Zeitung Heute : „Es muss klick machen“

Ein Junge kämpft gegen sein Übergewicht – mit der Playstation

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Heiko ist 14 Jahre alt, 1,83 Meter groß und wiegt 105 Kilogramm - zu viel, wie er meint. Seit einem Jahr besucht er die Sportgruppe „Pfundige Kids" in Wilmersdorf.

Heiko, wie sieht Dein Diätplan aus?

Ich mache eine langfristige Ernährungsumstellung, keine Diät –die wäre ja zeitlich begrenzt. Ich esse jetzt weniger Fett, das ist das ganze Geheimnis – keine Schokolade mehr und auch kein Eis. Seitdem habe ich sieben Kilo abgenommen. Weniger toll war meine Idee, eine Kalorienliste zu erstellen. Da habe ich die Kalorien einfach addiert, um zu sehen, ob ich weniger esse. Das lasse ich jetzt sein, man ist dann den ganzen Tag am Rechnen und hofft am Ende auf ein paar Zahlen weniger, die gar nichts aussagen.

Hattest Du schon immer Gewichtsprobleme?

Als kleines Kind war ich spindeldürr, man musste mich zum Essen regelrecht zwingen - vielleicht war das ja ein Fehler. In meinen Erinnerungen war ich immer dick.

Wie unterstützen Dich Deine Eltern bei der Ernährung?

Ich koche allein und plane allein. Meine Mutter, mit der ich und meine Schwester allein leben, ist von Berufs wegen ganztags außer Haus.

Studien besagen, dass Kinder, die ohne Familie zu Hause essen, eher dick werden, weil niemand ihre Mahlzeiten kontrolliert.

In meinem Fall stimmt das nicht. Wenn ich koche, tue ich das kalorienbewusster, als wenn die Familie dabei ist. Ich koche mit dem Wok, einer chinesischen Bratpfanne - die ist so geformt, dass man die Speisen auch ohne Fette braten kann.

Überkommt Dich gelegentlich noch der Heißhunger?

Ja, vor allem esse ich dann nur aus reiner Langeweile. Kilos, die ich verloren hatte, bekomme ich nur durch dumme Zufälle wieder drauf, wie an Weihnachten. Dann hat man nichts anderes mehr im Kopf ausser Süßigkeiten. In den Ferien ist es besonders schlimm, wenn ich nicht selbst kochen kann, gerate ich schnell aus dem Rhythmus.

Wie gehst Du gegen den Hunger an?

Mit Fernsehen oder Playstation. Wenn ich mich darauf einlasse, habe ich auch keinen Hunger mehr.

Wissenschaftler sagen das Gegenteil: Beim Fernsehen nascht man noch viel mehr.

Nein, ich nicht. Wenn ich den ganzen Tag spiele, bekomme ich erst am Abend wieder Hunger. Überhaupt esse ich am liebsten, wenn ich keine Ablenkung habe. In diesen Momenten bin ich ganz auf mich selbst konzentriert. Fernsehen nervt da nur.

Was stört Dich an Deinem Übergewicht?

Das frage ich mich manchmal auch. Ich bin sportlich sehr aktiv, trainiere im Kanuverein… trotzdem fühle ich mich oft nicht wohl. Ich bin kein glücklicher Mensch, die Glücksmomente, von denen meine Freunde erzählen, kenne ich nicht.

Dein nächstes Etappenziel?

Weiter abnehmen natürlich. Und, dass ich über die unangenehmen Phasen hinwegkomme. Man darf da aber nicht zu sehr in Strategien denken. Irgendwann muss es einfach „klick" machen im Kopf: die Zeit der Fressorgien ist jetzt vorbei.

Das Interview führte Sassan Niasseri.

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