Wärme liefern (Kraft-Wärme-Kopplung) und kurzfristig steuerbar sind, könnten dies übernehmen, sagt Jürgen Schmid, Chef des Instituts für Solare Energieversorgungstechnik in Kassel. Für ihn sind zudem die Aufnahmekapazitäten des Stromnetzes für Windenergie längst nicht erschöpft. So könnten sich etwa die Teilnetze in Deutschland besser zusammenschließen. Und in einem künftig gestärkten europäischen Netz könnte reichlich Wasserkraft aus Speicherwerken etwa in Norwegen oder Österreich zugeschaltet werden. Tsp

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!