Zeitung Heute : „Es tut sich was in Berlin“

Wowereit sollte nicht die Perspektiven des Standorts schädigen Von Jan Eder

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Der Industriestandort Berlin ist ins Gerede gekommen. In den vergangenen Wochen jagte eine Negativschlagzeile die andere. Samsung stellt seine Bildröhrenherstellung ein, CNH die Baumaschinenproduktion, der Videogeräteproduzent JVC schließt seine Werktore. Doch der Verlust von mehr als 1000 Arbeitsplätzen darf nicht die Sicht auf die Stärken der Berliner Industrie verstellen. Es waren betriebsinterne, nicht generelle Probleme des Standortes, die zu diesen Entscheidungen führten.

Die jüngsten Ereignisse sollten aber als Warnsignal verstanden werden. Politik und Verwaltung müssen noch stärker die Belange der Industrie im Blick haben. Der Senat muss die Stärkung der Wirtschaft und insbesondere der industriellen Basis als eine Querschnittsaufgabe begreifen. Notwendig sind regelmäßige Kontakte zu den Chefetagen der Unternehmen. Das ist das beste „Frühwarnsystem“ bei möglichen Problemen.

Ohne Industrie hat es auch der Dienstleistungsbereich auf Dauer schwer. Nur mit der Industrie kann die übrige Wirtschaft zukunftsträchtige Jobs schaffen. Immerhin finden noch immer rund 100 000 Menschen in Industriebetrieben Arbeit und Einkommen, etwa 6,5 Prozent aller Erwerbstätigen der Stadt. Hinzu kommt mindestens die gleiche Zahl an Arbeitsplätzen im Dienstleistungsbereich, die an der Industrie hängen. Mehr als jeder zehnte Euro in der Bruttowertschöpfung Berlins kommt aus der Industrie.

Wenn der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit behauptet, man müsse sich damit abfinden, dass es in der Industrie künftig nur noch wenige Arbeitsplätze gibt, dann ist das der falsche Weg. Das muss nicht sein. Die Berliner Industrie ist in weiten Teilen konkurrenzfähig, und in der Stadt stehen genügend freie Flächen für Ansiedlungen zur Verfügung. Unabhängig davon – ein Regierungschef sollte die Perspektiven seines Standorts nicht schädigen. Vielmehr sollten alle Senatsmitglieder Investoren den sprichwörtlich roten Teppich ausrollen.

Die Steuer- und Abgabenpolitik des Landes darf nicht weiter zum Belastungsfaktor werden. Kostensteigerungen sind unbedingt zu vermeiden. Im Gegenteil: Mittelfristig muss über Entlastungen nachgedacht werden. Für die Industrie müssen auch genügend qualifizierte Fachkräfte zur Verfügung stehen. Das Berliner Bildungssystem muss dem Rechnung tragen. Notwendig sind eine stärkere Praxisorientierung und ein breitgefächertes Angebot an Ausbildungseinrichtungen. Und ich sehe Potenzial bei der engeren Verzahnung von Wirtschaft und Wissenschaft. Aber auf diesem Feld tut sich was in Berlin. Und das ist gut so.

Der Autor ist Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer (IHK) Berlin.

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