Zeitung Heute : Es knistert wieder

Immer mehr Deutsche holen sich ein offenes Feuer in die Wohnung. Das wärmt nicht nur die Füße, sondern auch die Herzen. Ein Report über die neue Gemütlichkeit.

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Von Katja Michel Richtig böse“ wohnen sie in Prenzlauer Berg: „Altbau, keine Parkplätze, voll, laut und stressig.“ Davon haben sie jetzt die Nase voll. Raus aufs Land wollen sie, endlich Ruhe haben. Also haben sie sich ein Grundstück in Wandlitz gekauft. Ein Paar Anfang 40, sie Beamtin, er Musiker. Ein Holzhaus soll es werden, so richtig schön gemütlich. Und mitten ins Wohnzimmer kommt ein guter, alter Kachelofen.

Kamin und Kachelofen sind zurück. In Landhäusern und Villen, Dachgeschossen und schlichten Altbauwohnungen – man heizt wieder gerne von Hand, legt ab und an einen Holzscheit nach, macht es sich mit einem Glas Rotwein am bullernden Ofen bequem, guckt in die tanzenden Flammen. Behaglich soll es sein. Genau wie in der Werbung.

„Als ich ein Kind war, hatten wir auch einen Kachelofen“, erzählt die Beamtin aus Prenzlauer Berg. So eine angenehme Wärme sei das, gar nicht zu vergleichen mit der trockenen Heizungsluft. Torsten Schulz, Ofenbaumeister und Besitzer eines Kaminstudios in Wandlitz, hört solche Sätze immer häufiger. Letztes Jahr, als es bis weit in den März hinein bitterkalt war, hat er das Geschäft seines Lebens gemacht. Der Ofenbauer, braune Haare, randlose Brille, gestreiftes Hemd, sitzt mit dem Berliner Paar im Ausstellungsraum seines Ladens. Leicht überheizt ist es hier, die Kunden sollen die schöne Wärme ja spüren, es riecht nach verbranntem Holz.

Ein Feuer zu machen hat etwas sehr Archaisches. Und der Herr des Hauses ist meist auch der Herr über die Flammen – den Kamin anzufeuern ist, genau wie das Grillen, in den meisten Familien immer noch Männersache. Am Kamin oder Ofen trifft man sich seit jeher zum Vorlesen, Karten spielen, erzählen. In England hängen die Kinder ihre Socken an den Kamin, die Santa Claus in der Nacht zum 25. Dezember mit Geschenken füllt, auf dem Sims stehen die Weihnachtskarten. Und wenn Politiker sich zum Kamingespräch treffen, dann lockern sie auch mal die Krawatten, legen die Kostümjacke ab – wir sind ja unter uns.

Torsten Schulz zeigt den beiden Stadtflüchtigen die Kacheln. „Ein bisschen Struktur wäre gut, sonst sieht das so nach Schwimmbad aus“, findet die Beamtin. Ihr Mann nickt. Nicht zu puristisch, nicht zu überladen soll das gute Stück werden. Helle Naturtöne, schlichte Formen, ein kleines Sichtfenster, eine Bank zum Sitzen. Traditionell, ohne viel Schnickschnack. Seit ein paar Jahren gehen gerade die Klassiker gut bei Schulz. „Dabei wollte nach der Wende erst mal keiner mehr was von Kachelöfen wissen“, erzählt er später, „die waren verpönt. Nie wieder Holz und Kohle schleppen, hieß die Devise.“ Jetzt erinnern die Leute sich wieder: Wie schön es doch eigentlich war, sich an den warmen Ofen zu kuscheln. Sie holen sich ein Stück Kindheit zurück – ohne allerdings ihren Komfort wieder aufzugeben: Denn Kamin und Ofen hat man heute nicht statt der Zentralheizung, sondern zusätzlich.

„Eine Rückkehr in längst versunkene Welten“ sei das, sagt Peter Wippermann, Gründer des Hamburger Trendbüros, „man holt sich die Dinge wieder und macht sie besser.“ Dabei gehe es auch um Entschleunigung: „Man muss sich Zeit nehmen, um das Feuer zu pflegen, das sind Momente, die man sich sehr bewusst gönnt.“ Ruhige Stunden im Wohnzimmer als Ausgleich zum hektischen Zeitgeist also, der Kamin das symbolische Gegenstück zum hastig geschlürften Coffee to go. Der Kamin ist ja fest eingemauert, man kann ihn nicht einfach so mitnehmen. Die Leute wechseln ihre Jobs, Partner, Wohnorte, der Kamin bleibt stehen – wie ein stiller Protest gegen das Dasein auf dem Sprung.

„Digitales Biedermeier“ nennt Wippermann das Phänomen: der Rückzug aus den virtuellen Welten in die eigenen vier Wände. „Wenn das Leben draußen kälter wird, macht man sich’s drinnen gemütlich.“ SMS, Chatrooms, Online-Banking, kühl, technisch, und nichts davon greifbar. Da sehnt man sich wieder nach alten Werten. So wie das Biedermeier-Bürgertum, das im 19. Jahrhundert nichts wissen wollte von der Politik und es sich auf dem Wohnzimmersofa gemütlich machte.

Und wer sind heute Schulz’ Kunden? „Alle.“ Vom Pärchen Anfang 20 mit dem ersten Job bis zum Arztehepaar in den 60ern. So unterschiedlich wie die Kundschaft sind auch die Modelle, die der Wandlitzer baut. Da gibt es rustikale Kachelöfen, die an Skihüttenromantik denken lassen, genauso wie minimalistische Kamine. Und gerade Letztere laufen gut zurzeit: Blanker Stein, schlichte Formen, das Feuer prasselt hinter einer Glasscheibe. So wird der Kamin salonfähig auch für die, die allen Plüsch aus ihrer Wohnung verbannt und Purismus zum Einrichtungsprinzip gemacht haben.

„Modernes Design halt“, sagt Erik Paßow. Der Ofenbauermeister hat ein Kaminstudio in Kreuzberg, die meisten seiner Kunden wohnen in den Innenstadt-Bezirken. Die eckigen, schlichten Kamine sind bei ihm unangefochten die Nummer eins. Auch Kaminöfen gehen bei Paßow gut. Sie sind vor allem bei denen beliebt, die zur Miete wohnen: weil die Öfen transportabel sind. Aber auch ein fester Kachelofen oder Kamin lässt sich in eine Stadtwohnung einbauen – sofern ein Schornstein vorhanden ist. Im Zuge der Altbausanierungen wurde der bei manchen Häusern allerdings gekappt und reicht nicht mehr bis ganz nach oben; in diesem Fall kann ein Edelstahlrohr als Abzug dienen.

„Aber es geht nicht nur ums Lustfeuer, sagt Torsten Schulz, „die Leute wollen auch Heizkosten sparen.“ Wenn eine Wohnung günstig geschnitten sei, könne man mit Kamin oder Ofen sogar mehrere Räume beheizen. Und das auch noch umweltfreundlich: Beim Verbrennen von Holz wird nur so viel Kohlendioxid (das Gas, das für den Klimawandel verantwortlich gemacht wird) freigesetzt, wie die Pflanze während ihres Wachstums aufgenommen hat. Und Holz ist, anders als Gas oder Öl, ein nachwachsender Rohstoff.

Rund 250 Euro beim Kamin, knapp 500 beim Kachelofen geben die meisten von Schulz’ Kunden im Jahr für Holz aus dem Handel aus. Je nach Größe des Kamins, Häufigkeit des Gebrauchs und der Holzpreise kann es allerdings große Unterschiede geben. Jedes Stück ist bei Schulz eine Einzelanfertigung, darauf legt er Wert. Nicht wie die Massenware aus dem Baumarkt, die der gelernte Ofenbauer „absolut unterste Gürtellinie“ findet, da blieben doch Technik und Kreativität auf der Strecke. Einen Kamin bekommt man bei Schulz ab 6000 Euro, die meisten verkauft er allerdings für 8000 bis 10 000. Für einen Kachelofen muss man mit rund 10 000 Euro rechnen. Zum Vergleich: Im Baumarkt geht es mit Kaminbausätzen schon unter 2000 Euro los.

Die beiden Großstadtmüden aus Prenzlauer Berg sind mit den Plänen für ihren Kachelofen früh dran. Meistens kommen die Leute zu Schulz, wenn sie „eigentlich alles schon haben. Sie sind gut eingerichtet“ erzählt er, „fahren jedes Jahr in den Urlaub und haben ein Auto.“ Dann fehle eben noch der Kamin. Für die Behaglichkeit. „Und manche wollen wohl auch angeben“, glaubt Schulz.

„Die Flammen beruhigen, da fühlen sich die Leute sicher“, meint Miguel Leston, Besitzer der June-Bar in der Sredzkistraße. Gedämpftes Licht, schwarze Ledersofas, hinter der Bar Dutzende Flaschen und links, an der Wand, ein großer Kamin aus grünem Marmor. Glück für alle, die zur Miete wohnen: Nicht nur zu Hause, sondern auch in Bars und Restaurants sind Kamine gerade ein Renner.

Pärchen lieben die June-Bar. Links neben dem Kamin steht ein Tisch, den die Barkeeper Knutschecke nennen. Es ist immer dasselbe: Zwei sitzen nebeneinander, erst halten sie Händchen, dann schmusen sie, irgendwann küssen sie sich. Und zwar alle. Ob frisch verliebt oder seit langen Jahren verheiratet. Die wohlige Wärme, der Duft nach verbranntem Holz, das Knistern der Scheite, der Schein der Flammen. Sie können nicht anders.

Als Leston seine Bar eröffnete, war ihm klar, dass er den Leuten etwas bieten musste, um bei dem riesigen Angebot an Lokalen in Berlin zu überleben. Und das sind ihm die 7000, 8000 Kilo Holz locker wert, die in seinem Kamin jedes Jahr in Flammen aufgehen. Denn sie kommen: Ein gut situiertes Publikum ab 30, Werber, Medienleute und Schauspieler vor allem. Sie machen es sich auf den Sofas bequem, lauschen der gefälligen Barmusik, schlürfen ihre Cocktails – und sehen ins Feuer. Warum ihnen das so gefällt, dazu hat Leston seine ganz eigene Theorie: „Die müssen bei der Arbeit den ganzen Tag quatschen und lachen und freundlich sein.“ Am Kamin könnten sie endlich mal schweigen.

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