Zeitung Heute : Es war eine gute Zeit

ROBERT LEICHT

Wieviel Spott hat Bonn, das Bundesdorf, in den vergangenen Jahrzehnten aushalten müssen! Und nun packt einen, am Ende der letzten aller Sitzungswochen dort, die sanfte Wehmut. Ein letzter Blick zurück über den Rhein: Was endet da, was fängt da an? Bonn - das war nicht nur das deutschlandpolitische Provisorium im engeren Sinne. Die Politik in Bonn hatte im weitesten Sinne etwas Vorläufiges an sich; ihr fehlte, bei allem Ernst, stets das letzte Element von Endgültigkeit und Endzeitlichkeit. Gewiß, Deutschland wurde durch die Front des Kalten Krieges durchschnitten - aber es lag nicht nur im Schaufenster, sondern zugleich im Windschatten der großen Politik: Nicht wirklich souverän, nicht wirklich zuständig, gefährdet zwar, aber nicht gefährlich.

Für die zweite Republik bot Bonn eine ungemein menschengemäße Kulisse, in der jede Aufgeblasenheit, jeder Pomp, jeder imperiale Gestus sich sogleich lächerlich gemacht hätte. Bonn - die Stadt stand nicht einfach für biedere Gemütlichkeit, aber doch für Gelten und Gelten lassen. Selbst noch der "rheinische Kapitalismus" - welch freundliche, ursprünglich von den Angelsachsen erfundene Formel für unseren dritten Weg! - schien nur in diesem gemäßigt atlantischen Klima gedeihen zu können.

Und was nun - die Berliner Republik? Ein Grund zur Sorge? - Längst nicht mehr! Denn das meiste, was sich seit 1989 geändert hat und ändern mußte, hatte sich schon geändert - in Bonn. Das eindrücklichste Beispiel bietet die neue deutsche Rolle in der Nato: Vor zehn Jahren rief der damalige Außenminister Genscher fast noch jeden Redakteur persönlich an, der auch nur zu erwägen gab, ob sich Deutschland nicht an unbewaffneten Einsätzen deutscher Soldaten bei UN-Blauhelmmissionen beteiligen könnte; das Grundgesetz verbiete derlei kategorisch - ob man denn schlafende Hunde wecken wolle. Inzwischen führte die Nato unter deutscher Beteiligung Krieg gegen Milosevic - ohne daß am Grundgesetz auch nur ein Iota geändert wurde. Vor allem aber: Deutschland handelte dabei in voller Übereinstimmung mit seinen Verbündeten; nicht die Beteiligung - ihre Verweigerung hätte zu einer Krise führen können.

Nicht minder wichtig das zweite Beispiel: Über die Bundesrepublik hieß es immer wieder, sie sei zwar ein wirtschaftlicher Riese, politisch aber ein Zwerg; ihre wirtschaftliche Bedeutung indessen werde von der starken D-Mark gestützt. Inzwischen wurde dieses primäre ökonomische Geschlechtsmerkmal, die von der Politik gerade unabhängige Notenbank europäisiert - und damit ein zentrales Stück nationalstaatlicher Souveränität entkernt. Beides zugleich, militärische und ökonomische Macht, stünden einem ohnedies undenkbaren nationalistischen Rückfall der Deutschen längst nicht mehr zur Verfügung.

Bonn - das war auf der Folie der ersten Berliner Republik (aus Weimar kam ja nur die Verfassung!), der ersten Republik und ihres Niederganges, ein Ort der Besinnung und Bescheidung geworden. Berlin - das wird auf der Folie des gelungenen Bonner Weges nach Europa, der zweiten Republik und der ersten zivilisierten Macht- und Wachwechsel der deutschen Geschichte ein politischer Ort werden, vor dem sich niemand mehr fürchten muß, weder hier noch dort. Und das Grundgesetz wird ohnedies auf alle Zeiten das Bonner Grundgesetz bleiben. Ein wenig Wehmut im Blick zurück auf Bonn - und ein bißchen Wagemut im Vorausblick auf Berlin. Tu felix Germania... ein ziemlich glückliches Deutschland, nach all dem Vorausgegangenen.

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