ES WERDE LICHT : Lampion Madame

Egal, ob an- oder ausgeschaltet, sagt Inga Sempé, eine Lampe muss immer gut aussehen. Ein Besuch bei Frankreichs Topdesignerin

Martina Meister

Ihre Wohnung in Paris sieht nicht aus wie die einer Designerin. Das könnte Koketterie sein, ist es aber nicht. Inga Sempé ist alles andere als kokett. Sie ist gerade heraus. So direkt, dass man sagen könnte, sie ist ein wenig stachelig.

Man darf ihr nicht mit Klischees kommen. Mit Etiketten wie: „France’s hottest designer“, als die sie einmal bezeichnet worden ist. Das wird sie nicht gemocht haben. „Heiß“ – hätte man das etwa über einen männlichen Kollegen gesagt? Aber fest steht: Die 38-jährige Französin gehört zu denen, die von sich reden machen. Und das liegt nicht an ihrem berühmten Vater, dem Cartoonisten Jean-Jacques Sempé, dem Erfinder des „Kleinen Nick“. Noch so ein Thema, bei dem Sempé ihre Stacheln ausfährt. Aber davon später.

Inga Sempé ist auf erfrischende Art ungewöhnlich und auch etwas unfranzösisch. Lange berichteten Journalisten nach Hausbesuchen bei der Designerin, dass sie über kein Nudelsieb verfüge und nackte Glühbirnen von den Decken ihrer Zimmer baumeln. Inzwischen hängt, zumindest im Flur, ein Chinaballon. Dabei entwirft Sempé wunderbare Lampen. Lampen, die eigentümlich sind, manchmal extrem verträumt, andere Male äußerst streng, aber in der Regel praktisch.

Vor zehn Jahren, als sie sich gerade selbstständig gemacht hatte, entwickelte sie ein ausziehbares Licht, die „Lampe Extensible“. Man konnte sie wie einen Lampion zusammendrücken und beliebig wieder ausziehen. Das Thema „Falten“ kündigte sich an, das sie bis heute fasziniert.

Vergangenes Jahr hat sie auf der Mailänder Möbelmesse ihre Lampe „Vapeur“ präsentiert, ein enormer Erfolg. Die verschiedenen Varianten sehen aus wie Kochmützen, aber daran, sagt Sempé, habe sie überhaupt nicht gedacht. Eher an Dampf, an Qualm, der aus einem Schornstein aufsteigt, an vapeur eben, der in seiner Form veränderlich, niemals starr ist.

Etliche Vapeur-Lampen stehen in ihrem Atelier in verschiedenen Größen und Varianten – Stehlampen, Hängelampen, Entwürfe, Vorstufen, Prototypen. Sie sind aus Tyvek, einem Material, das normalerweise für Schutzanzüge verwendet wird. Sempé mag Tyvek, weil es sich wie Papier verarbeiten lässt. Sind auch ihre weißen, leicht zerlöcherten Vorhänge aus Tyvek? Nein, sagt sie. Das seien militärische Tarndecken für Einsätze im Schnee. Sie hat sie bei Doursoux gefunden, einem Laden für Militärartikel.

Die Designerin wohnt mit ihrem Mann, der zweijährigen Tochter und dem elfjährigen Sohn in einer 100-Quadratmeter-Wohnung am Boulevard Magenta, zwischen Gare de l’Est und Les Halles, in einer Gegend, die man auch als etwas stachelig bezeichnen könnte. Aber die Gentrification ist schon in Gang und das Gesicht der Straßen und ihrer Bewohner bereits dabei, sich zu verändern. Sempé mag ihr Viertel – und hasst das museale Paris, das sich langsam, wie sie sagt, in ein „riesiges Einkaufszentrum für Schuhe und Klamotten“ verwandelt.

Während sie das sagt, sitzt sie in ihrem Büro, dem einzigen Raum der Wohnung, der auf den Boulevard geht, die Beine hochgezogen, auf einem Bürostuhl, den sie angeblich aus dem Sperrmüll hat. Ihr Schreibtisch ist eine simple Platte auf Böcken. Das Modem ruht in einem Packkarton. In den Regalen stehen handgefertigte Miniaturmodelle ihrer Möbel. Das schöne Sofa Ruché, das sie für Ligne Roset entworfen hat. Aber Möbel, sagt Sempé, interessieren sie eigentlich nicht. Nicht wirklich.

Es sind Lampen, die sie faszinieren. Sie liebt die Freiheit, den Spielraum, den sie bieten. Man kann in allen Maßstäben arbeiten, riesengroße Leuchter machen, Miniaturlampen für den Nachttisch. Anders als beim Stuhl gibt es keine Körpermasse, die man berücksichtigen muss. „Und“, fügt Sempé hinzu, „sie müssen schön sein, wenn das Licht brennt, und schön, wenn es ausgeschaltet ist.“

Ob „Vapeur“ ihr größter Erfolg war? „Ganz und gar nicht“, erwidert sie scharf. Da waren zahlreiche Sofas, Chantilly mit Namen, Moël. Oder das Borstenregal, das sie für die italienische Firma Edra entworfen hat. Ein Regal, das offen und zugleich geschlossen ist, weil es mit Borsten verhängt ist. Wenn man etwas herausnehmen will, muss man durch eine Front aus Industrieborsten hindurchfassen. Dahinter staubt nichts ein – aber man sollte besser wissen, wo die Bücher stehen.

Mit Entwürfen wie diesen kommt man in die Hochglanzmagazine. „Aber das heißt noch lange nicht, dass sie erfolgreich sind. Das ist wie bei der Haute-Couture“, sagt sie. „Es wird überall darüber geschrieben, aber niemand kauft das Zeug.“

Andrée Putman, die große alte Dame des französischen Designs, für die Sempé zwei Jahre lang gearbeitet hat, sagt über sie: „Ihre Arbeit hat etwas Provokantes und zugleich ist sie Zeugnis eines unglaublichen Erfindungsgeistes.“ Tatsächlich mag sie das, Erfindungen machen. Aber sie ist bescheidener und nennt es: Systeme entwickeln. Dinge, die so gut durchdacht sind, so klug und so neu, dass man Patente für sie beantragen muss. Einmal ist ihr das gelungen mit ihrer Wanduhr, der „Horloge“, die zugleich analog und digital ist. Es gibt kein Zifferblatt, aber ihre Zeiger bewegen sich wie mechanisch, und je nach Position zeigen großer und kleiner Zeiger auf einer LED-Anzeige die Stunden und Minuten an.

Am liebsten, sagt Sempé, würde sie Werkzeuge entwerfen, einen Hammer, Rollen für Möbel, kleine Dinge des täglichen Gebrauchs. Oder Autos. Sie liebt den Triporteur von Piaggio, die sogenannte Vespacar, eine Art improvisierter Lieferkastenwagen auf drei Rädern.

Früher hat sie ihre Entwürfe erst gezeichnet, dann mit der entsprechenden Software dreidimensional umgesetzt und die Modelle selbst gebastelt. Inzwischen kommt sie dazu nicht mehr. Zwei Angestellte helfen ihr. Das Zeichnen, sagt sie, hasst sie sowieso. Das Zeichnen? Obwohl überall zu lesen ist, sie habe das Talent von ihren Eltern geerbt? „Völliger Unsinn“, natürlich würde sie so etwas nie sagen. Überhaupt habe man ihr noch nie eine Frage über ihren Vater gestellt, die nicht ins Klischee abgerutscht wäre. Alle würden sie fragen, welchen Einfluss der Vater gehabt habe, aber niemand, welchen Einfluss ihre Mutter Mette Ivers hatte.

Auch diese ist Illustratorin. Von ihr stammen die Zeichnungen zu Astrid Lindgrens Roman „Ronja, die Räubertochter“. Aber dafür interessiert sich niemand. Hat sie, die Dänin, ihre Tochter zum Design gebracht, das in Frankreich seit jeher keinen starken Stand hat? „Nein“, sagt Sempé. „Meine Mutter liebt Flohmärkte, aber keine modernen Objekte.“ Sie habe eine Salatschüssel von einem bekannten skandinavischen Designer im Schrank gehabt, sie aber nie benutzt. „Das Einzige, was bei uns nordisch war, waren die Essenszeiten.“

Inga Sempé hasst das Wort Inspiration, weil es nach Diebstahl klingt, sie interessiert sich nicht für Kunst, findet Innenarchitektur tödlich langweilig und das Wort Zeitgeist treibt sie in die Flucht. Daheim bei ihr fällt der Blick auf eine Käsereibe im Regal, deren Löcher die Form des italienischen Stiefels haben. Auch ein Nudelsieb hat sie dazu entworfen für eine Ausstellung zum Thema italienische Souvenirs. Aber das steht nicht in ihrer Küche, weil es nie in die Herstellung gegangen ist. Sempé hat es trotzdem inzwischen zu einem eigenen Nudelsieb gebracht. Bei Ebay hat sie eins ersteigert, ein Aluminiummodell aus den 60er Jahren. Es hat drei Füße und ist, wie sie sagt, alles andere als perfekt.

Aus Glas und Metall ist diese Lampe, die sich neigt, wenn man am Rädchen dreht. Inga Sempé entwarf sie im Jahr 2007.

Ziemlich groß ist die Lampe, die Sempé für die italienische Design-Firma Cappellini entwarf: 2,10 Meter hoch mit einem Meter Durchmesser.

Die Firma Wästberg verkauft diese Sempé- Lampe, die wie ein kleiner Schirm wirkt und in verschiedene Positionen gebracht werden kann.

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