Zeitung Heute : Es muss nicht die Welt kosten

Der letzte Teil des UN-Klimareports ist da. Was kann die Erderwärmung aufhalten?

D. Dehmer[Berlin] M. Kleine-Brockhoff[Jakar]

Was kostet Klimaschutz?

Um die Klimawende zu schaffen, müsste die Weltbevölkerung von jetzt an jährlich 0,12 Prozent ihrer Wirtschaftsleistung einsetzen. Der Weltklimarat (IPCC) erwartet, dass bereits ein Preis von 100 Dollar für eine Tonne Kohlendioxid (CO2) ausreichen würde, um bis 2030 zwischen 30 und 60 Prozent der klimaschädlichen Emissionen zu vermeiden. Im Vergleich zu den Kosten, die auf die Welt zukommen, wenn sie den Klimawandel nicht aufhält, ist das lächerlich wenig.

Was sind die billigsten und effizientesten Mittel, um das Klima zu schützen?

Am günstigsten ist es, Energie gar nicht erst zu verbrauchen. Der IPCC hält eine Minderung von rund 6000 Millionen Tonnen CO2 problemlos für möglich, bei der sogar noch volkswirtschaftliche Gewinne erzielt werden könnten. Weltweit liegt der Ausstoß an Treibhausgasen zurzeit bei etwa 49 000 Millionen Tonnen.

Bis 2030 könnte der Anteil der erneuerbaren Energien an der globalen Stromerzeugung nach Ansicht des Weltklimarats auf 30 bis 35 Prozent gesteigert werden. Bei Kosten von 50 Euro pro Tonnen CO2 würden sich die klimafreundlichen Energieträger nahezu selbst auf den weltweiten Märkten einführen.

Ein sehr großes Potenzial von 50 Prozent CO2-Reduktion sieht der IPCC in der Erhaltung der Wälder. Die Abholzung des Regenwalds ist mit einem Anteil von bis zu 25 Prozent verantwortlich für den Anstieg der Konzentration von Treibhausgasen – an zweiter Stelle, direkt nach der Verbrennung fossiler Energieträger. Die Staaten mit den größten Regenwäldern sind Brasilien und Indonesien. Weil beide kräftig abholzen, stehen sie auf der Liste der klimaschädlichen Nationen auf Platz drei und vier hinter den größten Energieverbrauchern USA und China.

Jährlich verschwinden allein in Indonesien 1,8 Millionen Hektar Wald (eine Fläche von der Größe Sachsens) – das entspricht stündlich dem Platzbedarf von 300 Fußballfeldern. Der Staat rodet durch staatliche Holzfirmen mit. Parallel agieren dort Privatunternehmen – legal und illegal. Umweltschutz gilt als unerschwinglicher Luxus in einem Land, in dem 120 Millionen Menschen, die Hälfte der Bevölkerung, täglich mit weniger als zwei US-Dollar über die Runden kommen müssen. Selbst in Nationalparks fallen wertvolle Bäume.

Beamte, Polizisten und Militärs unterbinden das nicht. Alle verdienen wenig, viele lassen sich bestechen und schützen im Gegenzug Umweltsünder, statt sie zu belangen. „Wer den globalen Treibhausgas-Ausstoß reduzieren will, muss Schwellenländern finanzielle Anreize für Waldschutz bieten“, glaubt Joe Leitmann vom Weltbank-Büro Jakarta. Die Weltbank möchte, dass reiche Staaten in einen Topf einzahlen. Das Geld soll Ländern wie Indonesien die Erhaltung des Regenwalds schmackhaft machen. 250 Millionen US-Dollar, so Leitmann, seien für Pilotprojekte nötig.

Geht es nach der Weltbank, soll der Waldschutzfonds Teil des Folgeabkommens für das Kyoto-Protokoll werden, das 2012 in Kraft treten sollte. „Wir finden die Fondsidee gut“, meint Wahjudi Wardojo, Direktor im indonesischen Waldministerium, „der Emissionshandel ist im Waldsektor einfach nicht praktikabel. Das ist zu kompliziert. Wir brauchen einen neuen Anreiz.“ Indonesiens Umweltschützer warnen vor Korruption: „Sollte es einen Waldfonds geben, sollte ihn die Weltbank verwalten, bloß nicht unsere Regierung“, heißt es beim Waldschutzbündnis Skephi.

Welche Rolle übernehmen die beiden größten CO2-Verursacher China und die USA beim Klimaschutz?

Die USA haben das Kyoto-Protokoll nicht ratifiziert und sind der größte Emittent von Treibhausgasen. China wird die USA beim Ausstoß von CO2 bald überholen und legt Wert auf die Feststellung, dass die Industrieländer für 95 Prozent der schon in die Atmosphäre gelangten CO2-Emissionen verantwortlich sind. Da beide vom Verhalten des jeweils anderen Staates abhängig machen wollen, wie sie sich bei den internationalen Klimaverhandlungen positionieren, kommt den beiden eine Schlüsselrolle zu. Und die sei „durchaus konstruktiv“, meint Ottmar Edenhofer vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK), einer der Autoren des dritten IPCC-Reports. Der Chef des UN-Klimasekretariats, Yvo de Boer, verweist auf eine Initiative Chinas, die 1000 größten Unternehmen dort effizienter zu machen, wobei die USA dem Land helfen wollen. Und die Chancen, dass die USA einem Kyoto-Folgeabkommen beitreten werden, „wachsen täglich“, sagt der Chef des UN-Umweltprogramms Achim Steiner. Denn in den USA verändere sich die Klimapolitik von unten. Er verwies auf den Klimaplan der Stadt New York, den er als „sehr konsequent“ lobte. Und da New York etwa so viel CO2 ausstößt wie Portugal, sei das „ein sehr relevanter Beitrag“.

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