Zeitung Heute : Es muss nicht der Grand Canyon sein

Der Tagesspiegel

Von Sandra Dassler

Brieske. Wenn er über Offroadfahren schreibt, wird Oliver Bothe zum Schwärmer: „Ich stehe im ehemaligen Tagebau Meuro am Fuß einer Böschung . . . , die sich schwindelerregend steil gen Himmel erhebt. Eine Parkhausausfahrt wirkt im Vergleich wie ein abgeflachter Bordstein. Was soll’s. Allrad, Reduktion, zweiter Gang und Gas. Die Haube steigt bedrohlich auf, den Weg vor dem Auto sehe ich nicht mehr, nur noch den Himmel . . . bis ich mit dem rund zwei Tonnen schweren Geländewagen einer Flutwelle gleich über die Kuppe schwappe. Wow!“

Als es noch die DDR gab, gehörte Offroadfahren zu den „dekadenten“ Freizeitvergnügen der Reichen im Westen. Ein kleines Häuflein Interessenten gab es damals trotzdem, auch Oliver Bothe träumte als Teenager von Touren durch den Grand Canyon. „Das hatte natürlich was mit Freiheit und Abenteuer zu tun“, erinnert sich der heute 33-Jährige. Sein Vater war vom Crossfahren genauso begeistert, hatte seit 1986 mehrfach Anträge gestellt, Tagebauflächen in der Niederlausitz zum Offroad-Fahren zu nutzen. „Das wurde aber immer abgelehnt.“

Nach 1990 blieben die Bothes in Kontakt mit der Bergbausanierungsgesellschaft, die für bestimmte Strecken Genehmigungen zum Offroad-Fahren erteilte. In den vergangenen Jahren nutzten immer mehr Menschen diese Möglichkeit – Grund für Oliver Bothe, sein Angebot nun mit dem Tourismusverband Niederlausitz auch überregional zu vermarkten. „Offroad-Fahren im Tagebau ist etwas Einzigartiges“, sagt er: „So eine Landschaft findet man sonst nirgends, und wenn es sie gibt, dann steht sie unter Naturschutz und ist deshalb für Autos tabu.“ In den ehemaligen Tagebauen ist Naturschutz mangels Flora und Fauna kein Thema, ein Offroadfahrer kann alle Schwierigkeitsgrade vorfinden. 120 Meter Höhenunterschiede sind keine Seltenheit, es gibt tiefe Löcher, steile Kippen. Allein: Das Vergnügen ist endlich. Schon in drei Jahren wird aus dem Ex-Tagebau Meuro der See Ilse geworden sein, durch die Flutung der Restlöcher soll in der Lausitz bekanntlich eine der größten Seenlandschaften in Deutschland entstehen. Gemeinsam mit anderen Offroad-Freunden bemüht sich Oliver Bothe deshalb darum, wenigstens einen der Tagebaue im Urzustand und damit möglicherweise auch für Wanderungen und Offroad-Fahren zu erhalten. „Es ist aber letztlich eine Geldfrage“, erklärt die Geschäftsführerin des Tourismusverbands Niederlausitz, Kathrin Winkler: „Die Tagebau-Restlöcher laufen ja automatisch mit Grundwasser voll. Um das zu verhindern, müsste man Riegel anlegen, die das Wasser immer wieder abpumpen. Das kostet.“

Bei der Internationalen Bauausstellung Fürst-Pückler-Land (IBA), die sich unter anderem auch um die künstlerische Gestaltung der Bergbau-Nachfolgelandschaft kümmert, sieht man die Offroad-Touren mit einem lachenden und einem weinenden Auge. „Wir freuen uns, wenn Menschen in dieser Region Ideen entwickeln“, erklärt IBA-Sprecher Paul Gronert. „Andererseits ist unsere Art der Annäherung an die Tagebau-Landschaften etwas behutsamer. Wir veranstalten beispielsweise ab 6. April Wanderungen, und da ist es schwer vorstellbar, dass nebenan Jeeps vorbeidonnern.“ Gronert hat außerdem Bedenken, weil niemand weiß, welche Folgen das Offroadfahren für die sich spontan entwickelnde Vegetation hat.

Weiteres Problem ist die Sicherheit. Immer wieder wird Oliver Bothe darauf angesprochen. „Ich biete grundsätzlich nur geführte Touren an, da die Genehmigung nur für ganz bestimmte Strecken erteilt wird“, sagt er. „Sonst ist die Unfallgefahr sehr groß.“ Das aufgeschüttete Erdreich sei noch in Bewegung, es könne zu Rutschungen kommen. „Deshalb fahren wir immer Kolonne und sind über Funk verbunden.“

Angeboten werden aber alle Schwierigkeitsgrade: für Anfänger, Fortgeschrittene oder Profis. Die Touren dauern von zwei Stunden bis zu zwei Tagen, sie können mit dem Besuch der größten Abraumförderbrücke der Welt oder mit der ältesten Brikettfabrik verbunden werden. Ein halber Tag in der Gruppe mit bereitgestelltem Geländewagen kostet ungefähr 100 Euro. Extras kosten mehr. Trotz der Geschäftstüchtigkeit ist Bothe Schwärmer geblieben: „Das große Geld kann man damit nicht machen“, sagt er, „die Liebe zum Fahren gehört schon dazu.“ Und dazu ein Hauch von Freiheit.

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