Zeitung Heute : Es muss nicht immer die Brennstoffzelle sein

Erdöl lässt sich auch mit bereits erprobten Technologien im Verkehr und bei Heizungen ersetzen

Dagmar Dehmer

Erdöl ist der Treibstoff der Weltwirtschaft. Und wenn der Ölpreis hoch liegt – seit Monaten kostet ein Barrel (159 Liter) um die 60 US-Dollar – sind die Gewinner und Verlierer klar verteilt. Richtig freuen können sich die großen Ölkonzerne: Der globale Branchenführer Exxon-Mobil verbuchte einen Rekordgewinn von 9,9 Milliarden Dollar (plus 75 Prozent). Die niederländisch-britische Royal Dutch Shell verdiente neun Milliarden Dollar (plus 68 Prozent) und die britische BP 6,5 Milliarden Dollar (plus 34 Prozent). Auch der überwiegend staatliche norwegische Energiekonzern Statoil hat seinen Nettogewinn im dritten Quartal um 49 Prozent auf 8,7 Milliarden Kronen (1,1 Milliarden Euro) gesteigert.

Weniger freut sich die chemische Industrie, für die Erdöl häufig der Grundstoff für ihre Produkte ist, und die gesamte Industrie, die wegen der höheren Transportkosten stöhnt. Und natürlich die Verbraucher, die an der Tankstelle deutlich merken, wie teuer es geworden ist, Auto zu fahren. Noch dazu liegen die größten relevanten Erdölreserven im Nahen Osten, Russland und den ehemaligen Sowjetrepubliken und damit in Weltgegenden, die sich nicht gerade durch politische Stabilität auszeichnen. Dasselbe gilt für Erdgas. Beide Energieträger sind zudem nicht mehr unendlich verfügbar. Ihr Ende ist absehbar, wobei uns das Erdgas später ausgehen wird als das Erdöl.

Das ist aber nur die eine Seite des Problems. Die andere ist der globale Klimawandel. Die Erderwärmung vollzieht sich viel schneller, als bisher von den Klimaforschern angenommen worden ist. Erst vor kurzem haben die Forscher des Max- Planck-Instituts in Hamburg errechnet, dass der Nordpol bis zum Jahr 2100 ganzjährig eisfrei sein dürfte. Das hat Folgen für den Meeresspiegel – an der Nordsee wird mit einer Erhöhung um die 40 Zentimeter gerechnet. Und es hat auch in Deutschland direkte Folgen. Die Anfälligkeit für Stürme und Überschwemmungen steigt. Die Wahrscheinlichkeit von sehr heißen Sommern wie 2003 steigt. Damals sind in Europa tausende Menschen vorzeitig gestorben. Gleichzeitig wächst weltweit der Bedarf an Energie. In seiner neuesten Energieprognose rechnet der Ölkonzern Shell bis 2050 mit einer Verdopplung des Energiebedarfs im Vergleich zum Jahr 2000. Und das ist die konservative Schätzung.

Kein Wunder, dass die Strategie der bisherigen rot-grünen Bundesregierung – „Weg vom Öl“ – gar nicht mehr so exotisch klingt. Was also sind die Alternativen zur Abhängigkeit vom Erdöl, ohne dem Klima den Rest zu geben? Die Antwort ist einfach: Energiesparen und erneuerbare Energien, vor allem Biomasse. In Deutschland trifft der hohe Ölpreis vor allem den Verkehr und die privaten Haushalte, die mit Öl heizen. Und genau da muss eine Strategie „Weg vom Öl“ auch ansetzen. Vor allem die Haushalte können noch eine Menge Energie sparen. Besonders wirksam ist dabei die Sanierung von Altbauten. Allein mit einem entsprechenden Förderprogramm der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) erwartet die Regierung ein Minderungspotenzial von Kohlendioxid (CO2) von 1,6 Millionen Tonnen. Für die Klimabilanz ist aber auch ein Umstieg von einer Ölheizung auf eine effiziente Gasheizung nützlich, womöglich mit Kraft-Wärme-Kopplung, dabei wird gleichzeitig auch noch Strom erzeugt. Zwar ist auch Erdgas eine endliche Energiequelle. Aber der CO2-Anteil bei seiner Verbrennung ist geringer als beim Öl. Solche effizienten Heizungen, womöglich gekoppelt mit einer Stromerzeugung, sind aber auch mit anderen Brennstoffen möglich, zum Beispiel Holz, Biogas, Rapsöl oder auch Strohballen. Inzwischen gibt es auch schon Wohnviertel in Deutschland, die mit Erdwärme geheizt werden. Pilotanlagen gibt es genug, nur den Durchbruch haben diese Technologien noch nicht geschafft. Das könnte sich bei einem konstant hohen Ölpreis, und weil auch die Gaspreise bisher noch daran gekoppelt sind, auch einem hohen Gaspreis, ziemlich schnell ändern. Häuser lassen sich aber auch so effizient bauen, dass sie kaum noch Energie von außen brauchen, und wenn, könnte diese auch leicht von der Sonne geliefert werden. Schon allein große Fenster helfen, die Sonne passiv zu nutzen. Solarthermieanlagen, mit denen im Haus auch warmes Wasser erzeugt werden kann, können auch zur Heizungsunterstützung eingesetzt werden. Und mit Photovoltaikanlagen kann zudem auch noch Strom erzeugt werden – nicht nur für den Eigenbedarf.

All diese alternativen Technologien gibt es längst, und sie sind auch bereits in der Praxis erprobt. Zukunftsmusik ist dagegen der massenhafte Einsatz von Brennstoffzellen auch als Heizungen. Auch da gibt es zwar bereits Pilotprojekte. Doch die lassen sich noch an zwei Händen abzählen. Dennoch dürfte diese Technologie auf lange Sicht die Heizungstechnik revolutionieren. Auch die Autoindustrie hofft auf die Brennstoffzelle. Eines Tages soll sie Autos klimaneutral antreiben. Doch der Durchbruch ist seit mindestens zwanzig Jahren in „etwa zehn Jahren“ zu erwarten. Aber selbst wenn es bei der Brennstoffzellen-Technologie im Verkehr nicht recht vorangeht, lässt sich das Öl selbst im Verkehr zurückdrängen.

Auch im Verkehr ist das Energiesparen die effizienteste Variante, um die Abhängigkeit vom Öl zu vermindern. So lange Autofahrer bereit sind, Fahrzeuge zu kaufen, die auf 100 Kilometer mehr als zehn Liter schlucken, werden sie auch gebaut werden. Es gibt aber genügend Alternativen, die deutlich weniger Benzin oder Diesel verbrauchen. Dazu könnten auch Hybridmotoren beitragen, bei denen Benzinmotoren mit Elektromotoren kombiniert werden. Die Regierung erwartet von technischen Veränderungen an Autos zur Senkung des Spritverbrauchs und vom Einsatz alternativer Kraftstoffe ein CO2-Minderungspotenzial von 8,5 Millionen Tonnen.

Allerdings stehen wir bei diesen alternativen Kraftstoffen immer noch am Anfang. Bisher beträgt der Anteil am Gesamttreibstoffverbrauch knapp ein Prozent. Im Jahr 2003 wurde in Deutschland auf 540000 Hektar (rund 4,6 Prozent der Ackerfläche) Raps zur Biodiesel-Erzeugung angebaut. Das Potenzial liegt nach Angaben des Verbraucherministeriums bei rund 17 Prozent der Ackerfläche. Neben Biodiesel gibt es inzwischen auch die ersten Versuche mit einer synthetischen Herstellung von Biokraftstoffen aus allen möglichen Pflanzen oder Pflanzenabfällen. Diese Kraftstoffe können Benzin oder Diesel einfach beigemischt werden.

Die Europäische Union hat mit ihrer Biokraftstoff-Richtlinie bis 2005 das Ziel vorgegeben, dass Biokraftstoffe einen Marktanteil von zwei Prozent erreichen sollen, bis 2010 soll er bei 5,75 Prozent liegen. Um die Einführung dieser alternativen Kraftstoffe zu fördern, hat die rot-grüne Regierung sie bereits 2004 von der Mineralölsteuer befreit. Außerdem beteiligt sich das Verbraucherministerium am Bau zweier Pilotanlagen zur Erzeugung von synthetischen Biokraftstoffen. Die Autoindustrie hat offenbar großes Interesse daran, diese Kraftstoffe auch einzusetzen.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar