Zeitung Heute : Es war Schicksal

Wie sein schrottreifer Hyundai und die Verabredung mit der wunderschönen isländischen Miss World unserem Autor überraschend zu einem VIP-Ticket verhalfen. Ein modernes Märchen.

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Streng genommen: Mit Glück hat das alles eigentlich nichts mehr zu tun. Erlauben Sie mir an dieser Stelle, stattdessen von Schicksal zu sprechen.

Ich fahre einen Hyundai – einen schrottreifen aus dem Jahre 1998, um genau zu sein. Auf mein Auto ist zwar grundsätzlich Verlass, nur die Ersatzteile sind wahnsinnig teuer. Das wird Ihnen jeder Hyundai-Besitzer in Südafrika bestätigen. Es hat nur eine schlimme Macke: Die Elektronik, die die Autotüren steuert, lässt mir die wenigen Haare zu Berge stehen, die ich noch habe.

Warum ich Sie mit diesen trivialen Informationen über mein Privatleben belästige?

Nun: Als südafrikanischer Journalist mit einem Austausch-Stipendium von der WM in Deutschland berichten zu dürfen, darum beneiden mich viele meiner Freunde. Aber diese einmalige Erfahrung zu machen, ohne auch nur ein einziges Ticket für ein Spiel zu haben, ist wie ein Ausflug ins gelobte Land, ohne Milch und Honig kosten zu dürfen!

Plötzlich erfuhr ich, dass die 22-jährige Miss World, Unnur Birna Vilhjálmsdóttir aus Island, kommen würde, um das Spiel Brasilien – Kroatien anzuschauen. Sie sei eine große Freundin des Fußballs, hieß es, und natürlich wolle sie „vor dem Spiel noch schnell alle Sehenswürdigkeiten Berlins im neuen umweltfreundlichen Hyundai abfahren“.

Das Interview fand wenige Stunden vor dem Spiel statt. Gähn. Sind diese Frauen nicht alle gleich – groß, künstlich und ohne Unterbrechung vom Weltfrieden faselnd?

Schnell stellte sich heraus, dass diese Miss World ganz anders ist: höflich, freundlich und von extrem charmanter Natürlichkeit. Sie verdient es überraschenderweise wirklich, die Krone zu tragen. Ihre Mutter, die 1983 Miss Island war, hatte ebenfalls bei der Wahl zur Miss World mitgemacht. Doch kurz vor dem entscheidenden Schaulaufen musste sie sich übergeben – sie war schwanger und brach den Wettkampf ab. Sechs Monate später wurde Unnur Birna Vilhjálmsdóttir geboren. Der Rest ist Geschichte.

Naturgemäß durfte der Kollege einer Nachrichtenagentur Unnur zuerst interviewen. Als er fertig war, fragten ihn Unnurs PR-Leute, ob er daran interessiert sei, mit Miss World GEMEINSAM das Spiel im VIP-Bereich zu verfolgen. Doch der unbestechliche Kollege lehnte ab.

Zum Glück kenne ICH keine ethischen Bedenken.

Das Spiel im Olympiastadion war mehr, als ich mir je erträumt habe: Gratisdrinks, Gratisessen, Gratis Miss World! Die Krönung.

Wer hätte gedacht, dass der Ärger mit meinem lieben alten Auto sich einmal auszahlen würde.

Charles de Olim

Übersetzt von Esther Kogelboom

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