Zeitung Heute : "Es war schummrig, feucht und kühl..."

Georg Kürzinger: Das Ägypten des Nagib M

Das Kaffeehaus ist einer der Orte, an den die Prosabewegungen des ägyptischen Nobelpreisträgers Nagib Machfus immer wieder zurückkehren: "Schläfrige Ruhe herrschte hier, was ansonsten ungewöhnlich war; es war schummrig, feucht und kühl. Die Gäste saßen grüppchenweise zusammen, entweder in einer Nische oder auf einem der Sofas, rauchten Wasserpfeife, schlürften Tee und überließen sich Plaudereien, so dass ein ständiges schwaches Gesumme herrschte". Diese Beschreibung aus dem Roman "Palast der Sehnsucht" ist nur eine der Stellen aus dem Werk von Machfus, die dem Fotografen Georg Kürzinger als Vorlage dienten: Er suchte in Ägypten und vor allem in Kairo diejenigen Orte auf, das Licht und die Farben, die Machfus am meisten entsprechen und die er immer wieder thematisiert. Der Nil wird sichtbar, Monumente der pharaonischen Vergangenheit, wie sie im normalen Stadtbild auftauchen, der Islam und die Kopten, das Bindeglied zwischen pharaonischer und islamischer Kultur - und natürlich die Gassen, in deren enger Welt Machfus zuhause ist: "Am tiefsten ist mein Herz in den Altstadtvierteln von Kairo verwurzelt, ganz besonders im Gamalija-Viertel, in dem ich geboren wurde und die Jahre meiner Kindheit verbrachte." "Die Kinder unseres Viertels" von 1959 ist neben seiner Trilogie über eine Kairoer Familie ("Zwischen den Palästen", "Palast der Sehnsucht" und "Zuckergässchen") wohl sein bekanntester Roman und Anlass für den Nobelpreis 1988.

Der vorliegende Fotoband setzt Text und Bild in einer recht behutsamen Weise zueinander: es gibt nichts Kommentierendes und Ausschmückendes, sondern nur Textpassagen von Machfus selbst. So entsteht ein "Dialog zwischen zwei verschiedenen Kulturen", wie Machfus selbst schreibt - arabische Erzähltradition und westliche Bildsprache, die allerdings nie der Suggestion von Ansichtskarten verfällt. Machfus, der 1911 geboren wurde, hat Ägypten insgesamt nur drei Mal verlassen. Und außer in den heißesten Sommerwochen, die er immer in Alexandria am Mittelmeer verbrachte, lebte er auch immer in Kairo. Trotz aller politischer Kalamitäten, in die er, der Freigeist und Schriftsteller, immer wieder hineingeriet - auch aufgrund des Nobelpreises, der vermeintlich antiislamische Tendenzen belohnt habe - betont er das Erbe von 7000 Jahren pharaonischer und 1400 Jahren islamischer Zivilisation als maßgeblich: "Der Islam ist eine Religion der Weisheit, der Wissenschaft und der Offenheit." Die Fotos Georg Kürzingers spüren dem Alltag nach, der vor diesem Hintergrund stattfindet - ein Spiel zwischen Nähe und Distanz, das aber das Fremde als das Fremde belässt. HELMUT BÖTTIGER

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