Zeitung Heute : Es soll ihr Schaden nicht sein

Warum Frauen Kopftücher tragen sollen – oder nicht

Suzan Gülfirat

In Europa sorgt das Kopftuch von Lehrerinnen nicht nur in Deutschland für Konfliktstoffe. In Frankreich ist es nicht erlaubt, in Holland lässt man Toleranz walten. Auch der Europäische Menschenrechtsgerichtshof musste sich im Jahr 2001 mit einem ähnlichen Fall befassen. Das Gericht in Straßburg wies die Beschwerde einer Grundschullehrerin aus der Schweiz ab, der das Tragen des Kopftuches untersagt war. Dabei sind sich selbst islamische Gelehrte nicht einig, ob Kopftuch oder nicht. „Ach wissen Sie. Meine Kinder können anziehen was sie wollen. Da kann ich anderen keine Ratschläge erteilen“, winkt Racip Türkoglu, der Chef der Moschee am Columbiadamm in Berlin- Neukölln ab, als er nach der genauen Sure im Koran befragt wird. Dann ringt er sich doch noch durch: „Auch für Männer gelten Regeln. Es darf sich lediglich nichts abzeichnen. Wie wenn jemand bekleidet aus dem Meer steigt, wenn sie verstehen, was ich meine“, sagt er. Also eine Auslegungssache?

Koranstelle ist umstritten

Die heilige Schrift der Muslime lässt eben viele Bekleidungsvorschriften für muslimische Frauen zu. Denn in Sure 35, Vers 59 heißt es etwas allgemein: „O Prophet, sag deinen Gattinnen und deinen Töchtern und den Frauen der Gläubigen, sie sollen etwas von ihrem Überwurf über sich herunterziehen.“ Für Frauen, „die sich zur Ruhe gesetzt haben und nicht mehr zu heiraten hoffen“, gelten die Bekleidungsvorschriften jedoch nicht. Für sie ist es „kein Vergehen, wenn sie ihre Kleider ablegen“, bei gleichzeitiger Selbstkontrolle, was heißen soll, dass das meist diskutierte Symbol des islamischen Glaubens, das Kopftuch, nicht zu trennen ist von Sexualität.

Während der Herrschaft der Taliban in Afghanistan mussten sich sogar die alten Frauen die Augen mit einem Netz bedecken. Andere lehnen die Pflicht zum Kopftuchtragen sogar ab, weil sie im Koran aus ihrer Sicht nicht ausdrücklich gefordert und lediglich zu Mohammeds Zeit bestehende kulturelle Tradition gewesen sei. Junge Männer mit islamistischer Gesinnung tragen dagegen lediglich ihren zarten Bartwuchs und stecken das Hemd nicht in die Hose, damit sich Hinterteil und Geschlecht nicht abzeichnen.

Auch die Homepage der Islamischen Gemeinde (arabisch) Deutschland gibt Aufschluss darüber, warum es für Frauen strengere Regeln gibt. „Der Schaden vorehelicher Beziehungen bei Mädchen ist größer als bei Jungen, da diese nicht schwanger werden können.“, heißt es dort zu der Frage, warum Eltern ihre Töchter nicht auf Klassenreisen fahren lassen.

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