Zeitung Heute : „Es kommt nie genug Geld zusammen“

Frank S. Dodge faszinieren die Gespräche mit Sponsoren genauso wie die Musik

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Vor 21 Jahren kamen Sie nach Deutschland, Herr Dodge. Hatten Sie damals schon das Ziel, Kammermusikkonzerte nach dem amerikanischen Modell ganz privat, ohne staatliche Subventionen zu organisieren?

Damals lebte ich wie ein Troubadour, ich hatte keine klare Vorstellung, wo und wie ich genau arbeiten wollte. Meine Vorliebe galt der Kammermusik, aber ich war noch auf ästhetischer Entdeckungsreise.

Wer über 35 Jahre alt ist, hat als Orchestermusiker keine Chance mehr auf eine Festanstellung.

Ich habe in verschiedenen Orchestern gearbeitet, doch dann immer wieder festgestellt, dass meine Berufung im Kammermusikmachen liegt, auch im Organisieren der Konzerte, das gehört für mich dazu. Das fehlte mir im Orchester, da schien etwas in mir abzusterben. Finanziell war das Dasein als Selbstständiger nicht immer einfach, doch in den 15 Jahren, die ich nun die Spectrum Concerts organisiere, habe ich nie auch nur eine Sekunde lang gedacht: Wie wäre es wohl gewesen, wenn ich mich damals anders entschieden hätte.

Haben Sie jemals staatliche Unterstützung beantragt?

Ja, gleich bei der Gründung. Damals erhielten wir eine Ablehnung. Später gab es für bestimmte Projekte Gelder von der Kulturverwaltung.

Wie ist es Ihnen gelungen, einen Freundeskreis aufzubauen, der die wirtschaftliche Basis der Spectrum Concerts sichert?

Es kommt nie genug Geld zusammen, um wirklich alles planen und gestalten zu können, wie man es sich erträumt hat. Mein Job ist es, mit so vielen Menschen neue Kontakte zu knüpfen. Dieser Teil meiner Arbeit ist für mich genauso faszinierend wie das Cellospielen selber. Wenn man Erfolg hat bei solchen Gesprächen, hat man einen neuen Freund gewonnen, nicht nur einen Geldgeber.

Wenn Sie Ihre Kammermusik anbieten, hören Sie dann oft das Argument: Ich zahle doch schon genug Steuern, damit der Staat mir die kulturelle Versorgung garantiert!

Klar, das passiert schon. Ich habe in Amerika das frei finanzierte System von seinen dunklen Seiten kennen gelernt. Immer wieder habe ich gemerkt: Hier muss ich mein Programm ändern, um diesen oder jenen Sponsor ins Boot zu bekommen. Nicht nur bei der Werkauswahl auch bei der Art, wie die Kunst vermarktet wird. In Deutschland treffe ich auf Menschen, die Kunst auf eine andere Art unterstützen. Sie sitzen nicht nur im Konzert, sondern suchen den Kontakt zu den Künstlern, veranstalten Hauskonzerte.

Man fragt sich: Woher nimmt der Mann die Kraft dazu?

Für mich ist es das Schönste, mit Leuten zusammenzukommen, die mich faszinieren. Wie diese wunderbaren Musiker spielen, das ist es, was mich aktiviert. Wenn das weg wäre, würde alles nicht funktionieren.

Es gibt in Berlin zu wenig Publikum für Kammermusik. Selbst bei den Abenden, an denen Spitzensolisten der Philharmoniker auftreten, ist der Kammermusiksaal oft nicht voll. Was kann man, was können Sie da tun?

Wir müssen versuchen, das Bedürfnis nach Kammermusik wieder zu entwickeln. Ich denke, dass wir dazu einen „echten“ Kammermusiksaal bauen müssen. Wichtig scheint mir, dass die Entfernung zwischen Bühne und Publikum so gering wie möglich ist, nach Art der Hausmusik, wo in einem Salon ein paar Musiker in intimen Kontakt zu ihren Zuhörern treten. Erst diese Nähe schafft wirklich die ideale Atmosphäre.

Eine schöne Utopie, doch da bräuchten Sie schon einen Fürsten, der diese Auftritte vor minimalem Publikum bezahlt, wenn Sie als Musiker überleben wollen.

In Zeiten wie diesen muss man vielleicht mehr geben, damit die Kulturszene nicht zusammenbricht, und zwar auf beiden Seiten, bei den Musikern wie beim Publikum. Das kann auch sehr wohltuend sein. Warum sollte zum Beispiel ein Orchestermusiker mit festem Gehalt nicht regelmäßig Hausmusik machen für ein potenzielles neues Publikum, unentgeltlich natürlich? Wir von Spectrum Concerts machen innerhalb der Probenzeit immer zwei Hauskonzerte, um Freunden oder Sponsoren zu danken.

Das Gespräch führte Frederik Hanssen.

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