Zeitung Heute : Es passt nicht mehr zusammen

Al Qaida steckte nicht hinter den Londoner Anschlägen vom Juli 2005 – die britischen Behörden befürchten jetzt Nachahmungstaten

Matthias Thibaut[London]

Der Londoner Bombenanschlag im Juli 2005 ging nach einem britischen Regierungsbericht nicht auf das Konto von Al Qaida, sondern einer einzelnen Gruppe. Was heißt das für den Kampf gegen den Terror?


Viele Briten hatten keinen Zweifel: Sie vermuteten, dass Al Qaida und Osama bin Laden hinter den Anschlägen auf die Londoner U-Bahn vom 7. Juli 2005 steckten. Jetzt allerdings scheint klar zu sein, dass die Attentäter von Leeds auf eigene Faust handelten. Das ist das Fazit des offiziellen Untersuchungsberichts zu den Anschlägen, der in den kommenden Wochen veröffentlicht wird und aus dem britische Zeitungen bereits am Wochenende zitierten.

Demnach suchten sich die Attentäter die nötigen Informationen für den Bombenbau selbst aus dem Internet heraus und bauten die tödlichen Rucksackbomben, die 48 Menschen und die Terroristen selbst in den Tod rissen, für ein paar hundert Pfund in Eigenregie. Der „Observer“ zitierte gestern eine Regierungsquelle mit den Worten: „Die Londoner Anschläge waren eine bescheidene, einfache Tat von vier scheinbar völlig normalen Männern, die das Internet benutzten.“

Unmittelbar nach den koordinierten Anschlägen auf drei Londoner U-Bahnen und einen Bus am Morgen des 7. Juli hatten die Terrorfahnder von Scotland Yard mit der Suche nach den Hintermännern begonnen. Es sei undenkbar, dass die vier Attentäter keine Komplizen gehabt hätten, hieß es damals. Die Koordination der Anschläge sei zu komplex und die Sprengsätze mit ihrer verheerenden Wirkung seien zu schwierig zu bauen gewesen. Die Rede war auch von einem mysteriösen fünften Attentäter – ein fünfter Rucksack war in jenem Auto der Terroristen gefunden worden, das am Bahnhof Luton abgestellt worden war.

Lange Zeit hatten die britischen Behörden nach einem mysteriösen „Al-Qaida-Rädelsführer“ gesucht, der angeblich kurz vor dem Anschlag England per Fähre verlassen hatte. Ein Video, in dem der Anführer der Attentäter, Mohammad Sidique Khan, gegen den Irakkrieg, die Politik von Premierminister Blair und die britische Lebensart wetterte, schien die Al-Qaida-These zu bestätigen: In dem Film war außer Khan auch Osama bin Ladens Stellvertreter Ayman al-Zawahiri zu sehen. Doch dieses Video, heißt es jetzt in dem Bericht, sei nach den Anschlägen zusammengeschnitten worden.

Die Ermittler bringen die Attentatspläne unter anderem mit dem Irakkrieg in Zusammenhang. Sein radikalisierender Effekt auf junge britische Muslime dürfte in dem Bericht eine kontroverse Rolle spielen. Außerdem werden Armut, mangelnde soziale Integration und die Frustration mit den offiziellen Vertretern der muslimischen Gemeinden als „motivierende Faktoren“ genannt.

Die Erkenntnisse des Innenministeriums bestätigen ein für die britischen Geheimdienste beunruhigendes Szenario: Der Terror-Feind sind junge Menschen aus dem eigenen Land, die viel schwerer zu identifizieren und zu überwachen sind als das Al-Qaida-Netzwerk. Dieses Bild bestätigt auch eine neue Bestandsaufnahme des britischen Inlandsgeheimdienstes MI5, über die gestern die „Sunday Times“ berichtete. Demnach sind in Großbritannien „mindestens 400 Al-Qaida-Terroristen auf freiem Fuß“ – doppelt so viele wie bisher angenommen. Offensichtlich benutzt die Zeitung die Bezeichnung „Al Qaida“ aber lediglich als griffiges Kürzel für islamische Terroristen. Es soll Personen bezeichnen, die in Großbritannien leben und bereit sind, Terroranschläge zu verüben oder bei ihrer Durchführung mitzuhelfen.

Auch eine Analyse des Koordinationsausschusses für alle britischen Geheimdienste spricht von Personen, die durch den Irakkrieg für terroristische Aktionen motiviert wurden. Unter den 400 sei ein „harter Kern“ von 40 bis 60 unter anderem in Pakistan ausgebildeten „Kämpfern“. Der Bericht nennt auch Terrorzentren in Großbritannien. Dazu gehöre vor allem Manchester. Dort, bestätigten Geheimdienstkreise, seien bereits mehrere Personen auf dem Weg in den Irak abgefangen worden, wo sie offenbar Selbstmordanschläge verüben wollten.

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